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Dr. Martin Matzdorf

Dr. Martin Matzdorf 1939. Copyright: Hilda M. Tichauer
VERLEGEORT
Fregestr. 78

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
28.03.2013

GEBOREN
12.06.1877 in Briesen (Westpreußen) / Wąbrzeźno
BERUF
Richter
DEPORTATION
am 14.12.1942 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Martin Matzdorf wurde am 12. Juni 1877 im westpreußischen Briesen (heute: Wąbrzeźno / Polen) geboren und absolvierte eine klassische humanistische Schulausbildung mit Griechisch und Latein. Er studierte Jura in Berlin und schloss mit dem 1. Staatsexamen und der Promotion ab. 1906 beendete er die Ausbildung mit dem 2. Staatsexamen und arbeitete als Aushilfe bei verschiedenen Gerichten, bis er im März 1917 eine feste Stelle als Richter beim Landgericht Guben bekam. Er heiratete – wahrscheinlich 1913 – die elf Jahre jüngere Anna Michaelis. Die beiden Töchter Eva und Hilda wurden 1914 in Berlin und 1920 in Guben geboren. Da Martin Matzdorf stark kurzsichtig war, konnte er 1914 nicht Soldat werden. Von 1917 bis 1926 lebte die Familie in Guben, wo er zuletzt Richter beim Amtsgericht war. Mit der Versetzung an das Amtsgericht Berlin-Tempelhof zog die Familie 1926 wieder nach Berlin und wohnte in der Fregestraße 78, 2. Etage. Insbesondere der Ehefrau hatten in Guben kulturelle Angebote gefehlt, nun konnten Ausstellungen, Theater und Konzerte auch Anregungen für ihre Töchter sein. Die Familie gehörte zur liberalen Gemeinde in der Prinzregentenstraße 69–70. Seit Juli 1927 Richter beim Arbeitsgericht, wurde Martin Matzdorf Anfang 1929 Vorsitzender der Kammer 8 für Handlungsgehilfen und -lehrlinge.

Nachdem Martin Matzdorf aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im April 1933 zwangsweise beurlaubt worden war, erfolgte im November 1933 die endgültige Entlassung lediglich mit einem kleinen Ruhegehalt, da er im August 1914 noch keine feste Planstelle gehabt hatte und kein Frontsoldat gewesen war. Ab 1936 bemühte sich Anna Matzdorf über einen Studienfreund des Vaters um Affidavits (Bürgschaften) zur Einreise in die USA. Martin Matzdorf galt wegen seines Geburtsortes, der ab 1920 in Polen lag, als Pole. Damit war eine Frist von fünf Jahren bis zur Einreise in die USA verbunden. Die Geldbeträge, die die New Yorker Freunde als Sicherheit für die Einreise der Familie überwiesen, wurden zurücktransferiert; so zerschlug sich die Hoffnung auf die Ausreise. Den Töchtern gelang im November 1938 auf Vermittlung einer Freundin von Anna Matzdorf die Emigration nach Großbritannien. Im Februar 1941 mussten Matzdorfs zwei Untermieterinnen aufnahmen, einer von ihnen gelang noch die Ausreise nach Großbritannien. Martin Matzdorf wurde Zwangsarbeiter bei der Reinickendorfer Maschinenbaufirma W. Schubert. Zum 1. November 1942 mussten die Eheleute die Wohnung aufgeben, die Möbel und den Haushalt bei einer Steglitzer Spedition einlagern. Sie wurden als Untermieter bei Max Gutter in der Kirchstraße 25 (heute: Schmiljahnstraße) eingewiesen.

Anfang Dezember 1942 kamen Anna und Martin Matzdorf, inzwischen 54 und 65 Jahre alt, in das seit April 1942 eröffnete Sammellager Große Hamburger Straße 26. Nach einer letzten Vermögenserklärung wurde ihnen am 14. Dezember 1942 die Enteignung mitgeteilt. Am Tag darauf wurden Anna und Martin Matzdorf mit 850 Menschen über den Güterbahnhof Moabit-Putlitzbrücke nach Auschwitz deportiert. Hier wurden sie wahrscheinlich bei der Ankunft am 15. Dezember zum Tod in den Gaskammern selektiert.

Nach Kriegsende suchten die Töchter vergeblich nach den Eltern und ließen sie 1948 für tot erklären. Beide heirateten und bekamen je eine Tochter. 1959 erreichten Eva und Hilda nach jahrelangen Auseinandersetzungen eine Wiedergutmachungszahlung. Beide sind inzwischen verwitwet. Eva lebt in München und Hilda in Harrow, Middlesex.

Am 28. November 2012 wurde für Martin Matzdorf und vier weitere Arbeitsrichter auf dem Magdeburger Platz 1, Arbeitsgericht Berlin-Tiergarten, Stolpersteine verlegt und eine Gedenktafel enthüllt. Am 28. März 2013 wurden unter Beteiligung der Töchter von einer Anwohnerin Stolpersteine für Anna und Martin Matzdorf vor dem ehemaligen Wohnhaus verlegt.


Biografische Zusammenstellung

Christl Wickert/ Hannelore Emmerich