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Oscar Flesch

Stolperstein Oscar Flesch© H.-J. Hupka, 2014
VERLEGEORT
Duisburger Str. 19

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
20.05.2014

GEBOREN
19.11.1874 in Heilbronn
DEPORTATION
am 28.08.1942 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 20.09.1942 nach Treblinka
ERMORDET
1942 in Treblinka

Oscar Flesch wurde am 19. November 1874 in Heilbronn am Neckar geboren. Er machte eine kaufmännische Lehre und trat jung in das Herren- und Damenmodegeschäft seiner Eltern Julius und Bella Flesch, geb. Stern, ein. 1903 heiratete Oscar die damals 23-jährige Charlotte (Lotte) Israel aus Berlin. 1907 wurde dem Paar ein Sohn geboren, dem sie als gute deutsche Bürger der Kaiserzeit den Namen Fritz gaben.

Das in den 1870er Jahren gegründete Modegeschäft der Familie Flesch lag in der Kaiserstraße 30, einer gründerzeitlichen Prachtstraße im Herzen von Heilbronn, die repräsentative Geschäftshäuser säumten. Es war das eleganteste Geschäft in Heilbronn, mit mehreren Angestellten und einem Lehrmädchen, so beschrieb Fritz Flesch nach Kriegsende das elterliche Unternehmen, in dem er selbst auch eine Ausbildung als Verkäufer gemacht hatte.

Wie viele andere deutsch-jüdische Geschäftsinhaber geriet die Familie Flesch im Zuge der Weltwirtschaftskrise und des Aufstiegs der NSDAP in Bedrängnis. Auch im Neckarstädtchen Heilbronn gab es Aufrufe zum Boykott jüdischer Läden und Verhaftungen linksgerichteter Politiker; zeitgeschichtliche Archivdokumente zeigen Häuser mit NS-Beflaggung. Die bürgerliche Idylle der Familie Flesch zerbrach. 1933 emigrierte Sohn Fritz mit 26 Jahren nach Palästina – genau wie sein Saarbrückener Vetter Eugen Scheuer und viele andere junge Juden aus Europa. Er wurde Landwirt in der Kwuzah (kleiner Kibbutz) Schiller in Rechovot bei Tel Aviv.

Im August 1934 musste Oscar Flesch das Heilbronner Familiengeschäft verkaufen. Fortan lebte er als Rentier von den Zinsen seines bescheidenen Vermögens – oder wie Sohn Fritz es ausdrückte: Er verzehrte den Erlös des Geschäftes. Oscar Flesch zog mit seiner Frau Charlotte in deren Heimatstadt Berlin, wo das Paar eine Wohnung in der Duisburger Straße 19 anmietete.

Am 2. Februar 1938 starb Charlotte Flesch in Berlin. Im Frühjahr 1941 heiratete Oscar Flesch erneut: Seine zweite Frau, geboren am 10. Februar 1890 als Lucie Händel, stammte aus Pyritz (Pommern, im heutigen Polen). Ab April des Jahres war auch Lucie Flesch in der Duisburger Straße 19 gemeldet.

Von September 1941 an musste das Ehepaar den sogenannten Judenstern tragen, der sie als Mitglieder einer vom Regime unerwünschten Bevölkerungsgruppe denunzierte. Man kann sich ihre stetig wachsende Bedrückung und Angst ausmalen, als nach und nach, einzeln oder in kleinen Gruppen, ihre jüdischen Nachbarn in der Duisburger Strasse von der Gestapo abgeholt wurden. Im Oktober des Jahres erreichte der Terror schließlich ihr eigenes Wohnhaus: Ihre Türnachbarin Gertrud Krohn wurde in den Tod deportiert, ihr folgten im Juli 1942 das Ehepaar Hermann und Lina Glant, und am 8. August 1941 schließlich Rosalie Hirsch.

Oscar und Lucie Flesch wurden am 28. August 1942 nach Theresienstadt deportiert (er war damals 67 Jahre alt, sie erst 52) und am 29. September 1942 in Treblinka ermordet.

Am Vortag seiner Deportation wurde Oscar Fleschs gesamtes Vermögen zu Gunsten des Deutschen Reichs eingezogen. Auf Veranlassung der Finanzbehörden wurden Wertpapiere in einem Nennwert von 10 000 Mark der Deutschen Reichsbank übertragen. Der Hausrat der Eheleute Flesch wurde versteigert bzw. an parteitreue Genossen verschleudert: Armselige 292,24 Reichsmark betrug der Auktionserlös für ihre sicher gutbürgerliche Wohnungseinrichtung. Ihre verlassene Wohnung in der Duisburger Straße 19 übernahm laut den Akten ein SS-Obersturmführer Leiteritz.

Vertreten durch den israelischen Notar Dr. Fritz Strauss, meldet sich Fritz Flesch, der in Palästina den Vornamen Joel angenommen hatte, Anfang der 1950er Jahre als Sohn und Erbe von Oscar Flesch beim URO (United Restitution Office) in Berlin-Wilmersdorf. Er stellte die Deportation fest und erklärte, damals von seinem Vater einen Rot-Kreuz-Brief erhalten zu haben – das letzte Lebenszeichen von Oscar Flesch.

Es folgte ein von Verzögerungen und amtsdeutscher Borniertheit gekennzeichnetes Verfahren zur Feststellung seiner Ansprüche. So wurde in einem Schreiben vom 13. Juni 1957 seinem ermordeten Vater für dessen Schaden an der Freiheit — die entsprechende Untergliederung beinhaltet auch die Kategorie Tod — eine Entschädigungssumme von 6 450 D-Mark gewährt.

Erst mit Beginn 1960er Jahre beschleunigte sich der schleppende Prozess der Erben-Entschädigung. Für das Textilgeschäft seiner Familie in Heilbronn erstritt Joel Flesch 15 250 DM, die ihm am 6. Januar 1960 zugesprochen werden. Für die nach amtlichen Angaben von Russen aus dem Tresor der Reichsbank geraubten Wertpapiere seines Vaters erhielt er in einem am 20. April 1965 (also ganze zwei Jahrzehnte nach Kriegsende) geschlossenen Vergleich 1000 D-Mark.


Biografische Zusammenstellung

Recherche und Text: Margit J. Mayer