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Dr. Else Weil, verh. Tucholsky (geb. Weil)

Stolperstein für Else Weil. Copyright: MTS
VERLEGEORT
Bundesallee 79

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Friedenau
VERLEGEDATUM
27.08.2014

GEBOREN
19.06.1889 in Berlin
BERUF
Praktische Ärztin
FLUCHT
Oktober 1938 in die Niederlande und 1939 nach Frankreich
INTERNIERT
ab Juli 1942 bis zum 01.09.1942 in Les Milles
INTERNIERT
ab 02.09.1942 bis zum 08.09.1942 in Drancy
DEPORTATION
am 09.09.1942 von Drancy nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Else Weil wurde am 19. Juni 1889 in Berlin geboren. Sie war das älteste Kind des Kaufmanns Siegmund Weil und der Lehrerin Franziska geb. Herzfeld. Sie hatte eine Schwester Irma, die mit nur fünf Jahren starb, und einen Bruder Kurt. Die Familie lebte in Berlin zunächst in der Alten Jakobstraße 88, ab 1899 in der Klopstockstraße 24. 1914 bezog sie eine große Wohnung in der Charlottenburger Wielandstraße 33.
Die liberal eingestellten Eltern ermöglichten Else Weil den Besuch einer höheren Schule. 1910 legte sie das Abitur ab und immatrikulierte sich an der Universität Berlin. Ein Jahr lang hörte sie Vorlesungen an der Philosophischen Fakultät. Dann studierte sie Medizin. Ihr praktisches Jahr leistete sie am Krankenhaus Westend ab. 1917 wurde sie approbiert. Im darauffolgenden Jahr promovierte sie beim Leiter der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Charité, Karl Bonhoeffer, mit „Einem „Beitrag zur Kasuistik des induzierten Irreseins“.
1917 eröffnete Else Weil in der Kaiserallee 79 (heute Bundesallee) in Friedenau eine allgemeinmedizinische Praxis. Zusätzlich arbeitete sie als Assistenzärztin an der Hebammenlehranstalt am Urban-Krankenhaus, ab 1918 an der Frauenklinik der Charité.
Else Weil heiratete 1920 den Schriftsteller Kurt Tucholsky und führte danach den Doppelnamen Weil-Tucholsky. Er zog zu ihr in die Kaiserallee 79. Die beiden kannten sich bereits seit 1911. In der Erzählung „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ verewigte er sie in der Figur der Claire. Nach drei Jahren trennte sich das Paar wieder. Else Weil erklärte dazu später: „Als ich über die Damen wegsteigen musste, um in mein Bett zu kommen, ließ ich mich scheiden.“ Die Scheidung wurde 1924 vollzogen. Den Namen Tucholsky legte Else Weil 1933 ab, vermutlich, um sich vor Angriffen der neuen Machthaber zu schützen. Bis zum Tod Kurt Tucholskys, der sich 1935 im schwedischen Exil das Leben nahm, blieben sie in Kontakt.
Nach ihrer Scheidung gab Else Weil die Wohnung in der Kaiserallee 79 auf. 1925 zog sie zu ihrer inzwischen verwitweten Mutter in die Wielandstraße 33. Da die Einnahmen aus ihrer Praxis für den Lebensunterhalt nicht ausreichten, arbeitete sie zeitweise als Privatsekretärin. 1932 nahm sie eine Anstellung als Ärztin im Krankenhaus am Friedrichshain an.
Wegen ihrer jüdischen Herkunft kündigte ihr das Krankenhaus 1933. Im selben Jahr wurde ihr auch die Kassenzulassung entzogen. Ihre Praxis führte sie danach bis etwa 1935 als Privatpraxis weiter. Daneben arbeitete sie als Sekretärin und Kindermädchen. Im Mai 1938 mussten ihr Bruder und sie ihr Elternhaus in der Alten Jakobstraße 88 verkaufen. Wie allen jüdischen Medizinerinnen und Medizinern wurde Else Weil im September 1938 die Approbation entzogen.
Sie entschloss sich zur Emigration und wanderte noch 1938 über die Niederlande nach Paris aus, wo sie bei der Familie Oppenheimer wohnte. Dort traf sie den Chemiker Friedrich Epstein wieder, den sie aus Berlin kannte. Die beiden wurden ein Paar. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich flohen sie 1940 gemeinsam zu Verwandten Friedrich Epsteins nach Südfrankreich. Else Weil wurde zeitweise im Lager Gurs interniert, wo sie freiwillig als Ärztin arbeitete. 1942 lebte sie zusammen mit Friedrich Epstein unter polizeilicher Aufsicht (résidence forcée) in Salernes, einem kleinen Dorf zwischen Aix-en-Provence und Cannes.
Im August 1942 wurde Else Weil im Lager Les Milles festgesetzt. Vergeblich versuchte Friedrich Epstein, sie freizubekommen. Über Drancy wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie am 11. September 1942 ankam. Dort verliert sich ihre Spur.
Friedrich Epstein wurde ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Er starb dort am 22. Dezember 1943. Else Weils Mutter war bereits 1933 bei einem Kuraufenthalt gestorben. Ihr Bruder Kurt emigrierte und überlebte.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Judith Hahn

Weitere Quellen

Geburtsurkunde

Sunhild Pflug: Dr. med. Else Weil (1889-1942). Auf den Spuren von Kurt Tucholskys Claire aus "Rheinsberg". Teetz und Berlin 2008

Dr. Peter Böthing / Alexandra Brach: Else Weil. Fragmente eines deutsch-jüdischen Lebensweges. Literaturmuseum Schloss Rheinsberg 2011

Rebecca Schwoch (Hrsg.): Berliner Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Berlin 2009, S. 880ff.

Beate u. Serge Klarsfeld: Memorial to the Jews Deported from France 1942–1944. New York 1983.

OdE, S. 136ff. (Kurt Tucholsky)