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Johanna Schlochauer (geb. Joseph)

Stolperstein Johanna Schlochauer Bild: H.-J. Hupka
Johanna Schlochauer Bild: Yad Vashem - Gedenkblätter Sammlung
Wohn- und Geschäftshaus David Schlochauer in Ukta, Sensburg (Ostpreußen) Bild: Familienarchiv Shetzer
Ella Shetzer mit Sohn Joram und Tochter Renate, etwa 1925 in Ukta Bild: Familienarchiv Shetzer
Ella Shetzer mit Sohn Joram und Tochter Renate, etwa 1936 in Berlin Bild: Familienarchiv Shetzer
Ella Shetzer Bild: Familienarchiv Shetzer
Renate Shetzer Bild: Familienarchiv Shetzer
Yoram Shetzer mit seiner Frau Batja im Moschaw Moledad im unteren Gallil 1998 Bild: Familienarchiv Shetzer
VERLEGEORT
Bundesplatz 17

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
15.08.2013

GEBOREN
31.10.1863 in Sensburg / Mrągowo
DEPORTATION
am 29.01.1943 nach Theresienstadt
ERMORDET
28.10.1943 in Theresienstadt

Johanna Schlochauer, geb. Joseph, wurde am 31. Oktober 1863 in Alt-Ukta, Sensburg (Ostpreußen) geboren. Am 29. Januar 1943 wurde sie von Berlin aus nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 28. Oktober 1943 im Alter von 80 Jahren starb. Heute wissen wir von den furchtbaren Lebensbedingungen in Theresienstadt, dem Hunger, den Krankheiten und Seuchen, der drangvollen Enge, denen gerade die alten Menschen schutzlos ausgesetzt waren.

In Yad Vashem, der Holocaust Gedenkstätte in Jerusalem, ist ein Gedenkblatt für Johanna Schlochauer von ihrem Enkelsohn Yoram Shetzer/Sheffi aus dem Moschaw Moleded zu finden. Während eines Besuchs bei ihm im März 2014 gab er die folgenden Informationen zu Johanna Schlochauer und ihrer Familie:

In den 1880er Jahren heiratete sie in Ukta den Kaufhausbesitzer David Schlochauer. Ukta entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer größeren Ansiedlung, wodurch es auch zum Aufschwung des Handels kam.

Der erste Sohn, Moritz, wurde im September 1886 in Ukta geboren. Er fiel 1917 als Soldat des 45. Infanterie-Regiments. Die Tochter Lena wurde im Februar 1888 geboren, im Juli 1892 die Tochter Ella, in den folgenden Jahren kamen sechs weitere Kinder zur Welt. Nach dem Tod ihres Mannes 1924 blieb Johanna Schlochauer noch bis in die 1930er Jahre in Ukta, zog dann erst nach Berlin.

Ihre Tochter Ella heiratete Georg Shetzer, der das Geschäft von David Schlochauer nach dessen Tod übernahm. 1920 wurde der Sohn Yoram, 1921 die Tochter Renate geboren, beide noch in Ukta. 1930 starb Georg Setzer.

Yoram wurde nach Nordhausen in ein Internat der Odenwaldschule, 1936 dann in ein Internat in die Schweiz geschickt. Dort blieb er bis 1939, wurde mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus der Schweiz ausgewiesen und konnte 1940 noch mit dem letzten italienischen Schiff Palästina erreichen. Während des Krieges kämpfte er in den jüdischen Brigaden der britischen Armee und lebte nach der Gründung des Staates Israel mit seiner Frau Batya, zwei Söhnen und einer Tochter in dem 1937 von deutschen Juden gegründeten Moschaw Moleded im Unteren Gallil.

Yorams Mutter Ella Shetzer kam mit seiner Schwester Renate ebenso wie seine Großmutter Johanna Schlochauer in den 1930er Jahren nach Berlin, wo er sie in einer Wohnung in der Nähe des Kurfürstendamms besuchte. Leider erinnerte er sich nicht mehr an den Straßennamen. Seine Mutter und Schwester blieben aber nur für kurze Zeit und flohen dann vor der Judenverfolgung nach Holland und von dort nach Ausbruch des Krieges nach England. Ella kehrte jedoch nach Holland zurück. Seine Schwester Renate erhielt in England die Möglichkeit, mit einer Gruppe junger Erwachsener nach Palästina zu fliehen, fuhr aber, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden, nochmals nach Holland.

Dort wurden beide im Januar 1944 von den Nationalsozialisten verhaftet und über Westerbork nach Bergen-Belsen deportiert. Ella starb am 6. März 1945 im Alter von 53 Jahren an Typhus.

Renate am 18. April 1945 im Alter von 24 Jahren auf dem Todesmarsch in Torgau.
Andere Kinder haben die Shoah überlebt. Rosa, Gustav und Frieda konnten 1933,1934 und 1936 nach Palästina entfliehen. Johanna Schlochauer hat sie dort noch 1936 besucht, war aber entgegen den Bitten ihrer Kinder nach Deutschland zurückgekehrt.

Lena (verheiratete Davidson) wohnte seit 1939 bis zu ihrem Untertauchen Ende 1942 mit ihrer Mutter im Vorderhaus parterre zur Untermiete bei der in einer von den Nazis so genannten „privilegierten Mischehe“ lebenden Gerta Lea Kaiser, geb. Lipsky. Mit Hilfe von Hermann Kleinjung, eines der stillen Helden, die verfolgten Juden beistanden, konnte Lena in einem Versteck in Berlin überleben. Nach der Befreiung ging sie in die USA zu ihrem Mann und ihren drei Kindern, die sich vor dem Krieg dorthin hatten retten können.

Der 93jährige Yoram Shetzer/Sheffi und sein Sohn Shaul haben Informationen und Fotos zu dieser Biografie und zur Familiengeschichte beigesteuert. Ihm ist es vergönnt, nach dem schmerzhaften Verlust von Großmutter, Mutter und Schwester durch die Shoah nun im Alter eingebettet zu sein in einem großen Familienkreis mit Kindern, Enkeln und Urenkeln.

Aus den Archiven in Berlin und Brandenburg ist zu ersehen, dass Johanna Schlochauer für kurze Zeit zunächst in Charlottenburg in der Mommsenstraße 4 zur Untermiete bei Alice Wallach wohnte und dann nach Wilmersdorf zum Kaiserplatz 17 zog. Von hier wurde sie am 29. Januar 1943 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 28. Oktober 1943 ums Leben gebracht worden ist.

Zum Gedenken an Alice Wallach und Elisabeth Herbst, die ersten Berliner Mitbewohnerinnen Johanna Schlochauers, liegen zwei Stolpersteine an der Mommsenstraße 4 .


Biografische Zusammenstellung

Recherche und Text: Sigrun Marks (Stolpersteininitiative Stierstraße, Berlin-Friedenau)