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Else Linke (geb. Krüger)

Else Linke um 1930. Foto: Familienarchiv Garbusowa.
Else und Emil mit ihren Kindern Wolfgang, Johanna und Martin um 1935. Foto: Familienarchiv Garbusowa.
Else (2. von links) und Emil Linke (2. von rechts) im Kreis ihrer Genossen. Foto: Familienarchiv Garbusowa.
VERLEGEORT
Böhmische Straße 28 a

BEZIRK/ORTSTEIL
Neukölln – Neukölln
VERLEGEDATUM
19.09.2013

GEBOREN
10.09.1901 in Bromberg (Posen) / Bydgoszcz
BERUF
Schneiderin
FLUCHT
Tschechoslowakei, Sowjetunion
ÜBERLEBT

Else Krüger war das dritte von fünf Kindern der Familie. Die Krügers zogen 1906 nach Berlin-Rixdorf, weil sie sich ein besseres Leben erhofften. Elses Mutter nähte in Heimarbeit Schürzen, der Vater war Schichtarbeiter in einem Gaswerk. Das bessere Leben wollte sich aber nicht einstellen. Else besuchte die Volksschule und erlernte danach das Schneiderhandwerk. Im Alter von 15 Jahren wurde sie Arbeiterin in einer Druckerei und sorgte selbst für ihren Lebensunterhalt. Sie erlebte, fast noch ein Kind, den Ersten Weltkrieg und die Nachkriegsjahre mit Not und Entbehrungen. Um sich eine stabile Lebensgrundlage zu schaffen, besuchte Else Krüger neben ihrer Fabrikarbeit eine Abendschule. Sie belegte Kurse in Deutsch, Literaturgeschichte, Mathematik, Stenografie und Schreibmaschine, legte die entsprechenden Prüfungen ab und wurde 1918 als Kontoristin im Warenhaus Tietz angestellt. Sie begann zu begreifen, dass Bildung und die Abschaffung des Kapitalismus die wirklichen Voraussetzungen für ein besseres Leben sind. Diese Einsicht führte sie zur Mitarbeit in der kommunistischen Arbeiterjugendbewegung. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Emil Linke kennen.

1924 heirateten Else Krüger und Emil Linke. Sie bezogen eine Wohnung in Berlin-Neukölln. Else Linke brachte 1925, 1926 und 1927 die gemeinsamen Kinder Martin, Johanna und Wolfgang zur Welt. Else arbeitete nun als Näherin in Heimarbeit. Nachdem ihr Mann arbeitslos wurde, war dies die einzige Einnahmequelle für die Familie. Vor allem nachts, während die Kinder schliefen, saß Else an der Nähmaschine. Am Tage verkaufte Emil Linke die Waren auf dem Wochenmarkt Treptower / Ecke Donaustraße.

Else Linke trat im Jahr der Geburt von Wolfgang der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei. Wie ihr Mann betätigte sie sich neben der Erziehung ihrer Kinder und ihrer Arbeit als verantwortliche Funktionärin der KPD in Neukölln. Else Linke war politische Leiterin einer Straßenzelle, Kassiererin, Literaturverantwortliche und viele Jahre lang Wohlfahrtspflegerin. 1932 wurde sie auf Vorschlag der KPD Bezirksvorsteherin der Kommission für Wohlfahrtspflege des Stadtbezirks Neukölln, weil die SPD auf dieses ehrenamtliche Mandat verzichtete. Diese Funktion hatte sie bis Ende März 1933 inne, danach wurde ein SA-Mann kommissarisch eingesetzt.

Gemeinsam mit ihrem Mann Emil Linke organisierte Else Linke 1931 einen Mieterstreik gegen die Eröffnung des SA-Lokals Richardsburg in der Richardstraße 35.

Nach der Flucht von Emil Linke nach Prag im Zusammenhang mit der Wiederaufnahme des Richard-Straßen-Prozesses durch die Nazis im Februar 1935 gab es bei Else Linke und ihren Kindern ständige Hausdurchsuchungen und Verhöre durch die Gestapo. Else wurde aber dadurch nur in ihrem Kampf gegen die Nazis bestärkt.

Da im Herbst 1935 von Prag aus der Gegenprozess eingeleitet wurde, bekam Else Linke durch die KPD ebenfalls den Auftrag, sich und ihre drei Kinder in Sicherheit zu bringen, da ihr sonst Verhaftung drohe. Sie sollte gemeinsam mit Grete, der Frau von Josef Erdmann, und deren Tochter Annemarie, in die CSR (nach Prag) emigrieren. Die Flucht und der illegale Grenzübertritt wurden von Genossen organisiert. In Prag sollten sie von dort lebenden deutschen Genossen am Bahnhof abgeholt werden. In der Nachbarschaft in Neukölln durfte kein Aufsehen geschehen. Die Kinder erhielten am 24. Oktober einen Entschuldigungszettel für die Schule, mit der Bitte um acht Tage Urlaub. Die fertigen Näharbeiten wurden abgegeben, die Bezahlung der Miete geregelt und nur das Notwendigste eingepackt. Am 25. Oktober frühmorgens gegen 5 Uhr fuhren Else Linke und Grete Erdmann mit ihren Kindern vom Görlitzer Bahnhof mit dem Zug nach Krummhübel, dem heutigen Karpazc. Von dort sollte es zu Fuß zur Prinz-Heinrich-Baude und über den Kamm des Riesengebirges in die CSR gehen. Der erste Versuch gelang nicht. Es war Schneesturm und der Schnee lag meterhoch, so dass kein Weg zu sehen war. Nach drei Stunden machten die Frauen mit ihren Kindern kehrt und fuhren über Dresden ins Erzgebirge. Es gab Verbindungen zu ortsansässigen Kommunisten, die wiederum Grenzschmuggler kannten. Mit deren Hilfe gelang am dritten Tag der Grenzübertritt. Erst am vierten Tag nach dem geplanten Termin gelangten Else, Grete und die vier Kinder erschöpft in Prag auf dem Bahnhof an. Die dortigen Genossen mussten davon ausgehen, dass die Flucht misslungen war und erwarteten sie nicht mehr. Adressen hatten die Frauen nicht. So machte sich Grete Erdmann auf „gut Glück“ auf den Weg in die Stadt, und tatsächlich traf sie auf der Straße einen Bekannten, der die Flüchtlinge zur Unterkunft der Emigranten bringen konnte. Dort wurde die Verbindung zu den deutschen Kommunisten wieder hergestellt.

Das Leben in Prag war nicht leicht. Emil Linke war bereits weiter nach Moskau emigriert. Politemigranten wurden nur stillschweigend geduldet. Trotzdem hat Else Linke dort politisch gearbeitet. Die Verbrechen der Nazis wurden in Gesprächen ausgewertet und es wurde besprochen, wie der Kampf gegen sie weitergehen soll.

Im Juni 1936 bekamen Else und die Kinder die Genehmigung, in die Sowjetunion einzureisen. In einem Moskauer Emigrantenheim der Internationalen Arbeiterhilfe trafen sie endlich Emil Linke wieder. Martin war jetzt 11, Johanna 10 und Wolfgang fast 9 Jahre alt. Männer und Frauen wohnten getrennt in großen Schlafsälen. Aber immerhin, sie waren wieder als Familie zusammen. Linkes erlernten die russische Sprache, die Erwachsenen nahmen an Politkursen teil, Emil Linke arbeitete in einer Textilfabrik, die Kinder gingen zur Deutschen Schule. Plötzlich war Emil Linke verschwunden. Er wurde in der Nacht aus seinem Schlafsaal abgeholt. Else Linke sollte bis zu ihrem Tod im Jahre 1975 nicht erfahren, was danach mit ihm geschah.

Im Juni 1938 bekam Else Linke in dem Ort Werbilki nördlich von Moskau, in einer genossenschaftlichen Schneiderwerkstatt, Arbeit als Schneiderin. Hier wohnte sie jetzt mit ihren Kindern, die auf eine sowjetische Schule gingen.

Im September 1941, nach Beginn des Großen Vaterländischen Krieges wurden sie wie alle deutschen Emigranten zwangsumgesiedelt. Sie lebten nun in Pachta-Aral in Südkasachstan. Else Linke arbeitete zunächst als Schneiderin und Zuschneiderin in einer Schneiderwerkstatt, später wurde sie Abteilungsleiterin. Johanna war Näherin in der gleichen Werkstatt. Vorwiegend wurde für die Rote Armee gearbeitet. Martin war Waagenmeister und Schichtleiter in einer Versuchsanlage der Baumwollverarbeitung. Er kontrollierte und justierte die Wiegeeinrichtungen, mit denen die Baumwolle gewogen wurde. Wolfgang lernte Schlosser. Zu den Einheimischen und anderen Umsiedlern gab es guten Kontakt und Else Linke hat zu ihren Kolleginnen oft in Meetings über die Gräueltaten der Faschisten, aber auch über den Widerstand in Deutschland gegen die Nazis gesprochen.

In Kasachstan herrschten schwierige klimatische Gegebenheiten, die nur noch von den schlimmen Wohnverhältnissen und hygienischen Bedingungen übertroffen wurden, unter denen sowohl die Umgesiedelten als auch die Einheimischen während des Krieges dort leiden mussten. Die Menschen litten furchtbaren Hunger.

Wolfgang wäre 1944/45 fast an Typhus gestorben. Er überlebte nur, weil ihn seine Mutter neben ihrer Arbeit aufopferungsvoll selbst pflegte und behandelte. Die Ärzte hatten ihn längst aufgegeben. Johanna starb im Mai 1945, nur wenige Tage nach Kriegsende, an Flecktyphus und einer Lungenentzündung. Martin verunglückte im Januar 1947 bei einem Arbeitsunfall tödlich.

Else Linke und ihr Sohn Wolfgang kehrten am 10. Juni 1947 wieder nach Deutschland zurück.


Biografische Zusammenstellung

Marina Garbusowa