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Erich Julius Boronow

Erich Julius Boronow. Copyright: Daphna Pinsky
Stolpersteine für Erich und Ella Boronow sowie Georg Moses Kaliski. Copyright: MTS
VERLEGEORT
Habsburger Str. 12

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
28.03.2013

GEBOREN
25.08.1906 in Breslau / Wrocław
BERUF
Grundschullehrer
INHAFTIERT
ab 18.11.1938 bis 1939 in Plötzensee
INHAFTIERT
ab 1939 bis August 1940 im Moorlager Mulmshorn
INHAFTIERT
ab August 1940 in Hameln
INHAFTIERT
ab 30.11.1940 in Sachsenhausen
HINGERICHTET
28.05.1942 in Sachsenhausen

Erich Boronow wurde am 25. August 1906 in Breslau als Sohn des Zahnarztes Josef Boronow (1872-1929) und seiner Ehefrau Ella, geborene Glücksmann (1879-1942 Auschwitz), geboren. Er hatte vier Geschwister: die Schwestern Toni (1903-1973), Katharina (1908-1932) und Stephanie (1910-1993) sowie den Bruder Johannes (1914-1981).

Erich Boronow wurde Grundschullehrer: Er studierte an der Pädagogischen Akademie in Frankfurt/Main und absolvierte dort am 23. März 1933 seine erste Lehrerprüfung. Aus den noch erhaltenen Briefen an die bereits 1933 mit ihrem Ehemann nach Palästina emigrierte Schwester Stephanie konnten wir einiges über sein Leben nach 1933 erfahren: Erich Boronow kehrte wahrscheinlich nach Berlin zurück und arbeitete in seinem Beruf als Lehrer. Er wohnte mit seiner Schwester Toni in der Habsburger Straße 12. Dort lebte seit 1934 auch die Mutter Ella Boronow, die aus Breslau nach Berlin gekommen war. Die Familie war sehr musikalisch und machte gemeinsam Hausmusik. Erich Boronow spielte Geige, Klavier und Blockflöte. Er war mit einer Frau, die als „Hedi“ erwähnt wird, verlobt, von der er sich aber 1938 trennte. Neben seiner Tätigkeit als Grundschullehrer besuchte er 1938 – als Vorbereitung zur Emigration – einen Werklehrerkursus. Es war ein sehr anstrengendes Leben. In seinen Briefen berichtete er zwar auch von einer neuen „Liebe“, der 21jährigen Gerda, sorgte sich aber vor allem um seine Familie, um die Mutter und die Geschwister. Über seine politischen Ansichten und ein etwaiges Engagement konnte oder/und wollte er nichts schreiben.

Am 18. November 1938 wurde Erich Boronow aus politischen Gründen verhaftet und kam in das Straf- und Unter-suchungsgefängnis Berlin-Plötzensee. Seine Briefe kamen nun aus der Strafanstalt. Er saß in Einzelhaft (ein Zeichen, dass er politischer Häftling war), hatte eine stumpfsinnige Arbeit, wurde vernommen, wartete auf seinen Anwalt. Der letzte Brief aus Plötzensee ist vom 15. Mai 1939. Über einen Prozess oder ein Urteil ist nichts zu erfahren. 1939 wurde Erich Boronow in das Zuchthaus Celle verlegt und kam dort in ein Außenkommando der Anstalt, in das Moorlager Mulmshorn (seit 1974 ein Ortsteil von Rotenburg/Wümme) in der Nähe von Bremen. In Mulmshorn mussten die Häftlinge in einem privaten Torfwerk arbeiten, das einen Kooperationsvertrag mit dem Zuchthaus hatte. Sie lebten in einem Barackenlager. Durch die schwere Arbeit und das wenige Essen waren die Häftlinge schon nach kurzer Zeit in einem schrecklichen Zustand. Mitte August 1940 kam Boronow in das Zuchthaus Hameln. Seine Strafe war am 9. November 1940 abgelaufen und er wurde von Hameln zur Gestapo nach Berlin überwiesen. „Gestapo“ nach einer Strafhaft bedeutete Konzentrationslager: Am 30. November 1940 kam Erich Boronow in das KZ Sachsenhausen. Erhalten blieb ein letzter Brief aus dem Konzentrationslager vom 10. Mai 1942. Der Schrecken war ausgespart, er freute sich über den Frühling.

Am 18. Mai 1942 verübten Mitglieder der jüdisch-kommunistischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum einen Brandanschlag auf die Propaganda-Ausstellung „Das Sowjet-Paradies“. Gezeigt werden sollten in dieser Ausstellung „Armut, Elend, Verkommenheit und Not“ in der Sowjetunion. Der Anschlag richtete nur geringen Schaden an, aber es folgte eine Strafaktion, in deren Verlauf 250 Juden erschossen wurden. Am 28. Mai 1942 wurden 96 jüdische Häftlinge des Konzentrationslagers ermordet, darunter auch Erich Boronow. Am Morgen des 29. Mai 1942 wurden 154 aus Berlin herangeschaffte Juden erschossen, darunter Erichs Schwager Georg Kaliski, Ehemann seiner Schwester Toni. Auf dem Industriehof des Lagers war im Frühjahr 1942 eine Genick-schussanlage errichtet worden, von der SS als „Station Z“ bezeichnet, die mit der Ermordung der 250 Juden zum ersten Mal benutzt wurde.

Die Mutter Ella Boronow kam im Dezember des Jahres 1942 in Auschwitz um. Seine Schwester Toni wurde am 1. Juni 1942 über ihre bevorstehende Deportation in das Ghettolager Theresienstadt informiert. Sie ging in die Illegalität und überlebte mit Hilfe von Freunden in Berlin. Toni Kaliski starb am 11. Februar 1973 in Berlin-Wilmersdorf. Der Bruder Johannes starb 1981 in Australien, die Schwester Stephanie, Empfängerin der vielen Briefe, 1993 in Israel.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlinde Peters auf der Grundlage der ausführlichen Vorarbeiten von Hannelore Emmerich und eigener Recherchen