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Wilhelm Nowak

VERLEGEORT
Wismarer Straße 19

BEZIRK/ORTSTEIL
Steglitz-Zehlendorf – Lichterfelde
VERLEGEDATUM
08.05.2006

GEBOREN
23.01.1922 in Weisdin (Kr. Stargard)
INHAFTIERT
ab März 1940 bis August 1944 im KZ Sachsenhausen
HINGERICHTET
22.08.1944 im KZ-Außenlager Lichterfelde

Wilhelm Nowak wurde am 23.1.1922 in Weisdin, Kreis Stargard in Mecklenburg als Sohn polnischer Eltern geboren, die sich als saisonale Erntehelfer – damals meist aus Polen – auf Bauernhöfen verdingten und volkstümlich „Schnitter“ genannt wurden. Wilhelm Nowak wurde am 8.3.1940 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert und bekam die Häftlingsnummer 20.830. Ein Einweisungsgrund ist bisher nicht bekannt.

Als Lichterfelder Häftling war er dem Arbeitskommando „Spinnstofffabrik Zehlendorf“ als Tischler zugeteilt. Gemeinsam mit Richard Schmeing gelang am 10.6.1944 – er war nun 22 Jahre jung – von seinem Arbeitskommando in der Spinnstofffabrik die Flucht. Im Rahmen einer Suchaktion, die aber nicht den entflohenen KZ-Häftlingen, sondern einem über einem Waldstück abgeschossenen britischen Piloten galt, wurden sie beide oder Wilhelm Nowak alleine in der Nähe von Cottbus bereits wenige Tage später ergriffen. Beide, Richard Schmeing und Wilhelm Nowak, wurden in das KZ Sachsenhausen gebracht und in die Strafkompanie, dem sogenannten Schuhläuferkommando, eingewiesen. Da sich Wilhelm Nowak seiner Festnahme angeblich durch Gewalt widersetzt hatte – er soll mit einem Messer einen Polizisten verletzt haben – wurde er auf Befehl Himmlers zum Tode durch den Würgegalgen ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren „verurteilt“. Am 22.8.1944 wurde Wilhelm Nowak, an Händen und Füßen gefesselt, mit einem Sarg und einem transportablen Galgen im KZ Sachsenhausen auf einen Lkw verladen und zum Außenlager Lichterfelde gefahren. Alle Häftlinge in Lichterfelde mussten auf dem Appellplatz nach dem Abendappell antreten. Höhn erklärte den versammelten Häftlingen „einem jeden der ’türme’, werde es ebenso ergehen“. Dann trieb Höhn den Delinquenten mit den Worten „Los, Du Schweinehund“ zum Galgen und erteilte dem Sachsenhausener KZ-Häftling und Lagerhenker Johann Gärtner den Exekutionsbefehl. Gärtner wurde 1951 vom „Obergericht der Hohen Alliierten Kommission in Deutschland in Rastatt“ zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Wilhelm Nowak wurde um 19.15 Uhr mittels dieses mitgebrachten Galgens nicht „normal“ erhängt, sondern mit einer am Galgen angebrachten Winde hochgezogen und somit allmählich erdrosselt. Ein dabei anwesender Häftling schilderte das Verhalten der SS-Leute wie folgt: „Oberscharführer Seifert aus dem Sudetenland war auch nicht zartbesaitet. Aber er sagte zu dem kommandierenden

Offizier, mache ihm doch wenigstens die Füße los. Die Antwort, ein markiges ’Nein’. Dieser kommandierende Offizier war Untersturmführer Höhn.“ Die Hinrichtung dieses Häftlings ist von der Nachkriegsjustiz ausreichend dokumentiert, bis hin zu seiner Sterbeurkunde. Nur das Gedächtnis des Lagerführers und Exekutors Höhn war bei seiner Verhandlung im Landgericht Düsseldorf 1956 über den Tathergang getrübt. Zu diesem Mord, der auch vom Landgericht als Mord klassifiziert wurde, weil vorher kein justiziables Strafverfahren stattgefunden hatte, gab Höhn

dem Gericht folgende zusammenfassende Erklärung für sein Handeln ab:

• Ich hielt mich im Lager ab ca. 16 Uhr auf, hatte „alte Kameraden“ (Höhn war ja auch in Lichterfelde Lagerführer gewesen) getroffen und stand wegen der „Freude des Wiedersehens“ unter Alkoholeinfluss. Also, ich war zur Tatzeit unzurechnungsfähig.

• Ich hatte einen Befehl des Reichsführers auszuführen! Also, ich befand mich im Befehlsnotstand.

• Ich hatte die Information, dass der Delinquent einen Polizisten so schwer verletzt hatte, dass dieser an den Folgen verstarb. Es war Mord! Also, das Todesurteil wäre auch von der damaligen Justiz ausgesprochen worden, war also rechtmäßig.

• Ich habe auf Grund des Alkoholgenusses keine Erinnerung mehr an die Exekution! Also, Gedächtnisverlust!

Da das Lager Lichterfelde dem Stammlager Sachsenhausen unterstand, ist als Todesort Sachsenhausen angegeben. Dort ist dann sein Leichnam verbrannt worden. Gerard de Ruiter, ehemaliger Häftling in Lichterfelde, hat die Ermordung mit erleben müssen und berichtete, dass die angetretenen Häftlinge zur Verwunderung der SS das „Sachsenhausenlied“ als letztes Zeichen ihrer Solidarität mit Wilhelm Nowak angestimmt hätten. Obwohl eine solche Handlung verboten war, schritt die SS gegen die Häftlinge nicht ein.


Biografische Zusammenstellung

Klaus Leutner, Das Konzentrationslager Lichterfelde, Berlin 2011, S.23f