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Erna Lewinsohn (geb. Sass)

Stolperstein für Erna Lewinsohn. Copyright: MTS
VERLEGEORT
An der Urania 7

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
26.03.2014

GEBOREN
30.06.1897 in Guttstadt / Dobre Miasto
DEPORTATION
am 12.01.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Erna Sass wurde am 30. Juni 1897 als Tochter von Saul und Martha Sass in Guttstadt/Ostpreußen geboren. Martha Sass brachte eine Tochter Trude mit in die Ehe. Aus ihrer Ehe mit Saul ging neben Erna noch eine weitere Tochter Sylvia hervor. Nach dem Tod der Mutter heiratete der Vater von nun drei Töchtern ein zweites Mal. Seine zweite Frau brachte ebenfalls zwei Töchter, Anni und Dora, mit in die Ehe, sodass nun fünf Mädchen in dem Haushalt lebten. Erna Sass heiratete zu Beginn der 1920er Jahre den Kaufmann Martin Lewinsohn. Das Ehepaar lebte in Bärwalde/Pommern und führte dort ein kleines Gemischtwarengeschäft. Nachdem die erste Schwangerschaft von Erna Lewinsohn tragisch endete – bei der Geburt erstickte der Sohn an seiner eigenen Nabelschnur –, entschloss man sich aus medizinischen Gründen zu einer Geburt des zweiten Kindes in Berlin. Ein weiterer Grund für die Umzugswünsche war der sich immer stärker abzeichnende Antisemitismus in der Kleinstadt Bärwalde. Am 30. Juli 1923 wurde der Sohn Siegfried ohne Komplikationen in Berlin geboren, allerdings zeigte sich zu Beginn seiner Grundschulzeit, dass er an Balbuties litt. Er wurde in eine Grundschulklasse eingewiesen, die sich des speziellen Problems des Stotterns annahm. Das Stottern wurde mit der Zeit durch therapeutische Atemübungen behoben. Am 3. November 1924 kam die Tochter Eva in Bärwalde zur Welt. Vermutlich im Jahre 1929 zogen die Lewinsohns ganz nach Berlin. Martin Lewinwohn arbeitete nach dem Umzug der Familie als leitender kaufmännischer Angestellter in dem seit 1900 in Berlin ansässigen Kaufhaus Tietz in der Leipziger Straße. Die Familie lebte zunächst in der Tile-Wardenberg-Straße 30, zweite Etage, ab 1931 in der Nordhauser Straße 11 im Erdgeschoss und ab 1935 in einer Dreizimmer-Wohnung in der Nettelbeckstraße 24 (heute: An der Urania 7). Die Familie war nicht streng religiös, hielt aber an den religiösen Feiertagen die vorgeschriebenen Riten ein und ging in die Synagoge. Der Familie musste es finanziell ab 1934 nicht sehr gut gegangen sein, weil man Martin Lewinsohn gekündigt hatte, dennoch schickte man die Kinder von Zeit zu Zeit in den großen Ferien nach Ermland-Masuren in das Städtchen Seeburg, wo sie die freie Zeit bei nahen Verwandten verbrachten. Obwohl Martin Lewinsohn aufgrund der Arisierung des Kaufhauses Tietz seine Arbeit verloren hatte, wurde er später wieder eingestellt, weil er im Ersten Weltkrieg als Sanitäter gedient hatte. Danach allerdings bestritt er den Lebensunterhalt seiner Familie mit dem Hausieren mit Glas- und Porzellanwaren. Die Tochter Eva zog am 14. Juni 1939 auf das Gut Winkel in Spreenhagen. Dort besuchte sie Hachschara-Kurse zur Erlernung land- und hauswirtschaftlicher sowie handwerklicher Fertigkeiten. Die Hachschara-Bewegung sollte junge Menschen systematisch auf die Besiedlung Palästinas vorbereiten. Ihr gelang im gleichen Jahr mit der Jugendaliyah über Dänemark die Flucht nach Palästina. Der Sohn Siegbert hatte vom 12. April 1937 bis zum 3. März 1938 eine jüdische Tagesschule für die Berufsvorlehre in Berlin besucht und war anschließend bis Juni 1941 auf die Israelitische Gartenbauschule Ahlem bei Hannover gegangen, um dort Gartenbau zu lernen. Inzwischen hatte man den Lewinsohns auch die Wohnung in der Nettelbeckstraße gekündigt. Man wies sie zwangsweise bei einer Familie Sammet in der Eisenacher Straße 5 ein. Ernas Sohn Siegbert wurde zur Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik verpflichtet und ihr Mann Martin als Zwangsarbeiter bei der Deutschen Reichsbahn eingesetzt. Am 8. Januar 1943 erhielt die Tochter Eva ein letztes Lebenszeichen von ihren Eltern.
Am 12. Januar 1943 fuhr der 26. Osttransport nach Auschwitz. Erna, ihr Mann Martin und ihr Sohn Siegbert waren mit auf dem Transport. Ihr weiteres Schicksal bleibt unbekannt.
Die Tochter Eva Weigert stellte am 12. Februar 1956 einen Entschädigungsantrag. Am 21. Juni 1956 bescheinigte der Kibbuz, in dem Eva Weigert lebte, ihr eine finanzielle Notlage. Sie sei deshalb auf die ihr zustehenden Beiträge angewiesen. In einem Vergleich wurden Eva Weigert am 12. Juli 1967 2.000,-- DM zugestanden.
Auf ihren Antrag auf Entschädigung des Schadens an Freiheit vom 1. Juli 1957 hin wurden ihr am 29. April 1959 6.550,-- DM erstattet.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Judith Hahn

Weitere Quellen

Informationen der Tochter Eva Weigert und Buch "Mein Bruder Siegbert Lewinsohn 30.07.23 – 12.1.43"; Briefe, LABO (Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten)