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Willy Löw

Willy Löw 1938 © Shimon Lev
Willy Löw (rechts) mit Freunden © Shimon Lev
Stolperstein Willy Löw © OTFW
Willy Löw 1938 © Shimon Lev
VERLEGEORT
Thomasiusstraße 11

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Moabit
VERLEGEDATUM
25.03.2015

GEBOREN
26.04.1922 in Wien
BERUF
Schüler
FLUCHT
1939 Kindertransport über England nach Kanada
ÜBERLEBT

Willy Löw kam als 12jähriger mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Liane nach Berlin, wo der Vater als Hausverwalter tätig war. Seine Kindheit verbrachte er in Wien. Man schrieb das Jahr 1934, und die Nationalsozialisten waren seit einem Jahr in Berlin an der Macht. Spätestens seit 1937 wohnt die Familie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Thomasiusstraße 11.

Willy besucht die Adass Yisroel-Schule in der Straße Siegmunds Hof im Hansaviertel. Sein Schulweg führt entweder zu Fuß an der Spree entlang oder er fährt eine Station mit der S-Bahn von „Bellevue“ nach „Tiergarten“. Das Gymnasium ist jüdisch-orthodox ausgerichtet, aber nach dem Vorbild eines humanistischen Gymnasiums aufgebaut und hat einen guten Ruf für seine Bildung. Schon 1934 ist das Gymnasium zunehmenden Repressalien ausgesetzt: Lehrer verlassen die Schule und das Abitur muss fortan extern abgelegt werden. Auch Sportveranstaltungen gemeinsam mit anderen Schulen werden unterbunden. Die jüdische Mittelschicht verarmt durch die fortschreitenden Berufsverbote und Enteignungen und die Schulspeisungen steigen drastisch an. Auch Willys Familie ist Repressalien ausgesetzt.

Dramatisch sind die Ereignisse um die Progromnacht am 9. November 1938. Willy ist zu einer Geburtstagsfeier, als er die Nachricht erhält, Synagogen würden in Brand gesteckt, Juden verhaftet und ihre Läden zerstört. Willy ruft seine Eltern an, sie sollten sich verstecken. „Wo?“, fragt die Mutter. Er nimmt die Straßenbahn nach Hause, sieht die brennenden Synagogen und die Zerstörung. Gegen Neun Uhr abends kommt er zu Hause an, aber seine Mutter lässt ihn nicht in die Wohnung: zu Hause sei er nicht sicher. Ziellos läuft er in der Kälte durch die Straßen, kommt aber alle Stunde zurück in die Thomasiusstraße. Die Mutter kann schließlich ein Taxi organisieren, das ihn, seine Schwester und seinen Vater zu einem Verwandten bringt. Unterwegs werden sie angehalten und gefragt, ob sie Juden seien, aber sie kommen davon. Eine halbe Stunde später hämmert die Gestapo an die Wohnungstür. Der Vater ist nicht zu Hause. Ein Onkel wird in dieser Nacht verhaftet.

Aufgrund dieser Ereignisse entschließen sich die Eltern, Willy mit einem der letzten Kindertransporte nach England zu schicken. Willy erhält ein Abschlusszeugnis der Adass-Yisroel- Schule. Ihm wird bescheinigt, er sei „körperlich außerordentlich mutig und einsatzbereit“ und in schulischer und geistiger Hinsicht „sehr bestrebt“. In den meisten Fächern erhält er ein „befriedigend“, in Geschichte, Biologie und Sport ein „gut“. Er hat 15 Schulstunden versäumt und kam kein einziges Mal zu spät.

Willy kommt nach Newcastle und wird in einer Yeschiwe - einer Thoraschule - aufgenommen. Anfangs kümmert sich niemand um ihn, er ist auf sich allein gestellt. Als der Krieg ausbricht wird Willy als deutscher Staatsbürger in einem Kriegsgefangenenlager interniert. Er kommt auf die Isle of Man. Seine Eltern schreiben ihm dorthin, ebenso seine Schwester Liane, die mittlerweile in Belgien ist.

Von der Isle of Man wird er in ein Kriegsgefangenenlager nach Kanada in die Nähe von Ottawa gebracht. Auch dort erreichen ihn die Briefe seiner Eltern und seiner Schwester, die im Anfang 1941 mitteilt, sie sei wieder in Berlin. Die Briefe sind gezeichnet von der Hoffnung, bald wieder vereint zu sein. Die Mutter fragt nicht nur nach, wie es ihm geht und ob er gewachsen sei, sondern auch, ob er genügend Kleidung habe und gibt ihm praktische Ratschläge. Ein enger Freund, Günter Fontheim, schickt ihm Berichte über Sportereignisse und -für ihn eigentlich verbotene- kulturelle Aktivitäten in Berlin, bis er untertauchen muss.

Willy besteht das Abitur, wie er seinen Eltern mitteilt. Unter welchen Umständen ist kaum vorstellbar. Er ist hin- und her gerissen zwischen einem religiösen Studium, der rabbinischen Tradition seiner Familie mütterlicherseits folgend und den Naturwissenschaften. Er ist dabei ganz auch sich allein gestellt. In einem Rot-Kreuz-Telegramm an die Eltern teilt er mit, dass er sich für das Physikstudium entschieden hat und mittlerweile das Lager verlassen konnte.

Irgendwann bleiben die Briefe und Telegramme der Familie aus. Durch Günter Fontheim, der in Berlin überlebt hat, erhält Willy kurz nach Kriegsende die niederschmetternde Nachricht, dass seine Eltern und Schwester deportiert wurden und jede Spur von ihnen fehlt. Nur das Haus in der Thomasiusstraße 11 stehe noch. In der elterlichen Wohnung wohne jetzt „ein deutscher Volksgenosse“, der die Möbel das Familie übernommen habe. Schließlich muss Willy Löw erfahren, dass er der einzige Überlebende seiner Familie ist. Auch die Verwandten seiner Mutter in Lisko und Khyriv wurden deportiert und ermordet. Nur in den USA hat er Kontakt zu einem Cousin, der ihm hilft.

Willy Löw gelangt schließlich in die USA, wo er sein Studium abschließt und heiratet. Er wandert nach Israel aus, gründet eine Familie und baut das Jerusalem College for Technology auf. Er erhält zahlreiche Preise und Ehrungen als Wissenschaftler. Willy Löw stirbt 2004 in Jerusalem.


Biografische Zusammenstellung

Astrid Vehstedt mit Dank an Shimon Lev