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James Rosenow

Stolperstein für James Rosenow © OTFW
VERLEGEORT
Knaackstraße 34

BEZIRK/ORTSTEIL
Pankow – Prenzlauer Berg
VERLEGEDATUM
30.03.2013

GEBOREN
26.03.1888 in Stolp (Pommern) / Słupsk
DEPORTATION
am 03.03.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

James Rosenow wurde am 26. März 1888 in der Stadt Stolp (dem heutigen Słupsk) geboren, die am Ufer der Stolpe liegt und rund 18 Kilometer von der Ostseeküste entfernt ist. Die Garnisonsstadt hatte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert zu einem bedeutenden Zentrum der Möbelindustrie, der Maschinenfabrikation und der Bernsteinverarbeitung entwickelt. James Rosenow war der Sohn des Händlers Günther Moses Rosenow und seiner Ehefrau Pauline, geborene Michaelis. Er wuchs im Kreis von drei Geschwistern auf: Seine älteren Brüder Willy und Georg waren 1883 und 1885 geboren, sein jüngerer Bruder Louis kam 1892 zur Welt. Über die Kindheit und Jugend von James Rosenow und seinen Geschwistern in Stolp haben sich keine weiteren Zeugnisse erhalten. Seine Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach der jüdischen Gemeinde der Stadt an, zu der zur Zeit der Geburt von James rund 950 der etwa 23.000 Einwohner zählten.

James Rosenow war früh in seinem Leben mit Antisemitismus konfrontiert. Bereits vor seiner Geburt hatte es in den 1880er-Jahren in Pommern und Westpreußen eine Pogromwelle gegeben, bei der es auch in Stolp zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung kam. Eine Menschenmenge zog marodierend durch die Straßen der Stadt und plünderte zahlreiche Geschäfte und Häuser jüdischer Einwohner. 1893 gründete sich in Stolp der „Antisemitische Verein Stolp” und agitierte unter anderem durch die Verbreitung von Flugschriften. Sieben Jahre später kam es in Stolp erneut zu antisemitischen Pogromen. Als Anlass diente ein angeblicher Ritualmord im westpreußischen Konitz (Chojnice). Mit der Parole „Raus mit den Juden” ging der Mob gegen jüdische Geschäftsleute vor, die nur mühsam von der Polizei und schließlich auch dem Militär geschützt werden konnten. Inwieweit James und seine Familie direkt von den Ausschreitungen und der wachsenden antisemitischen Stimmung in seiner Geburtsstadt betroffen waren, ist nicht bekannt.

In den Jahren nach der Jahrhundertwende zogen zunächst Willy Rosenow und bald auch seine jüngeren Brüder nach Berlin. James hatte nach seinem Schulabschluss eine Lehre als Buchbinder absolviert und hatte in seinem Beruf in der Hauptstadt eine Stelle gefunden, sein Bruder Willy arbeitete als Schneider, Louis war in der Textilbranche als Knopflochstepper und Georg in einem kaufmännischen Beruf tätig. 1906 heiratete Willy Rosenow die Berliner Näherin Betty Michaelis. Zu diesem Zeitpunkt war sein Vater Moses bereits in Stolp verstorben und die Mutter Pauline ihren Söhnen nach Berlin nachgezogen. In dieser Zeit muss James seine spätere Ehefrau, Gertrud Michaelis, kennengelernt haben. Sie war die zwei Jahre jüngere Schwester der Gattin seines Bruders. Das Paar heiratete am 16. Februar 1910 in Berlin und wohnte zunächst in der Wohnung des Vaters von Gertrud, dem Schneidermeister Gustav Michaelis, in der Tresckowstraße 38 (der heutigen Knaackstraße 34) nahe dem Wörther Platz (dem heutigen Kollwitzplatz) im Prenzlauer Berg. In den Jahren 1911 und 1915 kamen die Kinder von James und Gertrud, Kurt und Ilse, zur Welt. Seine Brüder Georg und Louis hatten beide 1913 geheiratet: Georg die aus dem österreichischen Landeck stammende Auguste Lachmann, die in Berlin als Dienstmädchen arbeitete, und Louis die Berliner Arbeiterin Emma Frieda Elsa Dumke, die 1914 den Sohn Walter und 1926 einen zweiten Sohn zur Welt brachte.

Im Jahr 1913 zogen James und Gertrud Rosenow in die Rykestraße – zunächst in eine Wohnung in der Rykestraße 50, dann in die zweite Etage der Rykestraße 51 – bevor sie 1916 wieder in die Tresckowstraße 38 zogen. Dieses Mal hatten sie aber eine eigene Wohnung in dem Haus, in dem nach wie vor auch die Eltern von Gertrud lebten. Eine Nachbarwohnung bezogen Gertruds Schwester Betty und James’ Bruder Willy. In der näheren Umgebung lebte auch Louis Rosenow mit seiner Familie, in der Lychener Straße 110, später in der Ahlbecker Straße 7 und weiteren Adressen im Helmholtzkiez. Das Leben im Haus in der Tresckowstraße war in den letzten Kriegsjahren und der Zeit der Weimarer Republik sicher von den engen familiären Bindungen geprägt und so etwas wie ein Zentrum der Familienzweige Michaelis und Rosenow, zumindest bis die Ehe zwischen Willy und Betty 1922 geschieden wurde. Willy Rosenow zog nach der Scheidung in die Griebenowstraße, wo er später in zweiter Ehe mit Gertrude Rosenow, geborene Israel, lebte. Leider haben sich keine Quellen erhalten, die einen weiteren Einblick in das Leben von James und Gertrud Rosenow und ihren Familienangehörigen in der Zeit der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen das Ehepaar Rosenow und ihre Kinder. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. 1934 oder 1935 verlor James seine Anstellung als Buchbinder. In der Folgezeit versuchte er wie sein Bruder Willy als Schneider unter immer schwierigeren Bedingungen ein Auskommen zu finden. Nach den Pogromen im November 1938 mussten James und Gertrud und ihre mittlerweile erwachsenen Kinder Kurt und Ilse in Berlin Zwangsarbeit leisten. Ob die Familie in diesen Jahren oder zuvor konkrete Schritte unternommen hatte, das Land zu verlassen, ist nicht bekannt. Sollten sie derartige Pläne verfolgt haben, so scheiterten sie. Im Jahr 1939 bekam Ilse Rosenow ein Kind, ihre Tochter Judis wurde am 27. April geboren. Mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ konnten sich die Familienmitglieder nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen.

Der vollständigen Entrechtung folgte die Deportation: Am 24. Oktober 1941 wurde James’ Bruder Willy mit seiner Ehefrau Gertrude aus Berlin in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź) deportiert. Gut ein Jahr später, am 6. November 1942, wurden Georg Rosenow und seine Ehefrau Auguste in das Ghetto Theresienstadt deportiert. James Rosenow wurde mit seiner Familie – seiner Ehefrau Gertrud, seinen Kindern Kurt und Ilse, seiner dreijährigen Enkelin Judis und seiner Schwägerin Betty – im Zuge der „Fabrik-Aktion“, bei der die letzten offiziell in der Hauptstadt verbliebenen Juden deportiert werden sollten, Ende Februar in Berlin verhaftet und in eines der Berliner Sammellager verschleppt. Von dort wurden sie alle am 3. März 1943 mit dem „33. Osttransport“ in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort – vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft – ermordet. James Rosenow wurde 54 Jahre alt.

Das Schicksal seines Bruder Louis Rosenow und dessen zweiten Sohnes ist ungeklärt. Dessen Ehefrau Emma Frieda Elsa und Sohn Werner Kurt haben die NS-Zeit überlebt. James’ Bruder Willy war im Mai 1942 mit seiner zweiten Frau aus Litzmannstadt in das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) deportiert und dort ermordet worden. Sein Bruder Georg wurde mit seiner Frau Auguste am 6. Oktober 1944 aus Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org/: (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509)
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: James Rosenow („33. Osttransport“, Lfd-Nr. 452); Gertrud Rosenow, geb. Michaelis („33. Osttransport“, Lfd-Nr. 453); Kurt Rosenow („33. Osttransport“, Lfd-Nr. 451); Ilse Rosenow („33. Osttransport“, Lfd-Nr. 1514); Judis Rosenow („33. Osttransport“, Lfd-Nr. 454); Betty Rosenow, geb. Michaelis („33. Osttransport“, Lfd-Nr. 1518). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 7. August 2019)
Geburtsanzeige Betty Michaelis (Nr. 2197, Berlin am 14. Oktober 1889). Geburtsregister der Berliner Standesämter 1874–1920. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Eheanzeige James Rosenow und Gertrud Michaelis (Nr. 105, Berlin am 16. Februar 1910); Willy Rosenow und Betty Michaelis (Nr. 1163, Berlin am 18. Oktober 1906); Louis Rosenow und Emma Frieda Elsa Dumke (Nr. 430, Berlin am 14. Juni 1913); Georg Rosenow und Auguste Lachmann (Nr. 239, Berlin am 2. April 1913) Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874–1920. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 7. August 2019)
Das unbekannte Vernichtungslager Kulmhof am Ner (Chelmno nad Nerem). Geschichte und Erinnerung. Ausstellungsbroschüre der gleichnamigen Ausstellung 2011. Online unter:https://www.stiftung-denkmal.de/fil... (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Eintrag zu Stolp (Hinterpommern). Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, o. J. Online unter: http://www.jüdische-gemeinden.de (aufgerufen am 30. Juli 2019)