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Elise Felicitas Stöckel (geb. Hollaender)

Stolperstein für Elise Felicitas Stöckel. Copyright: MTS
VERLEGEORT
Fregestr. 71

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Friedenau
VERLEGEDATUM
16.10.2014

GEBOREN
21.09.1872 in Berlin
DEPORTATION
am 11.08.1942 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 18.12.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
1943 in Auschwitz

Elise Felicitas Hollaender wurde in eine künstlerisch hoch begabte Familie hineingeboren. Ihr Vater war der praktische Arzt Dr. Siegmund Benjamin Rachel (+ 7.8.1888), ihre Mutter die Hausfrau Renette Rachel, geborene Danziger (* 27.7.1829 – 7.10.1906). Sie kam am 21. September 1872 als 13. und letztes Kind in Berlin zur Welt. Die Familie lebte zunächst im schlesischen Leobschütz. Im Geburtsjahr von Elise zogen die Hollaenders nach Berlin. Hier hatte der Vater in der Oranienstraße 101-102 seine Arztpraxis in einer Elfzimmer-Wohnung. 1937 änderte die Familie den ursprünglichen Familiennamen "Rachel" in "Hollaender". Der Bruder Gustav Adolf wurde Geiger, Dirigent und Komponist, lernte unter anderem bei Joseph Joachim und übernahm später das Stern'sche Konservatorium. Sein Sohn wiederum war der bekannte Revue- und Tonfilmkomponist Friedrich Hollaender, die Töchter Susanne Landsberg und Melanie Herz waren die Mitbegründerinnen der "Jüdischen Privaten Musikschule Hollaender". Ein weiterer Bruder, Viktor Hugo, schrieb Operetten und war Dirigent am Metropoltheater und ein anderer, Felix Mendelsohn, wurde Dramaturg bei Max Reinhardt. Die Schwester Martha heiratete den österreichischen Pazifisten und Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried, eine weitere Schwester den Bruder des Philosophen Lassen und eine andere, Helene Wiegottwill, den Börsenmakler und Chemiker Fedor Lehmann. Elise Hollaender studierte ab 1898 als 26jährige am Stern'schen Konservatorium das Fach Deklamation. Da sie bis zu ihrem 31. Lebensjahr noch ledig und kein Heiratskandidat in Sicht war, wurde ein jüdischer Heiratsvermittler eingeschaltet. Außerdem verkaufte ihre Großmutter ihre Bergwerksaktien, um Elise eine gute Mitgift mit in die Ehe geben zu können. Siegmund Stöckel (geboren als Samuel Nuchem Steckel), ein Bauunternehmer mit polnischem Pass, der aus beruflichen Gründen aus Polen über Österreich nach Berlin gekommen war, ging am 19. März 1903 die Ehe mit ihr ein. Die Aussteuer trug nicht unerheblich dazu bei, dass sich Siegmund Stöckel in Berlin ein erfolgreiches Baugeschäft aufbauen konnte. Siegmund Stöckel hatte aus einer früheren, neun Jahre währenden Beziehung mit der "Arierin" Marie Weidner zwei uneheliche Töchter, die 1894 und 1895 geboren wurden. Die Tochter Marie starb aber bereits 1895, ein Jahr nach ihrer Geburt. Siegmund Stöckel zahlte an die Mutter seines zweiten Kindes Alma Irmgard eine Abfindungssumme in Höhe von 5.000,-- RM, seiner Tochter übergab er später anlässlich ihrer Heirat eine Mitgift in Höhe von 20.000,-- RM. Die Beziehung zu der Tochter brach über die Jahre hinweg niemals ab, Elise Stöckel jedoch hatte von der früheren Beziehung ihres Mannes zu Marie Weidner und von der Existenz des Kindes bis kurz vor dem Tode ihres Mannes keine Kenntnis. Siegmunds Tochter Alma Irmgard sollte aber später in ihrem Leben noch eine Rolle spielen. Die Stöckels wohnten privat in der Fregestraße 80, das Baugeschäft befand sich in der Cranachstraße 36. Im Jahr 1909 kaufte Siegmund Stöckel für seine Frau in der Fregestraße 71 eine kleine Villa, das nur sie und ein Hauswart bewohnten. Im Garten stand ein Magnolienbaum, den Elise zärtlich liebte. Die Ehe wurde sehr glücklich, blieb aber zum Kummer des Ehepaares kinderlos. Die Stöckels waren überall für ihre Gastfreundschaft bekannt, man unterstützte auch gerne mittellose Kunstmaler, indem man ihnen ihre Werke abkaufte. Wie sein älterer Bruder Moritz Stöckel, der ebenfalls Bauunternehmer war und in der Fregestraße wohnte, kaufte Siegmund Stöckel Grundstücke mit kleinen Villen auf, ließ diese abreißen und errichtete große Miethäuser. So entstanden die Häuser in der Fregestraße 7, 7a, 8 und 9. Sein Bruder, der bereits 1910 verstarb, errichtete die Häuser in der Fregestraße 25, 26 und 27. Zu Beginn der 1930er Jahre verließen einige Mitglieder von Elises Familie Deutschland. 1939 besuchte Elise ihre Schwester Helene Wiegottwill in England und brachte ihren kompletten Schmuck mit, um ihn dort in Sicherheit zu bringen. Sie selbst konnte dort nicht bleiben, weil man ihren Pass eingezogen hatte. Sie kehrte deshalb nach Deutschland zurück. Alle weiteren Versuche, das Land nochmals auf legalem Wege zu verlassen, schlugen fehl. Zu diesem Zeitpunkt lebte ihr Mann schon nicht mehr. Er war als polnischer Staatsbürger am 28. Oktober 1938 im Verlauf der so genannten "Polenaktion" verhaftet und zusammen mit Max Blank, dem Ehemann seiner Nichte Margarete Blank, geborene Stöckel, und weiteren etwa 17.000 polnischen Juden über die polnische Grenze abgeschoben worden. Bei Bentschen, Konitz bzw. Beuthen gelangten die Deportierten auf polnisches Gebiet. Von dort begaben sich Siegmund Stöckel und Max Blank nach Warschau. Dort starb Siegmund Stöckel nur wenig später am 10. Januar 1939 an einer Lungenentzündung. Max Blank gelang es, am 22. Juli 1939 zusammen mit seiner Frau Margarete über Berlin in die USA zu emigrieren. Elise Stöckel erhielt von ihrem Mann noch einen Brief. Darin empfahl er ihr, sich bei Schwierigkeiten an Alfred Andersson zu wenden. Alfred Andersson war der Mann seiner unehelichen Tochter Alma Irmgard, Antiquitätenhändler und schwedischer Staatsbürger. Jetzt erst erfuhr Elise Stöckel das gut gehütete Geheimnis, dass ihr Mann eine Tochter hatte. Dennoch vererbte Elise ihrer Stieftochter das Grundstück Fregestraße 71 am 23. Februar 1939. Ihre Motivation für die Schenkung ist nicht eindeutig nachzuvollziehen. Alma Irmgard Andersson sagte nach dem Krieg aus, es hätte sich dabei um eine "Anstandsschenkung" gehandelt, die Erben von Elise hingegen behaupteten, dass die Schenkung als eine Gegenleistung für die Ausreise nach Schweden und die anschließende Sicherung ihres Lebensunterhalts gedacht gewesen sei. Ob sich – wie Alma Irmgard später aussagte – tatsächlich innerhalb kurzer Zeit eine enge Freundschaft zwischen ihnen entwickelte und Elise Stöckel ihre Stieftochter für ihre "trostlose Jugend" entschädigen wollte, darüber lässt sich lediglich spekulieren. Und auch, ob die Anderssons tatsächlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, um Elise Stöckel eine Ausreise nach Schweden zu ermöglichen, kann nachträglich nicht mehr eindeutig geklärt werden. Jedenfalls kam es dazu nicht mehr. Im Mai 1939 nahm sie noch mehrere Mieter in ihr Haus auf: dort wohnten Alfred und Elsbeth Cohn, geborene Aris, mit ihrer Tochter Hella, die aus Wartenburg/Ostpreußen nach Berlin gezogen waren. Außerdem lebten bei ihr die Witwe Betty Ries, die alleinstehende Krankenschwester Fanny Schlomm und der nichtjüdische Hermann Weiandt. Zunächst blieb auch Elise noch in der Fregestraße 71 wohnen,1941 jedoch zog sie in eine Pension in der Haberlandstraße um. Anschließend wohnte sie noch bei ihrer Schwägerin Gertrud Stöckel (s. dort), der Ehefrau von Moritz Stöckel, in der Stübbenstraße 1. Dort bezog sie die Mädchenkammer.
Am 11. August 1942 überführte der 41. Alterstransport sie nach Theresienstadt. Von Theresienstadt ging es am 18. Dezember 1943 weiter nach Auschwitz. Man muss davon ausgehen, dass sie dort unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurde.
Die Erben von Elise Stöckel strengten nach dem Krieg einen Rückerstattungs-prozess gegen Alma Irmgard Andersson an. Sie forderten das Grundstück in der Fregestraße 71, das Elise Stöckel ihrer Stieftochter geschenkt hatte, zurück. Der geltend gemachte Rückerstattungsanspruch von Elise Stöckels Verwandten wurde aber vermutlich zurückgewiesen.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Judith Hahn

Weitere Quellen

Recherchen der Patin; LABO, Deportationsliste; Gabriele Tergit: Die Hollaenders. In: AJR Information, Oktober 1957