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Georg Samolewitz

Fotografie von Georg Samolewitz (rechts im Bild) und seine Frau Rosalie, in der Mitte Moritz Samolewitz, rechts daneben seiner Frau Rahel. Bildrechte: Mit freundlicher Genehmigung des Leo Baeck Institute, New York.
Stolperstein für Georg Samolewitz © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Levetzowstr. 16

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Moabit
VERLEGEDATUM
Juni 2009

GEBOREN
01.07.1870 in Berlin
BERUF
Kaufmann / Stadtverordneter
DEPORTATION
am 17.08.1942 nach Theresienstadt
TOT
30.08.1942 im Ghetto Theresienstadt

Georg Samolewitz kam am 1. Juli 1870 in Berlin zur Welt. Er wurde als zweiter Sohn des Kaufmanns Moritz Samolewitz und seiner Frau Rahel geboren. Der älteste Sohn Isidor, geb. 1867, starb mit 23 Jahren. Zwei Kinder, die nach Georg zur Welt kamen, starben im Kleinkindalter, und als Nachzügler kam 1883 sein Bruder Leopold zur Welt.

Der Vater Moritz (Moshe) Samolewitz (1840–1912) stammte aus dem westpreußischen Gollub (heute: Golub-Dobrzyń/Polen), damals direkt an der russischen Grenze gelegen, und wuchs in einem religiös-orthodoxen Elternhaus auf. Seine Familie verarmte nach dem frühen Tod des Vaters und Moritz Samolewitz zog in jungen Jahren als Handelsreisender durch Ost- und Westpreußen. Er heiratete um 1863 die damals 16-jährige Rahel Hirschfeld (ca. 1849–1928) aus Thorn. Die junge Familie zog von Ort zu Ort, ohne irgendwo lange zu bleiben, bis sie schließlich in Berlin sesshaft wurde, wahrscheinlich kurz vor der Reichsgründung 1871. Zum ersten Mal ist ein „Handelsmann“ mit Namen M. Samolewitz in diesem Jahr im Berliner Adressbuch verzeichnet, in der Klosterstr. 16, III. Etage. Der Vater begann als Gebrauchtkleiderhändler, verlegte sich aber später ganz auf den Handel mit Schuhen. Die Familie wohnte seit 1879 in der Fehrbelliner Str. 28, wo Moritz Samolewitz 1885 schließlich eine Schuhwarenhandlung eröffnete, die er bald zu einem florierenden Geschäft ausbaute. Ein weiterer Geschäftszweig der Familie blieb in den ersten Jahren nach wie vor der Handel mit Kleidung.

Georg Samolewitz, der schon als kleines Kind infolge einer falschen ärztlichen Behandlung einen Buckel entwickelt hatte, besuchte vermutlich, wie später sein Bruder Leopold, die Schule der Adass-Jisroel-Gemeinde. Sein Vater, ein orthodoxer Jude, hatte sich der von Rabbiner Hildesheimer begründeten Gemeinde angeschlossen. Seine kaufmännische Ausbildung erhielt Georg Samolewitz im Geschäft des Vaters, dort arbeitete er erst als Kaufmann, später als Prokurist mit.

Im Jahr 1889 kaufte der Vater das Nachbargebäude Fehrbelliner Str. 30. Im ersten Stockwerk wohnte die Familie Samolewitz, während sich das Ladengeschäft nach wie vor im Nachbargebäude Nr. 28 befand. Erst zehn Jahre später wurde auch die Schuhwarenhandlung in die Nr. 30 verlegt.

1897 heiratete Georg Samolewitz. Seine Frau Rosalie Jacobis, geboren am 16. Juli 1869 in Berlin, stammte aus einer armen Familie und ernährte sich und ihre verwitwete Mutter als Verkäuferin in einem Geschäft für Spitzenwaren. Georg Samolewitz gründete nun einen eigenen Hausstand, mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter wohnte er im ersten Stock des Hauses Fehrbelliner Str. 30.

1905 zog sich Moritz Samolewitz offenbar aus dem Geschäft zurück und zog mit seiner Frau und dem jüngsten Sohn Leopold in eine andere Wohnung. Als Geschäftsinhaber der Schuhwarenhandlung ist in den Berliner Adressbüchern seit diesem Jahr Georg Samolewitz aufgeführt.

Georg Samolewitz war, wie sein Vater Moritz, Mitglied des Odd Fellow-Ordens in Berlin und erwarb sich, nach Aussage seines Bruders Leopold, eine geachtete Position dort. Er war ein sehr aktives Mitglied und in den Jahren 1902/1903 und 1912/1913 Obermeister (Erster Vorsitzender) der Immanuel-Kant-Loge.

Auch politisch engagierte sich Georg Samolewitz, er war 1919 bis 1920 Stadtverordneter der SPD.

In den 1920 Jahren trafen die Folgen von Inflation und Wirtschaftskrise offenbar auch Georg Samolewitz schwer. Das Schuhgeschäft musste er 1922 aufgeben, im folgenden Jahr das Haus Fehrbelliner Str. 30 verkaufen. Er eröffnete jedoch nunmehr unter derselben Adresse eine Trikotagenhandlung, die er bis 1927 führte. Danach ist Georg Samolewitz schlicht mit dem Eintrag Kaufmann in den Berliner Adressbüchern vermerkt, er wohnte seit 1927 in der Levetzowstr. 16 in Moabit. Zum letzten Mal ist er dort im Jahr 1936 aufgeführt. Vermutlich zogen der damals 66-Jährige und seine Frau Rosalie sich in das jüdische Altersheim in der Berkaer Str. 33–35 in Wilmersdorf zurück.

Aus diesem Heim wurde das Ehepaar Samolewitz am 17. August 1942 mit dem „1. großen Alterstransport“, zusammen mit 1000 anderen Berliner Juden und Jüdinnen, nach Theresienstadt deportiert. Wie alle Bewohner von Altersheimen mussten sie vermutlich einen sogenannten „Heimeinkaufsvertrag“ abschließen, mit dem angeblich die Unterbringung und Verpflegung im „Altersghetto“ Theresienstadt sichergestellt wurde. Georg Samolewitz starb nach knapp 14 Tagen im Ghetto, am 30. August 1942. Seine Frau Rosalie wurde am 19. September 1942 ins Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet.

Georgs Bruder Leopold Samolewitz, promovierter Jurist und Vater zweier Söhne, emigrierte zusammen mit seiner Frau Else im Jahr 1939 nach Palästina, wo sein Sohn Kurt lebte. Sein zweiter Sohn Hans-Werner war nach England ausgewandert. Nach dem Krieg engagierte sich Leopold Samolewitz als Anwalt in Wiedergutmachungsprozessen und starb 1959 in Israel. Seinen Enkelkindern hinterließ er Aufzeichnungen über seine Kindheit und Jugend in Deutschland, die diese später dem Leo-Baeck-Institut in New York zur Verfügung stellten. In diesen Aufzeichnungen charakterisiert Leopold Samolewitz seinen Bruder Georg so: „Er war immer gut gelaunt und hatte einen wunderbaren Sinn für Humor. Er trieb gern seine Späße mit Leuten, wurde aber nie gemein, sondern blieb immer freundlich.“


Biografische Zusammenstellung

Helga Gläser