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Margarete Feige (geb. Israelzik)

Margarete Feige © OTFW
VERLEGEORT
Bundesratufer 12

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Moabit
VERLEGEDATUM
06.06.2013

GEBOREN
11.12.1881 in Berlin
DEPORTATION
am 05.11.1942 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 16.05.1944 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Margarete Israelzik wurde am 11. Dezember 1881 in Berlin geboren. Sie war die Tochter des Schriftsetzers Abraham Israelzik (1843–1907) und seiner Frau Erna Amalie, geb. Olschki (1853–1933). Margarete wuchs im Kreis von mindestens zwei Geschwistern auf: Ihr älterer Bruder Leopold war 1880 geboren worden; ihre jüngere Schwester Erna im Jahr 1887. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Margarete und ihren Geschwistern im Berlin der Kaiserzeit haben sich leider keine weiteren Quellen erhalten. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur jüdischen Gemeinde Berlins.

Nach ihrem Schulabschluss schlug Margarete eine künstlerische Laufbahn ein. Sie war Pianistin und später auch als Musiklehrerin tätig. 1906 heiratete sie in Berlin den aus Rawitsch (dem heutigen Rawicz) stammenden Lehrer Georg Mannes Feige, der vor der Hochzeit in Köln lebte, dort unterrichtete und als Schulinspektor tätig war. Am 22. September 1909 kam in Darmstadt ihr Sohn Heinz zur Welt. Ein Jahr später folgte ihre Tochter Hilda. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs zogen die Eheleute Feige mit ihren Kindern nach Berlin, wo sie seit 1915/1916 in Moabit lebten. In den Berliner Adressbüchern wird Georg Feige erstmals 1916 als Mittelschullehrer an der Adresse Spenerstraße 19 geführt. Die Wohnung lag in unmittelbarer Nähe zur Spree an der gegenüberliegenden Uferseite des Schlosses Bellevue. Ab 1923 wohnte die Familie an der Adresse Spenerstraße 20. In Berlin hatte Margaretes Schwester Erna 1913 ihren Mann Paul Franz Oehmichen geheiratet, war mit diesem aber nach der Hochzeit in die USA ausgewandert. 1915 und 1917 kamen in New York ihre Kinder Herbert Karl und Eleonore Anita Oehmichen zur Welt. Margaretes Bruder Dr. Leopold Israelzik war bis in die 1930er-Jahre in Berlin als praktizierender Zahnarzt tätig und wohnte mit seiner Ehefrau Else, geb. Gusowski, und den gemeinsamen Kindern in der Dortmunder Straße 5 in Moabit. Leider haben sich keine weiteren Quellen erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie in der Zeit der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Margarete Feige und ihre Angehörigen. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Bereits in der Zeit der Weimarer Republik war Berlin zum Schauplatz antisemitischer Ausschreitungen geworden und Anfang der 1930er-Jahre hatte die sichtbare Brutalität in Form von Straßenkämpfen, Saalschlachten und SA-Aufmärschen in den Straßen massiv zugenommen. Ab 1933 institutionalisierte sich der Rassismus mit Hilfe staatlicher Autorität; Erlasse und Sondergesetze drängten die Familie Feige zunehmend in die Position von Rechtlosen.

Margaretes Ehemann Georg unterrichtete an der Mittelschule der Jüdischen Gemeinde (heutiges Jüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn) in der Großen Hamburger Straße 27. Margarete selbst war als Musiklehrerin tätig gewesen – möglicherweise auch an der Schule, an der ihr Mann lehrte. Es fehlen jedoch die Quellen dazu, in welchem Zeitraum und an welcher Einrichtung sie den Beruf ausübte. Auf der Grundlage der rassenideologischen NS-Bildungspolitik wurden zunächst jüdische Lehrkräfte („Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933) aus dem öffentlichen Schulwesen verdrängt und schrittweise auch die jüdische Schülerschaft. Ein Erlass von 1935 sah eine „möglichst vollständige Rassentrennung“ in Schulen vor und nach den Pogromen im November 1938 wurde jüdischen Schülern der Besuch von öffentlichen Schulen grundsätzlich verboten. Privatschulen und Einrichtungen der Jüdischen Gemeinde wurden zu Zufluchtsstätten, die weiterhin Zugang zu Bildung ermöglichten, Schutzräume boten und als weitere Aufgabe zunehmend die Vorbereitung der Schülerschaft auf Emigration und einem Leben im Ausland übernahmen. Ob auch Margarete und Georg Feige in den 1930er-Jahren Pläne verfolgten, das Land zu verlassen, ist nicht bekannt. Sollten sie konkrete Schritte unternommen haben, so scheiterten diese. Ihr Sohn Heinz Feige, der in Berlin als Buchdrucker gearbeitet hatte, gelang es 1939, sich mit seiner Ehefrau Susi Rosalia, geb. Urbach, über Antwerpen ins Exil in die USA zu retten. Ihre Tochter Hilda Feige, später geschiedene DiRocco, wiederverheiratete Sabatini, überlebte die NS-Verfolgung ebenfalls im Exil in den USA. Margaretes Schwester Erna Oehmichen und ihr Ehemann Paul Franz, die zwischenzeitlich in Gera gelebt hatten, gingen 1938 zurück in die USA. Ebenso gelang es Margaretes Bruder Leopold Israelzik mit seiner Familie Ende der 1930er-Jahre, das Land zu verlassen. Er überlebte die NS-Verfolgung im Exil in Australien.

Die Eheleute Margarete und Georg Feige zogen 1936 in eine neue Wohnung am Bundesratsufer 12 in Moabit. Ende der 1930er-Jahre wurde Georg Feige Konrektor an der Mittelschule der Jüdischen Gemeinde und schließlich nach Heinemann Stern (1878–1957), der diese Stellung bis 1938 innehatte, ihr letzter Direktor. Spätestens seit den 1940er-Jahren war das Leben für Georg und Margarete Feige in Berlin zum Existenzkampf geworden. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen. Im April 1942 musste das Grundstück in der Großen Hamburger Straße 27 geräumt werden und das Gebäude diente nach der Schließung der Schule als eines der Sammellager in Berlin, mit denen die Deportationen vorbereitet wurden. Das Ehepaar Feige bezog im Juni 1942 eine Wohnung in der Flotowstraße 10. Georg Feige war hier noch einige Wochen als „Ermittler“ bei der Jüdischen Kultusvereinigung zu Berlin beschäftigt.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Am 1. Oktober 1941 hatte die Gestapo die Jüdischen Gemeinde Berlins informiert, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Die Feiges erhielten den Deportationsbescheid im Herbst 1942. Sie wurden im Sammellager in der ehemaligen Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Von dort aus wurden sie am 5. November 1942 mit dem „72. Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Georg Feige überlebte die unmenschlichen Bedingungen in Theresienstadt ungefähr ein halbes Jahr, bevor der 65-Jährige am 14. Mai 1943 in Theresienstadt ermordet wurde – entweder durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung mittels planvoller Mangelernährung, versagter Medikamente, Kälte und körperlichen Misshandlungen. Die 62-jährige Margarete Feige wurde am 16. Mai 1944 aus Theresienstadt weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Berliner Adressbücher 1910–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932. Berliner Telefonbuch 1932, 1934, 1936 und 1940. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Grevens Adreßbuch für Köln und Umgegend. Ausgaben 1906, 1908, 1910. Digitalisat der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Online unter: http://www.ub.uni-koeln.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Eheanzeige Georg Mannes Feige und Margarete Israelzik (Nr. 552, Berlin am 2. Oktober 1906); Franz Paul Oehmichen und Erna Israelzik (Nr. 14, Berlin am 21. Januar 1913). Eheregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Geburtsanzeige Margarethe Israelzik (Nr. 1790, Berlin am 13. Dezember 1881). Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Margarete Feige in der Opferdatenbank Theresienstadt. Online unter: https://www.holocaust.cz/de/opferda... (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Margarete Feige, geb. Israelszsik, „72. Alterstransport“ (Lfd-Nr. 32); Georg Feige „72. Alterstransport“ (Lfd-Nr. 31). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Margarete Feige in der Genealogie-Datenbank Geni. Online unter: https://www.geni.com/people/Margare... (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Heinz und Susi Feige in der Passagierliste der “S.S. Veendam”. Passengers sailing from Antwerp, October 28th, 1939. New York Passenger Lists, 1820–1957. List or Manifest of Alien Passengers for the United States. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Erna und Paul Oehmichen in der Passagierliste der “S.S. Amerika”. Passengers sailing from Hamburg, January 23th, 1913; Eintrag zu Erna und Paul Oehmichen in der Passagierliste der “S.S. Hamburg”. Passengers sailing from Hamburg, June 9th, 1938. List or Manifest of Alien Passengers for the United States. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Heinz Feige vom 4. Oktober 1957 aus Pittsburgh. Pennsylvania, Death Certificates, 1906-1967. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Dirk Külow: Schalom und Alefbet. Die Geschichte des Jüdischen Gymnasiums in Berlin, Berlin 2014.
Alice Lanzke: Jüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn. Eine traditionsreiche Lehranstalt. Deutschlandfunk Kultur. Aus der jüdischen Welt. Beitrag vom 20. Februar 2015. Online unter: https://www.deutschlandfunkkultur.d... (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Jüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn. Geschichte der Schule, o.A., o. J. Online unter: https://jgmm.de/ueberuns/geschichte (aufgerufen am 26. Juli 2021).