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Schevel Schachmeister

Stolperstein für Schevel Schachmeister. Copyright: MTS
VERLEGEORT
Hauptstr. 5

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
19.03.2014

GEBOREN
15.08.1874 in Kiew
BERUF
Graveur
FLUCHT
1933 nach Luxemburg, 1937 nach Argentinien
ÜBERLEBT
in Buenos Aires

Schevel (auch Scheybel) Schachmeister wurde 1874 geboren, wahrscheinlich im Gebiet der heutigen Ukraine, denn er lebte bis 1910 in Kiew. Über Schevel Schachmeisters frühe Leben ist wenig bekannt. Er hatte eine Frau namens Anna, die den Mädchennamen Reichmann trug und am 20. Januar 1875 geboren worden war, vermutlich auch in der ehemaligen Ukraine. Schevel und seine Frau Anna waren Juden, über ihre Familien ist nichts weiter bekannt.

Das Paar hatte vier Kinder: Augustine war die Jüngste und wurde Genia genannt. Die Söhne Efim und Leo sollten später Musiker werden, Efim erlangte europaweite Berühmtheit. Die zweite Tochter Maria wurde in der Familie Manja genannt. Schevel muss schon in Kiew Kaufmann gewesen sein, sein Sohn Efim erwähnt dies später in einem Einbürgerungsgesuch.

Im Jahr 1910 wanderte Schevel mit seiner Familie nach Berlin aus. Ob die antijüdischen Pogrome, die sich ab 1905 im damaligen Russland häuften, mit ein Grund für die Aufgabe der Heimat waren, ist nicht bekannt; fest steht, dass in dieser Zeit viele Juden aus Osteuropa nach Berlin kamen, um den antisemitischen Übergriffen zu entgehen. Laut Angaben aus der Familie war es wohl die außergewöhnliche musikalische Begabung Efims, die den Entschluss, ins Deutsche Reich zu gehen, endgültig machte – denn Efim hatte die Möglichkeit, seine musikalische Ausbildung am Stern’schen Konservatorium, einer angesehenen Musikhochschule in Berlin, fortzusetzen. Tatsächlich studierte er dann in der dortigen Violinklasse von Professor Alexander Friedemann weiter. Im Jahrbuch des Stern’schen Konservatoriums von 1910 findet man unter Efims Eintrag noch den Nachnamen „Chaissowsky“, was den Schluss zulässt, dass die Familie ihren ursprünglichen Namen zu „Schachmeister“ eingedeutscht hat.

Wo die Familie Schachmeister in den ersten Jahren in Berlin wohnte, ist unklar. Da in den Adressbüchern dieser Zeit nur die Haushaltsvorstände gemeldet sind und Schevel Schachmeister nicht aufgeführt ist, ist es wahrscheinlich, dass die Familie zur Untermiete wohnte. Da aber Sohn Efim am Stern’schen Konservatorium studieren konnte, war die Familie vermutlich finanziell nicht ganz schlecht gestellt.

Ab 1920 findet man Schevel Schachmeister in den Berliner Adressbüchern. Er war mit seiner Frau Anna in die Schöneberger Hauptstraße 5 gezogen und sollte hier bis zu seiner Flucht vor den Nazis wohnen bleiben. Offenbar hat Schevel Schachmeister in seinen Berliner Jahren verschiedene Berufe ausgeübt. 1920 und 1921 gibt er als Beruf „Graveur“ an, 1922 lässt er sich als „Tabakfabrikant“ registrieren, und im Jahr 1923 scheint er sogar einen eigenen Laden in der Zionskirchstraße 38 zu haben; jedenfalls findet sich dieser neben seiner gleichbleibenden Wohnadresse im Adressbuch eingetragen. Ab Mitte der 1920er Jahre stabilisiert sich die Berufsangabe und Schevel bezeichnet sich fortan schlicht als „Fabrikant“. Dies muss nicht heißen, dass er ein tatsächlicher Fabrikbesitzer war, sondern deutet eher darauf hin, dass er ein mittelständisches Unternehmen führte, was auch sein Sohn Efim damit bestätigte, dass er seinen Vater als Kaufmann bezeichnete.

Sohn Efims Bekanntheit nahm spätestens in den 1920 Jahren so zu, dass er sich zu den angesehensten Jazzmusikern der Kulturmetropole Berlin zählen konnte – er wurde bald zum „König aller Tanzgeiger“ erklärt und tourte mit seiner Kapelle durch die Republik. Efim hatte nach eigenen Angaben bei einem Aufenthalt in der alten Heimat in Kiew die Künstlerin Rosa Nodelmann geheiratet und sie mit nach Berlin genommen. Ab 1927 zog das Paar ebenfalls in die Hauptstraße in Schöneberg, Efim wohnte nun also in unmittelbarer Nähe zu seinen Eltern. Doch das Beisammensein währte nur kurz – im August 1928 starb Schevels Frau Anna. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt. Schevel blieb allein in der Wohnung in der Hauptstraße 5 wohnen, doch Anfang der 1930er Jahre zog sein Sohn Efim bei ihm ein. Er hatte sich von seiner Frau Rosa getrennt und ihr die gemeinsame Wohnung in der Hauptstraße 69 überlassen, war kurzfristig an den Innsbrucker Platz und dann zum Vater gezogen.

Schevels andere Kinder waren verheiratet und lebten auch in Berlin. Mania war mit einem Mann namens Max Spierer verheiratet, der 1929/1930 nach Buenos Aires auswanderte und dort die finanzielle Grundlage dafür schaffte, dass er später seine geflohenen Verwandten unterstützen konnte. Genia war mit Siegmund Orlevsky verheiratet, auch er ein berühmter Stehgeiger und guter Freund von Sohn Efim.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird sich das Leben der Familie Schachmeister wie für alle jüdischen Bürger in Deutschland schlagartig verändert haben. Der Geschäftsboykott, den die Nazis am 1. April 1933 gegen jüdische Läden ausriefen, muss auch Schevel getroffen haben. Die erfolgreichen Musikerkarrieren seiner Söhne Efim und Leo standen plötzlich vor dem Aus. Mit großer Weitsicht beschlossen die Familienmitglieder, Deutschland zu verlassen und nach Luxemburg überzusiedeln. Efim war im Jahr 1933 der erste, er hatte in Luxemburg gute Kontakte und konnte mit seinem Ruf leicht Konzertauftritte organisieren. 1935 folgte ihm der Rest der Familie. Mit derselben Weitsicht emigrierten Schevel und seine Töchter Manja und Genia mit ihrem Mann im Jahr 1937 nach Argentinien und ließen sich in Buenos Aires nieder, wo Manjas Mann, Max Spierer, ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden war. Leo zog mit seiner Frau Trude von Luxemburg weiter nach Brüssel. Efim, der schwer unter der Zerstörung seiner Karriere und dem Verlust seiner liebgewonnenen Heimat litt, blieb bis 1939 in Luxemburg und folgte dann erst seinen Angehörigen nach Argentinien.

Schevels Familie hielt in Buenos Aires unter den schweren Bedingungen der erzwungenen Emigration zusammen. Ein Netzwerk von Angehörigen und Freunden war entstanden, um sich beiseite zu stehen und die Last der Fremde – die neue Sprache, das harte Klima, die finanzielle Notlage – gemeinsam zu ertragen. Schevel und sein durch die Flucht mittellos gewordener Sohn Efim wurden von Max Spierer unterstützt. Schevel nahm seine alte Arbeit als Graveur wieder auf; sein Sohn Efim versuchte, sich als Musiker durchzuschlagen. Doch konnte er an seinen Erfolg in Europa nicht anknüpfen und die harten klimatischen Bedingungen und die anstrengende Arbeit setzten zunehmend seiner angeschlagenen Gesundheit zu – Efim erlitt einen Herzschlag und verstarb im Oktober 1944.

Schevels Sohn Leo, der nach Brüssel ausgewandert war, wurde nach der Besetzung Belgiens als Jude in ein KZ deportiert. Seiner courargierten nichtjüdischen Ehefrau Trude gelang es, seine Haftentlassung zu erreichen. Die beiden überlebten die deutsche Besatzung in Brüssel, doch war Leo fortan ein gebrochener Mann, der den Rest seines Lebens unter der Demütigung, Entrechtung und den Entbehrungen, die seiner Familie angetan wurden, litt.

Ohne die Befreiung Europas noch mitzuerleben, starb Schevel Schachmeister am 29. März 1945 in Buenos Aires.

Zwei der Enkel von Schevel, Leon Spierer, der Sohn von Manja und Max Spierer, und Julian Olevksy, der Sohn von Genia und Siegmund Olevsky, wurden ihrerseits berühmte Konzertgeiger. Leon Spierer war jahrelang der 1. Konzertmeister der Berliner Philharmoniker und spielte u.a. unter Herbert von Kajaran, während Julian Olevsky als Solist international Karriere machte.


Biografische Zusammenstellung

SchülerInnen des 9. Jahrgangs und der Oberstufe des Max-Planck-Gymnasiums

Sophia Schmitz, Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin