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Dr. Herbert Lehmann

Stolperstein für Dr. Herbert Lehmann. Copyright: MTS
VERLEGEORT
Viktoria-Luise-Platz 5

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
16.10.2014

GEBOREN
07.10.1912 in Poznań / Posen
BERUF
Apotheker
ÜBERLEBT

Herbert Viktor Lehmann kam am 7. Oktober 1912 als Sohn des praktischen Arztes Dr. Max Lehmann und seiner Ehefrau Selma Lehmann, geborene Peiser, in Posen zur Welt. Er hatte einen zwölf Jahre älteren Bruder namens Ernst Leopold, der am 27. August 1900 in Görlitz geboren worden war. Der Vater hatte, bevor er sich in Berlin zum Facharzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten ausbilden ließ, in Görlitz eine gut gehende allgemeinmedizinische Praxis betrieben. Nach seiner einjährigen Facharztausbildung zogen die Lehmanns 1906 nach Posen. Die Familie wohnte in der Kaiserin-Viktoria-Straße in einer Siebenzimmer-Wohnung. Hinter dem Haus befand sich ein großer, parkartiger Garten. In der Wohnung betrieb Max Lehmann eine Praxis für Innere Medizin. Später eröffnete er zusammen mit Herberts Onkel Alfred Peiser eine Privatklinik mit 30 Betten. Alfred Peiser war dabei für die Chirurgie zuständig und sein Vater für die Innere Medizin. Sein Vater wurde zwar zu Beginn des Ersten Weltkriegs nicht an die Front geschickt, er erhielt aber – angesichts der zunehmenden Zahl an Schwerverletzten – im Jahre 1917 schließlich doch noch den Befehl, mit einem Fußartillerieregiment nach Frankreich auszurücken. Obwohl nierenkrank und kreislaufleidend und trotz des Rates seiner Kollegen, sich aus Gesundheitsgründen untauglich zu melden, zog er am 28. April 1917 an die französische Front in den Argonnen. Einige Tage nach seiner Ankunft wurde er aus Gründen, die nicht mehr zu rekonstruieren sind, in seinem Sanitäterunterstand bewusstlos aufgefunden. Möglicherweise war der Unterstand nachts von Fliegern angegriffen worden. Max Lehmann verstarb am 14. Mai 1917 im Alter von 47 Jahren an einer Herzlähmung. Nachdem seine sterblichen Überreste nach Deutschland überführt worden waren, hatte sein erst siebzehnjähriger Sohn Ernst die furchtbare Aufgabe, seinen Vater zu identifizieren. Zurück blieben eine 39jährige überforderte Witwe, ein fünfjähriges Kind und ein Sohn, der kurz vor seiner Berufsausbildung stand. Der Kriegerwitwe hatte man zudem die Kriegsopferrente gestrichen und ihr nur eine Witwenrente zugebilligt. Dennoch bemühte sich Herberts Mutter, ihren Kindern eine glückliche Kindheit zu bereiten. Sie unternahm mit ihren Kindern Sommerreisen und wanderte mit ihnen durch die Natur. Im Herbst 1918 wurde Herbert auf eine Privatschule geschickt, in der er den ersten Elementarunterricht erhielt. Am 26. Dezember 1918 ereignete sich ein Zwischenfall, der Herberts Kindheit und Jugend entscheidend prägen sollte. Auf dem Rückweg von einem Besuch bei einer befreundeten Familie gerieten Mutter und Sohn zwischen die Fronten eines Feuergefechts, das von deutschen und polnischen Truppen ausgetragen wurde. Es war nahezu unmöglich, die unter Feuer liegende Straße zu überqueren. Nur mit Mühe konnten sie in dem Haus der Großeltern Zuflucht suchen. Nach dem Erlebnis litt Herbert plötzlich unter Stottern. Die Störung des Redeflusses beeinträchtigte ihn erheblich, und keine Therapie half. Wiederholt schickte man ihn zur Kur. So verbrachte er den ganzen Winter von 1919 bis 1920 in Wyk auf Föhr. Erst im Alter von 15 oder 16 Jahren konnte ein Professor aus Berlin helfen. Danach verschwand das Leiden und stellte keine Belastung und kein Problem mehr für ihn dar. Im Jahre 1922 zog Selma Lehmann mit ihren Kindern und ihren Eltern nach Berlin. Die Familie wohnte am Viktoria-Luise-Platz 5. Die Mutter betrieb hier zusammen mit ihrer Schwester Amanda Peltesohn ein Vervielfältigungs- und Schreibbüro, später noch eine Druckerei und ein Papiergeschäft. Herbert besuchte das Werner-Siemens-Realgymnasium. Er war ein ausgezeichneter Schüler, seine bevorzugten Fächer waren Musik und Geschichte. Wegen seiner guten Schulnoten war es auch möglich, dass er sich von der Schule beurlauben ließ und den Sommer über für 3 ½ Monate an der See verbrachte. Im darauf folgenden Jahr verbrachte er zwei Drittel des Jahres 1923 in Waldenburg/Schlesien bei seiner Tante Julie und ihrem Mann Willi Schelitzer. Im August 1923 war Herbert wieder in Berlin. Ein Jahr später machte er eine Erholungsreise nach Bad Dürrheim. Die Reise war von der Bne Brith-Loge organisiert worden. Auch im folgenden Jahr wurde er wieder von der Loge verschickt. Diesmal ging die Fahrt nach Flinsberg im Isergebirge. Nach Hause zurückgekehrt, wurde seine Bar Mizwah gefeiert. Im Frühjahr 1926 wurde er Mitglied des Jugendbundes "Kadima" (deutsch: nach Osten), einer nationaljüdischen, halbzionistischen Jugend- und Studentenverbindung. Für Herbert war dieser Verein insofern sehr attraktiv, als er die Idee der Pfadfinderbewegung aufgriff und während der Ferien Jugendfahrten anbot. Im Sommer 1926 durfte er mit dem Jugendbund zu einer ihm unvergesslichen Reise in die Schweiz aufbrechen. Diese Reisen wiederholten sich jeden Sommer. Im Jahre 1929 erkrankte seine Mutter schwer. Aus diesem Grund und weil es zu Differenzen zwischen den beiden Schwestern gekommen war, stieg sie aus dem gemeinsamen Geschäft aus. Um sich von ihrer Krankheit zu erholen, machte sie eine Kur in Bad Liebwerda. Ihr Sohn begleitete sie dorthin. Im darauf folgenden Jahr machte Herbert sein Abitur. Da seine Leistungen in Mathematik und Physik nicht ausreichend waren und er sich noch auf die Prüfungen vorbereiten musste, versprach Herbert seiner Mutter, eine mit der "Kadima" geplante Reise nach Norwegen auf der Hälfte der Fahrt zu unterbrechen. Er bestand das Abitur ohne größere Schwierigkeiten. Obwohl seine weitere Berufswahl im Laufe der vergangenen Jahre immer wieder ein Thema gewesen war, hatte er sich noch nicht definitiv für eine bestimmte Ausbildung entschieden. Sein großes Interesse an der Musik – und hier insbesondere der Oper – brachte ihn auf den Gedanken, diesen Berufsweg einzuschlagen. Dieser Wunsch war aber aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel seiner Mutter nicht durchsetzbar. Seine Schwägerin Rahel brachte ihn auf die Idee, es mit der Pharmazie zu versuchen. Der Vorteil der pharmazeutischen Ausbildung lag darin, dass sie die Möglichkeit eines akademischen Berufs bot, ohne dass große Kosten entstanden. Man musste zwei Lehrjahre in einer Apotheke absolvieren und hatte dann sein Vorexamen, konnte nun als Assistent arbeiten und damit das darauf folgende Studium finanzieren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fand Herbert schließlich eine Apotheke, die "Süd-Ost-Apotheke" in Treptow, die dem Apotheker B. Salinger gehörte. Dort arbeitete er aber nur wenige Monate. Danach arbeitete er in der damals hochmodernen "Apotheke am Zoo" des Apothekers Georg Kromolowski. Neben der Arbeit in der Apotheke wurden die Lehrlinge im Pharmazeutischen Institut der Berliner Universität in Chemie und Botanik ausgebildet. Gleichzeitig engagierte sich Herbert in seinem Jugendbund und baute eine Gruppe von 10-12 Jungen auf, mit denen er regelmäßig Heimabende veranstaltete und Reisen unternahm. Nachdem er das Vorexamen bestanden hatte, bemühte sich Herbert um eine Assistentenstelle. Diese Hoffnung zerschlug sich. Zum Glück wurde zu diesem Zeitpunkt ein Gesetz erlassen, das es Vorexaminierten gestattete, sofort ein Studium anzutreten und die Assistenzzeit später nachzuholen. Im Oktober 1932 schrieb er sich für das Pharma-ziestudium an der Berliner Universität ein. Unter seinen Kommilitonen waren weitere Juden, zunächst hielten sich aber die Anfeindungen in Grenzen. Dann aber tauchten immer mehr SA-Uniformen in der Universität auf. Um das Studium zu finanzieren, arbeitete Herbert in einer Apotheke in Grünau. Am 1. April 1933 standen plötzlich SA-Leute vor der Apotheke und hinderten die Menschen daran, hineinzugehen. Obwohl viele jüdische Studenten der Universitäten verwiesen wurden, gelang es Herbert, den Status als "Frontkämpferkind" aufrechtzuerhalten. Schwierigkeiten gab es nur bei der Frage nach einem Repetitor. Herbert hatte das Glück, dass sich die "Arierin" Maria Hecht mit viel Mut dafür zur Verfügung stellte. 1933 verließ sein Bruder Ernst mit seiner Frau Berlin Richtung Palästina. Auch Herbert spielte mit dem Gedanken einer Emigration. Er erkundigte sich nach den Bedingungen einer Apotheken-Lizenzvergabe in Palästina und erfuhr, dass dafür eine sechssemestriges Studium erforderlich wäre. Deshalb beschloss er, zu promovieren. Nachdem er im Herbst 1934 sein Staatsexamen bestanden hatte, suchte er sich einen Doktorvater und fand ihn in dem Dozenten Dr. J. Schuster. Dieser schlug ihm als Thema "Der Drogenhandel im Mittelalter" vor. Herbert entschied sich jedoch dagegen, da die Ausarbeitung zuviel Zeit in Anspruch genommen hätte. Deshalb entschloss er sich zu dem Dissertationsthema "Das Collegium medico-chirurgicum in Berlin als Lehrstätte der Botanik und der Pharmazie". In einem halben Jahr hatte er die Arbeit niedergeschrieben und reichte sie Anfang 1936 ein. Am 6. Mai 1936 bestand er auch die notwendigen mündlichen Prüfungen. Es handelte sich bei seinem Dissertationsthema um eine der frühesten Arbeiten auf dem Gebiet der Geschichte der Pharmazie. Die Arbeit wird auch heute noch in Veröffentlichungen zitiert. Seine Emigrationsvorbereitungen waren ebenfalls bereits sehr fortgeschritten. Am 12. August 1936 nahm Herbert von seiner Mutter und seinem Großvater Abschied. Seine Mutter Selma hatte mit Rücksicht auf ihren 88jährigen Vater auf die Emigration verzichtet. Herbert hatte es bis zu seinem Tod nicht verwunden, dass er seine Mutter nicht hatte retten konnte und er kam Zeit seines Lebens immer wieder auf das schmerzliche Thema zurück. Auf sein eigenes Ersuchen hin erfolgte seine Promotion in seiner Abwesenheit am 14. Oktober 1936. Herbert reiste zunächst nach Amsterdam, anschließend über Paris nach Italien über Genua, Pisa, Florenz und Rom nach Neapel. Von Neapel ging es mit dem Schiff über Catania, Athen, Alexandria, Port Said nach Haifa. Dort traf er am 6. September 1936 ein. In Haifa erwartete ihn bereits die Familie Glaser-Astrachan aus der mütterlichen Verwandtschaft. Am nächsten Tag fuhr er nach Tel Aviv und anschließend nach Jerusalem. Hier erhielt er eine Apothekerlizenz und begann am 1. November 1936 mit seiner Arbeit in "Kremer's Pharmacy" am Jaffator. Sein Bruder Ernst lebte mit seiner Frau und seiner Tochter Alisah mittlerweile in Tel Aviv. Obwohl sich Herbert in Jerusalem wohl fühlte, war er doch etwas unglücklich über die wenige Arbeit und die unterschiedlichen Rezepte, die sich von den ihm bekannten sehr unterschieden. Nach einem Jahr kündigte er und siedelte am 1. Januar 1938 nach Haifa über. Hier fand er in der "Carmel-Apotheke" das für ihn richtige Betätigungsfeld, zunächst als lizenzierter Apotheker und später als Mitbesitzer. Dort arbeitete er 54 Jahre lang, bekannt als der "Jeckische Apotheker vom Carmel". Während des ersten arabisch-israelischen Krieges, dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg, der von Mai 1948 bis Juli 1949 stattfand, baute Herbert Lehmann eine Militär-Feldapotheke auf und führte diese bis zum Ende des Krieges. 1939 hatte er seine Frau Irene Nachmann kennengelernt und sie am 21. April 1940 geheiratet. Aus der glücklichen Ehe gingen die Töchter Ruth und Ilanah hervor. Neben seinem Beruf erfreute er sich an Musik, Kunst und Literatur. Er spielte gerne Klavier, sein Lieblingsschriftsteller war Thomas Mann. Auch sein Interesse an der Geschichte der Pharmazie ließ ihn nicht mehr los und er wurde Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Pharmazie. Mit der kulturellen Veränderung, die deutsche Emigranten in Israel erfuhren, hatte er sich nie abfinden können. Deutsch blieb seine Sprache, er brachte sie auch seinen beiden Töchtern bei. Er kehrte, wann immer es möglich war, nach Deutschland zurück.
Dr. Herbert Lehmann starb am 5. Mai 1993 in Haifa im Alter von 80 Jahren. Er hinterließ seine Frau Irene, seine zwei Töchter und sechs Enkelkinder. Seine elf Urenkel hat er nicht mehr miterlebt.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Judith Hahn

Weitere Quellen

Quelle/n: Fotos; Informationen der Enkelin Ruth Selka; Dr. Herbert Lehmann: Our family. The history of the Lehmann-Peiser-Nachmann-Blum family; LABO; Arbeitsbuch; Kurzbiographie von Daniela Gožić und Dr. Frank Leimkugel: "Jeckische Pharmazie und Medizin" – das Wirken deutschsprachiger Apotheker und Ärzte für und in Palästina/Israel; www.pharmacon.net/israpharm/ph-hast...