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Georg Feige

Georg Feige © OTFW
VERLEGEORT
Bundesratufer 12

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Moabit
VERLEGEDATUM
06.06.2013

GEBOREN
02.10.1877 in Rawitsch / Rawicz
DEPORTATION
am 05.11.1942 nach Theresienstadt
TOT
14.05.1943 in Theresienstadt

Georg Mannes Feige wurde am 2. Oktober 1877 in der im Südwestteil Posens gelegene Kreisstadt Rawitsch (dem heutigen Rawicz in Polen) geboren. Er war der Sohn des ortsansässigen Fabrikanten Michaelis Feige und dessen Frau Ernestine, geb. Kaelter. Seine Eltern betrieben in Rawitsch eine Wattefabrik. Georg wuchs im Kreis von drei Geschwistern auf: Seine Brüder Julius und Hermann wurden 1879 und 1884 in Rawitsch geboren; seine Schwester Gertrud kam 1880 zur Welt. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Georg und seinen Geschwistern in Rawitsch der Kaiserzeit haben sich leider keine weiteren Zeugnisse erhalten. Seine Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur jüdischen Gemeinde des Ortes, zu der zum Zeitpunkt der Geburt von Georg etwa 1200 der rund 11000 Einwohner zählten.

Nach seinem Schulabschluss besuchte Georg Feige ein Lehrerseminar – in dieser Zeit eine Ausbildungsstätte für angehende Volksschullehrer – und war um die Jahrhundertwende als Lehrer und Schulinspektor in Köln tätig. Im Oktober 1906 heiratete er in Berlin die Pianistin und Musiklehrerin Margarete Israelzik. Die Tochter des Schriftsetzers Abraham Israelzik und seiner Frau Erna Amalie, geb. Olschki, war vier Jahre jünger als Georg und gebürtige Berlinerin. Am 22. September 1909 kam ihr Sohn Heinz Feige in Darmstadt zur Welt. Ein Jahr darauf folgte ihre Tochter Hilda Feige. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs zogen die Eheleute Feige mit ihren Kindern nach Berlin, wo sie seit 1915/1916 in Moabit lebten. In den Berliner Adressbüchern wird Georg Feige erstmals 1916 als Mittelschullehrer an der Adresse Spenerstraße 19 genannt. Die Wohnung lag in unmittelbarer Nähe zur Spree an der gegenüberliegenden Uferseite des Schlosses Bellevue. Ab 1923 änderte sich die Adresse, an der die Familie wohnte, zur Spenerstraße 20. Im Jahr 1915 war Georgs Vater, Michaelis Feige, in Rawitsch verstorben. Seine Mutter lebte als Witwe zuletzt in Breslau (Wrocław), wo auch Georgs Schwester Gertrude mit ihrem ersten Ehemann wohnte und bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1906 auch Georgs Bruder Hermann Feige gelebt hatte. Georgs zweiter Bruder Julius Feige wohnte mit seiner Ehefrau Ernestine, geb. Hartoch, zuletzt in Düsseldorf. Leider haben sich keine weiteren Quellen erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie in der Zeit der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Georg Feige und seine Angehörigen. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Bereits in der Zeit der Weimarer Republik war Berlin zum Schauplatz antisemitischer Ausschreitungen geworden und Anfang der 1930er-Jahre hatte die sichtbare Brutalität in Form von Straßenkämpfen, Saalschlachten und SA-Aufmärschen in den Straßen massiv zugenommen. Ab 1933 institutionalisierte sich der Rassismus mit Hilfe staatlicher Autorität; Erlasse und Sondergesetze drängten die Familie Feige zunehmend in die Position von Rechtlosen.

Als Lehrer unterrichtete Georg Feige an der Mittelschule der Jüdischen Gemeinde (heutiges Jüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn) in der Großen Hamburger Straße 27. Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wäre ihm eine Lehrtätigkeit an einer öffentlichen Schule nicht mehr möglich gewesen. Seit 1933 wuchs die zu betreuende Schülerschaft sprunghaft an, und zwar in dem Maße, wie jüdische Schüler von öffentlichen Einrichtungen ausgeschlossen wurden: Ein Erlass von 1935 sah eine „möglichst vollständige Rassentrennung“ in Schulen vor und nach den Pogromen im November 1938 wurde jüdischen Schülern der Besuch von öffentlichen Schulen grundsätzlich verboten. Bildungseinrichtungen wie die Mittelschule der Jüdischen Gemeinde fungierten jetzt auch als Schutzräume vor antisemitischen Übergriffen. Eine weitere Aufgabe, vor allem nach 1938, war die Anpassung der Lehrinhalte, um die Kinder und Jugendlichen auf Emigration und ein Leben im Ausland vorzubereiten. Ob auch Georg und Margarete Feige Pläne verfolgten, das Land zu verlassen, ist nicht bekannt. Sollten sie konkrete Schritte unternommen haben, so scheiterten diese. Ihrem Sohn Heinz Feige gelang es, sich mit seiner Ehefrau Susi Rosalia, geb. Urbach, 1939 über Antwerpen ins Exil in die USA zu retten. Ihre Tochter Hilda Feige, später geschiedene DiRocco, wiederverheiratete Sabatini, überlebte die NS-Verfolgung ebenfalls im Exil in den USA.

Die Eheleute Georg und Margarete Feige zogen 1936 in eine neue Wohnung am Bundesratsufer 12 in Moabit. Ende der 1930er-Jahre übernahm Georg Feige Aufgaben in der Schulleitung. Als Konrektor war er stellvertretender Leiter an der Mittelschule der Jüdischen Gemeinde und schließlich nach Heinemann Stern (1878–1957), der diese Stellung bis 1938 innehatte, ihr letzter Direktor. Spätestens seit den 1940er-Jahren war das Leben für Georg und Margarete Feige in Berlin zum Existenzkampf geworden. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen. Im Jahr 1942 teilte das Reichssicherheitshauptamt der Jüdischen Gemeinde mit, dass das Grundstück in der Großen Hamburger Straße 27 bis zum 15. April des Jahres zu räumen sei. Nach der Schließung der Schule diente das Gebäude einige Monate als Sammellager für Deportationen aus Berlin. Das Ehepaar Feige bezog im Juni 1942 eine Wohnung in der Flotowstraße 10. Georg Feige war hier noch einige Wochen als „Ermittler“ bei der Jüdischen Kultusvereinigung zu Berlin beschäftigt.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Am 1. Oktober 1941 hatte die Gestapo die Jüdischen Gemeinde Berlins informiert, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Die Feiges erhielten den Deportationsbescheid im Herbst 1942. Sie wurden im Sammellager in der ehemaligen Altersversorgungsanstalt der Jüdischen Gemeinde in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Von dort aus wurden sie am 5. November 1942 mit dem „72. Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Georg Feige überlebte die unmenschlichen Bedingungen in Theresienstadt ungefähr ein halbes Jahr, bevor der 65-Jährige am 14. Mai 1943 in Theresienstadt ermordet wurde – entweder durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung mittels planvoller Mangelernährung, versagter Medikamente, Kälte und körperlichen Misshandlungen. Die 62-jährige Margarete Feige wurde am 16. Mai 1944 aus Theresienstadt weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Georgs Kinder überlebten die NS-Verfolgung im Exil in den USA. Sein Bruder Julius Feige war mit seiner Ehefrau am 10. November 1941 aus Düsseldorf in das Ghetto Minsk deportiert worden. Beide überlebten die NS-Verfolgung nicht. Georgs Schwester Gertrude Feige, verheiratete Goldstein, war am 27. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert worden und von dort aus am 23. September 1942 weiter in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie ermordet wurde.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Berliner Adressbücher 1910–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932. Berliner Telefonbuch 1932, 1934, 1936 und 1940. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Grevens Adreßbuch für Köln und Umgegend. Ausgaben 1906, 1908, 1910. Digitalisat der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. Online unter: http://www.ub.uni-koeln.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Adreßbuch der Stadt Rawitsch 1906. Sammlung der Martin-Opitz-Bibliothek. Online unter: https://martin-opitz-bibliothek.de/... (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Eheanzeige Georg Mannes Feige und Margarete Israelzik (Nr. 552, Berlin am 2. Oktober 1906). Eheregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Geburtsanzeige Margarethe Israelzik (Nr. 1790, Berlin am 13. Dezember 1881); Hermann Feige (Nr. 88, Rawitsch am 4. April 1884). Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Todesanzeige Hermann Feige (Nr. 85, Breslau am 12. Januar 1906). Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Georg Feige in der Opferdatenbank Theresienstadt. Online unter: https://www.holocaust.cz/de/opferda... (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Georg Feige „72. Alterstransport“ (Lfd-Nr. 31); Margarete Feige, geb. Israelszsik (Lfd-Nr. 32). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Georg Feige in der Genealogie-Datenbank Geni. Online unter: https://www.geni.com/people/Georg-F... (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Heinz und Susi Feige in der Passagierliste der “S.S. Veendam”. Passengers sailing from Antwerp, October 28th, 1939. New York Passenger Lists, 1820–1957. List or Manifest of Alien Passengers for the United States. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Eintrag zu Heinz Feige vom 4. Oktober 1957 aus Pittsburgh. Pennsylvania, Death Certificates, 1906–1967. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Dirk Külow: Schalom und Alefbet. Die Geschichte des Jüdischen Gymnasiums in Berlin, Berlin 2014.
Alice Lanzke: Jüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn. Eine traditionsreiche Lehranstalt. Deutschlandfunk Kultur. Aus der jüdischen Welt. Beitrag vom 20. Februar 2015. Online unter: https://www.deutschlandfunkkultur.d... (aufgerufen am 26. Juli 2021).
Jüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn. Geschichte der Schule, o.A., o. J. Online unter: https://jgmm.de/ueberuns/geschichte (aufgerufen am 26. Juli 2021).