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Abraham Sichel

Stolperstein für Abraham Sichel. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Bartningallee 7

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Hansaviertel
VERLEGEDATUM
Dezember 2006

GEBOREN
29.12.1866 in Langenbergheim
BERUF
Geschäftsmann
DEPORTATION
am 17.07.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
05.12.1942 im Ghetto Theresienstadt

Abraham Sichel wurde am 29. Dezember 1866 im hessischen Langenbergheim geboren. Er war ein angesehener Bürger von Büdingen, der damaligen Kreisstadt seines Geburtsortes, wo er ein Manufakturenwarengeschäft führte. Im Jahr 1898 heiratete er Rosa Annathan (laut anderer Quelle Abraham), mit der er drei Kinder bekam: Flora (*14. Mai 1899), Toni Therese (*11. März 1901) und Paul (*2. Januar 1908). Während des Ersten Weltkriegs verrichtete er als Ehrenamtlicher Tätigkeiten für das Bürgermeisteramt Büdingens und war lange Zeit ebenfalls ehrenamtlich im Finanzausschuss des Stadtrats tätig. Von 1926 bis 1930 war er Mitglied des Stadtrats und ab 1928 bis zum Verbot 1933 als Rechner im Vorstand des SPD-Ortsvereins aktiv. Er wurde vierfacher Großvater, seine Enkel Caroline Lore, Werner, Ingeborg und Hans kamen zwischen 1923 und 1926 in Mönchengladbach und Berlin zur Welt. Seine Frau Rosa starb am 6. September 1928.

Bereits kurz nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft musste Abraham Sichel sein Geschäft aufgrund der antisemitischen Boykotte schließen, es wurde am 3. Oktober 1933 abgemeldet. Zusammen mit seinem Sohn Paul zog er nach Berlin zu seiner Tochter Toni und deren Familie. Sein Schwiegersohn Israel Nußbaum war Inhaber der Firma Richard Brandt, die Schuhmacherbedarfsartikel vertrieb und vier Filialen in Berlin hatte. Abraham Sichel wurde mit der Betreuung der Niederlassung in der Beusselstraße 26 betraut. In der gemeinsamen Wohnung in der Klopstockstraße 29 (heute Bartningallee 7, Hansaviertel) war es mit vier Erwachsenen und den Zwillingen Ingeborg und Hans ziemlich eng, was das Zusammenleben nicht immer einfach machte. Im Gegensatz zu Familie Nußbaum, die jeden Sabbat in die Synagoge ging, war Abraham Sichel nicht religiös. Hin und wieder ging er mit seinem Sohn in ein Restaurant, um Schweinefleisch zu essen, was es im koscheren Haushalt seiner Tochter nicht gab.

Am 9. November 1938, dem Tag des Novemberpogroms, durchsuchten zwei Angehörige der Gestapo die Wohnung der Familie. Da sie telefonisch von einer Verwandten gewarnt worden waren, konnten sich Israel Nußbaum und Paul Sichel rechtzeitig in Sicherheit bringen. Abraham Sichels Enkelin Ingeborg erinnerte sich später, dass ihr Großvater während der Durchsuchung schlief und die Gestapo-Männer von ihrer Mutter wissen wollten, wie alt er sei. Als sie erfuhren, dass er bereits 72 Jahre alt war, zogen sie wieder ab. Nicht viel später musste Abraham Sichels Schwiegersohn sein Geschäft aufgrund der antisemitischen Verfolgung aufgeben. Etwa zur gleichen Zeit gelang es, die Enkelkinder Ingeborg und Hans nach England zu schicken und in Sicherheit zu bringen. Abraham Sichels unverheirateter Sohn Paul floh nach Frankreich. Ende Februar 1941 wurden Abraham Sichel, seine Tochter und sein Schwiegersohn gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen. Sie zogen nach Charlottenburg in die Schillerstraße 6, wo sie in der 2-Zimmer-Wohnung von Paul Rosenbaum zur Untermiete wohnten.

Am 17. Juli 1942 wurde Abraham Sichel zusammen mit seiner Tochter Toni und seinem Schwiegersohn Israel mit dem „24. Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert. Er starb dort am 5. Dezember desselben Jahres, angeblich an Altersschwäche.

Toni und Israel Nußbaum wurden Anfang Oktober 1944 nach Auschwitz verschleppt. Sie wurden wie auch Abraham Sichels Sohn Paul und sein Enkel Werner in Auschwitz ermordet. Paul Sichel wurde in Frankreich nach der deutschen Besetzung verhaftet, in Rivesaltes interniert und am 9. September 1942 von Drancy nach Auschwitz verschleppt. Wann er dort ermordet wurde, ist nicht bekannt. Abraham Sichels Tochter Flora wurde am 27. Oktober 1941 mit ihrem Mann und ihren Kindern von Düsseldorf aus ins Ghetto Łódź deportiert. Sein Schwiegersohn Hugo Herzberger wurde am 23. August 1942 in Łódź ermordet, sein Enkel Werner wurde nach Auschwitz verschleppt und dort am 18. August 1944 ermordet. Für Hugo und Werner Herzberger wurden an ihrem letzten Wohnsitz in Mönchengladbach Stolpersteine verlegt. Flora Herzberger und ihre Tochter Lore überlebten die KZs Auschwitz und Groß-Rosen. Flora Herzbergers Erinnerungen, die sie kurz nach der Befreiung aufschrieb, sind über das United States Holocaust Memorial Museum online zugänglich.


Biografische Zusammenstellung

Julia Chaker

Weitere Quellen

Alemannia Judaica, Jüdische Geschichte / Synagoge Büdingen mit Lorbach (Wetteraukreis), http://www.alemannia-judaica.de/bue...
Chronik der SPD in Büdingen, http://www.spd-buedingen.de/dl/Chro...
Gladbachs Juden – über Lodz in den Tod. Von Jan Schnettler und Stefani Geilhausen, www.rp-online.de, 29.10.2011;
Kauperts, Straßenführer durch Berlin;
United States Holocaust Memorial Museum, A memoir relating to experiences in Łódź, Auschwitz, Gross-Rosen, and Neustadt, Flora Herzberger, June 1945. Accession Number: 1995. A.0772.