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Anna Misch

Stolperstein für Anna Misch; Foto: H.-J.Hupka 2015
VERLEGEORT
Kantstraße 149

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
27.03.2015

GEBOREN
06.10.1878 in Berlin
DEPORTATION
am 26.09.1942 nach Raasiku
ERMORDET
in Raasiku

Anna Misch wurde am 6. Oktober 1878 in Berlin geboren. Sie war im Melderegister vom 17. Mai 1939 als „ledig“ eingetragen und zusammen mit ihrer Schwester Hedwig Misch Eigentümerin des Hauses Kantstraße 149, sie wohnte im Hochparterre in 6 ½ Zimmern.
Um 1930 war das Haus im Besitz einer Grundstücks-Verwertungs-Gesellschaft mbH gewesen, 1938 war es im Adressbuch als „Pension“, 1940 als „Fremdenheim“ bezeichnet. 1937 muss Hedwig Misch gestorben sein, denn von 1938 an stand Anna Misch allein im Adressbuch.
Es gab in der Amtssprache der Nationalsozialisten eine Menge Umschreibungen für die Deportation: „ausgebürgert – abgewandert – abgeschoben – evakuiert“. Bei Anna Misch hieß es „abgewandert“ – das passierte Ende September 1942. Am 26. September 1942 wurde sie in einen aus Frankfurt am Main kommenden Sonderzug der Reichsbahn getrieben, in dem sich schon 237 Menschen befanden. Auf dem Güterbahnhof Moabit wurden Waggons mit 812 Berliner Juden angekoppelt. Unter diesen 1049 Menschen waren 108 Kinder unter zehn Jahren. Am 31. September kam der Zug in Raasiku in Estland an. Fast alle wurden dort ermordet. Nur 26 aus diesem Transport überlebten den Holocaust.
Anfang November 1942, nur anderthalb Monate später, wurde das Inventar ihrer Wohnung von einem Gerichtsvollzieher geschätzt und beschlagnahmt, der Leiter der Wehrmachtsfürsorge kaufte alles in Bausch und Bogen für 1.378,50 Reichsmark auf. Das Geld bekam der Staat.
Im Januar 1943 mahnte der Hausverwalter namens Albert Horlitz fehlende Mieteinnahmen für leerstehende „Judenwohnungen“ bei der Oberfinanzdirektion Alt-Moabit an und bekam prompt 537,10 RM überwiesen. Nichtjuden sollten keine Einkommensverluste erleiden, weil Juden „abgewandert“ sind, wie es in der damaligen Sprache der Nazis verschleiernd hieß.
Eine Tochter des Hausverwalters, Margarete Haase, geb. Horlitz, hatte das Haus am 1. Dezember 1941 für 210.000 RM von Anna Misch gekauft, was sie mit Bank-Krediten finanzierte. Nur: Anna Misch hat von dem Geld nichts gesehen – Reichsfluchtsteuer, Judenvermögensabgabe, Sicherungsanordnung bekamen der Staat. Das Wenige, was noch übrig war, hat Margarete Haase nicht an Frau Misch gezahlt, vermutlich wohl wissend, dass die es nicht mehr brauchen würde. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen sich die Erbauseinandersetzungen bis weit in die 1960er Jahre hin. Zwei Cousinen in Sao Paulo erhoben Anspruch auf das Haus, das ihnen letztlich zugesprochen wurde. Margarete Haase ging dabei leer aus.


Biografische Zusammenstellung

Wibke Bruns / Helmut Lölhöffel