Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Charlotte Behrendt (geb. Rotholz)

Charlotte Rotholz und Heinz Behrendt 1940 © Familienbesitz
Stolperstein Charlotte Behrendt © Dagmar Janke
VERLEGEORT
Mendelssohnstraße 3

BEZIRK/ORTSTEIL
Pankow – Prenzlauer Berg
VERLEGEDATUM
24.06.2015

GEBOREN
27.10.1922 in Berlin
DEPORTATION
am 14.11.1941 nach Minsk
ERMORDET
Juli 1942 in Minsk

Charlotte Rotholz wurde am 27. Oktober 1922 in Berlin geboren. Sie war die jüngste von drei Geschwistern. Ihr Vater, Markus Rotholz, kam ursprünglich aus Posen und auch ihre Mutter Eva war keine Berlinerin, sondern stammte aus dem westpreußischen Krojanke. Wo und wann sich das Paar kennenlernte und wann sie nach Berlin kamen, ist nicht bekannt. Ihr erstes Kind, Irma, wurde im September 1912 in Berlin geboren. Charlottes Vater arbeitete als Schneider, den Beruf ihrer Mutter kennt man nicht. Die Familie lebte in der damaligen Rombergstraße 11 im Prenzlauer Berg, heute heißt die Straße Mendelssohnstraße.

Fast genau sieben Jahr nach der Geburt Irmas kam Charlottes Bruder Siegbert im September 1919 zur Welt, drei Jahre darauf wurde Charlotte selbst geboren. Über Charlottes Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Von Siegbert ist überliefert, dass er die jüdische Knabenvolksschule besuchte; vermutlich ging auch Charlotte auf eine jüdische Schule.

Auch über Charlottes Schwester Irma weiß man nicht viel. Sie hatte einen Mann mit dem Namen Siegbert Joseph geheiratet und mit ihm vier Kinder. Irmas Familie lebte in der elterlichen Kellerwohnung in der Rombergstraße 11. Vermutlich wuchs Charlotte mit ihren Nichten und Neffen eher in einem geschwisterlichen Verhältnis auf, da ihre Schwester Irma zehn Jahre älter war.

Sicherlich hat Charlotte als 11-Jährige die Machtübernahme der Nationalsozialisten bewusst miterlebt, denn ihr Bruder Siegbert war zu der Zeit im zionistischen Jugendbund Habonim aktiv. Da die Familie beengt wohnte, kann man davon ausgehen, dass Diskussionen um die Veränderungen und zunehmende Drangsalierung der jüdischen Bevölkerung zu Hause nicht an ihr vorbeigingen, und sicherlich wird sie die Ausgrenzung und zunehmende Stigmatisierung auch selbst erfahren haben. Charlotte jedenfalls wird es so wie ihrem Bruder ergangen sein, dem als Jude die Ausbildung verweigert wurde, so dass er sich als Hilfsarbeiter verdingte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Charlotte, schon bevor sie zur Zwangsarbeit bei Siemens eingezogen wurde, hart gearbeitet hat.

Am 23. Dezember 1940 heiratete die 18-jährige Charlotte den jüdischen Hilfsarbeiter Heinz Behrendt, der zu der Familie seiner Frau in die Rombergstr. 11 zog. Nun wohnten sieben Erwachsene und vier Kinder in der Wohnung. Heinz Behrendt kam aus schwierigen Familienverhältnissen und war zu diesem Zeitpunkt völlig auf sich allein gestellt. Die Mutter war früh verstorben, sein Vater war im Juni 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt worden und floh nach seiner Entlassung 1939 nach Schanghai. Heinz’ kleiner Bruder Günther war im Dezember 1938 mit einem der ersten Kindertransporte nach Großbritannien verschickt worden. Später sollte er als Angehöriger der britischen Armee an der Befreiung Europas beteiligt sein. Ein älterer Halbbruder, Erwin Salomon, war mit einer zionistischen Pioniergruppe schon 1933 nach Palästina ausgewandert.

Ein Jahr nach der Hochzeit von Charlotte und Heinz heiratete auch Charlottes großer Bruder Siegbert seine Freundin Lotte Jastrow und zog aus der Rombergstraße zu ihrer Mutter nach Kreuzberg. Siegbert und Lotte waren Teil eines Freundeskreises von jungen jüdischen Kommunisten, die fast alle Zwangsarbeit leisten mussten und sich abends trafen, um ihre sich zunehmend verschlechternde Situation zu diskutieren. Doch ging es nicht nur um Diskussionen, sondern auch darum, sich aktiv gegen den Nationalsozialismus aufzulehnen, sie waren Teil des Widerstandskreises um Herbert und Marianne Baum. Die bekannteste Aktion dieser Gruppe war der Anschlag auf die Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“, die drastische Vergeltungsmaßnahmen nach sich ziehen sollte.

Ende Oktober 1941 erhielten Charlotte und ihr Mann Heinz als erste von den in der Rombergstraße 11 lebenden Familienmitgliedern die polizeiliche Anweisung, ihren Besitz und ihr Vermögen aufzulisten. Knappe zwei Wochen später mussten sie sich am 12. November 1941 in der „Sammelstelle“ in der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße einfinden. Charlottes Mann erinnerte sich später: „Der Abschied von den Eltern und Geschwistern meiner Frau war herzzerreißend. Jeder von uns wusste wohl in seinem Inneren, dass es ein Abschied für immer war.“ (Yad Vashem Archives 03/2208, Bericht von Chaim Baram, 1961).

Am 14. November 1941 wurden die Eheleute mit ca. 950 anderen Berliner_innen vom Bahnhof Grunewald nach Minsk deportiert. Der Transport brauchte für die 1120 km vier Tage. Zwei Tage wurden Charlotte und Heinz im sogenannten Sonderghetto I, dem „Hamburger Lager“, eingepfercht, bevor sie in das neu erbaute „Berliner Lager“ gebracht wurden. Dieser Abschnitt im Ghetto Minsk war ein eingezäunter Sonderbereich innerhalb des eigentlichen Ghettos, der für die aus dem Reichsgebiet deportierten Juden vorgesehen und getrennt organisiert war. Die Zustände hier waren ebenso beengt wie im großen Ghetto. Unter katastrophalen hygienischen Bedingungen lebten Charlotte und Heinz mit 5 weiteren Menschen auf engstem Raum in einem Zimmer, die tägliche Ration Essen setzte sich aus 150 Gramm Brot und einer Kelle Wassersuppe zusammen. „Die sanitären Verhältnisse spotteten aller Beschreibung. Es gab keine Latrina. Die erste Arbeit im Ghetto war daher das Ausgraben von kleinen Gruben. […] So blieb es auch nicht aus, dass im Ghetto ungenannte Epidemien ausbrachen. Todesfälle waren jetzt an der Tagesordnung. […] Im Laufe der kalten Monate konnte man die Toten nicht begraben, die Erde war zu hart gefroren. Unser Schuppen nebenan diente als Sammelstelle für Tote, die aufgeschichtet einer über dem anderen den Raum füllten […].“ (Yad Vashem Archives 03/2208, Bericht von Chaim Baram, 1961)

Heinz wurde gezwungen, für die SS das Gepäck der Deportierten zu sortieren und erfuhr dabei von einem SS-Offizier, dass kurz vor ihrer Ankunft mehrere tausend Jüdinnen und Juden vom SD ermordet worden waren. Am 7. November 1941 waren zwischen 12 000 und 15 000 Menschen aus dem Ghetto erschossen worden, dieser Mordaktion folgte eine weitere am 20. November, bei der zwischen 5000 und 8000 Menschen ermordet wurden. Neben der Angst um das Leben litten Charlotte und Heinz wie alle an Hunger. Die Lebensmittelversorgung im Minsker Ghetto war im Winter 1941/42 zeitweise völlig zum Erliegen gekommen. Heinz versuchte unentwegt, in Arbeitskommandos unterzukommen, da die Verpflegung dort geringfügig besser war. Da es in Minsk einen großen Mangel an Arbeitskräften gab, waren die jüdischen Ghettoinsassen begehrte, billige Arbeitskräfte, die überall innerhalb und außerhalb der Stadt eingesetzt wurden. So kam es, dass Heinz im Juli 1942 nicht im Ghetto, sondern außerhalb im Kommando „Panzerkaserne“ untergerbacht war, während Charlotte im Ghetto selbst interniert war. Wie lang die beiden getrennt waren, lässt sich nicht ermitteln, aber in seinen Erinnerungen beschreibt Heinz, wie er es schaffte, Charlotte zu sich in die Baufirma zu holen, als geschätzte 25 000 Ghettoinsassen in einer dreitägigen Mordaktion im Juli 1942 umgebracht wurden. Kurz darauf wurde Charlotte vom SD verhaftet und abgeholt. Die Vermutung liegt nahe, dass ihre Verhaftung in Zusammenhang mit dem Brandanschlag auf die Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ der Herbert-und-Marianne-Baum-Gruppe im Mai 1942 stand, der ihr Bruder Siegbert und ihre Schwägerin Lotte angehörten. Die meisten Mitglieder dieser Gruppe wurden verhaftet und im Laufe der Verfolgung fielen auch viele Familienangehörigen der Repression zum Opfer. Charlottes Mann Heinz hörte nie wieder etwas von seiner Frau. Mit Sicherheit ist davon auszugehen, dass sie nach ihrer Verhaftung getötet wurde. Charlotte Behrendt wurde 19 Jahre alt.

Charlottes Eltern und die gesamte Familie ihrer Schwester wurden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr Bruder Siegbert wurde 23-jährig im Strafgefängnis Plötzensee hingerichtet. Ihre Schwägerin Lotte wurde nach Auschwitz deportiert und überlebte das Lager nicht.

Heinz Behrendt durchlitt eine wahre Odyssee und überlebte das Konzentrationslager Maly Trostinec, das Vernichtungslager Majdanek, die Arbeitslager Budzyn, Mielec und Wieliczka. Zuletzt wurde er über Auschwitz in das Konzentrationslager Flossenbürg deportiert. Am 25. April 1945 wurde er auf dem Todesmarsch nach Dachau von den Alliierten befreit. Heinz Behrendt wanderte 1949 nach Israel aus und nahm den Namen Chaim Baram an. Er heiratete wieder und gründete mit seiner Frau Sara eine Familie. Im Jahr 1961 sagte er in Jerusalem im Eichmann-Prozess als einer der wenigen Überlebenden des Minsker Ghettos aus. Er starb 1975 in Israel.

Schulprojekt des Max-Planck-Gymnasiums, Berlin und der Koordnierungstelle Stolpersteine Berlin


Biografische Zusammenstellung

Sophia Schmitz, Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin