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Agnes Wolff (geb. Samuel)

Stolperstein für Agnes Wolff. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Tile-Wardenberg-Straße 28

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Moabit
VERLEGEDATUM
Mai 2004

GEBOREN
13.05.1891 in Stolp (Pommern) / Słupsk
DEPORTATION
am 14.11.1941 nach Minsk
ERMORDET
im Ghetto Minsk

Agnes Samuel wuchs als drittes von fünf Geschwistern um die Jahrhundertwende in Stolp/Pommern (heute: Słupsk/Polen) nahe der Ostseeküste auf. Zu dieser Zeit wohnten rund 600 Jüdinnen und Juden in der Kleinstadt. Neben der alten Synagoge aus dem Jahre 1842 besaß die Jüdische Gemeinde der Stadt Stolp ab 1903 auch eine neue, größere Synagoge. Agnes’ Eltern Günther und Bertha Samuel, geb. Simon, gehörten zu den angesehenen und wohlhabenden Kreisen der Stadt, sodass sie ihren Kindern eine gute Erziehung und Ausbildung ermöglichen konnten. Die Familie lebte in der Goldstraße 10, nahe dem Markt, und führte den Haushalt koscher.

Agnes Samuel besuchte zehn Jahre lang die höhere Töchterschule in Stolp. Im Anschluss wurde sie wie alle ihre Geschwister zu Hause von Erzieherinnen in Sprachen und allgemeinem Wissen fortgebildet. Außerdem lernte sie Klavier und Violine spielen sowie Nähen und Handarbeit. Später besuchte Agnes Samuel die Handelsschule im rund 200 Kilometer entfernten Stettin.

Nach ihrem Abschluss zog sie vermutlich nach Berlin, wo sie den aus Strasburg in Westpreußen stammenden Bruno Harry Wolff kennenlernte. Im April 1926 heiratete sie ihn in ihrem Heimatort Stolp. Durch die üppige Barmitgift konnte eine gemeinsame Wohnung in Berlin ausgestattet und das gemeinsame Unternehmen, ein Geschäft für die Herstellung pharmazeutischer Produkte, vergrößert werden.

Bruno Wolff war vielseitig gebildet, hatte das Gymnasium besucht, eine kaufmännische Lehre und eine Ausbildung zum Chemiker absolviert und später Orthopädie-Mechaniker gelernt. Vor der Ehe mit Agnes Samuel war er, bereits in Berlin lebend, schon einmal, vermutlich mit Alice Wolff, geb. Rosenberg, verheiratet gewesen.

Seit Anfang der 1920er-Jahre besaß er den Neuheitenvertrieb »Ali«, der laut Handelsregisterakten mehrmals umziehen und Ende der 1920er-Jahre wohl aufgrund der Wirtschaftskrise aufgelöst werden musste. Gemeinsam mit Agnes war Bruno Wolff nun in der eigenen chemischen Fabrik tätig, die unter Agnes’ Namen eingetragen und bekannt war.

Das Ehepaar patentierte viele eigene pharmazeutische Produkte und stellte diese her, wie zum Bespiel die Hautcreme »Wolani«, die einen großen Absatz hatte. Der Name setzte sich aus dem Familiennamen Wolff und dem Rufnamen von Agnes, »Anni«, zusammen. Laut ihrer Schwester Else Spies war Agnes Wolff »die Seele des Geschäfts«.

Die Ehe von Agnes und Bruno Wolff blieb kinderlos und nach Angaben von Else Spies auch »leider eine sehr unglückliche«. Den wesentlichen Zusammenhalt des Paares stellte die gemeinsame Arbeit im Betrieb dar. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und den damit verbundenen Repressalien gegen jüdische Unternehmen wurde ihnen diese Existenzgrundlage entzogen.

Ab 1940 versuchte Bruno Wolff als Orthopädie-Mechaniker Geld zu verdienen, bevor er schließlich in der Wehrmachtsabteilung der Firma Werner Pause & Co in der Wallstraße 11–12 Zwangsarbeit leisten musste.

Zu diesem Zeitpunkt waren Agnes’ Schwestern Klara Spies, Lucie Fürstenberg und Else Spies vermutlich schon im Ausland, denn alle überlebten die Shoah und bauten sich in den USA und Chile ein neues Leben auf. Der Bruder Siegfried Samuel, der in Stolp eine Fellhandlung betrieben hatte, war bereits 1931 in seinem Heimatort gestorben. Auch Agnes’ Mutter Bertha Samuel verschied dort im Jahr 1938.

Wie viele Jüdinnen und Juden trafen auch Bruno und Agnes Wolff Vorbereitungen zur Auswanderung. An den damit verbundenen Anstrengungen und Belastungen erkrankte Agnes, Bruno befürchtete zeitweise gar ihren Freitod. Die Bemühungen blieben schließlich erfolglos, und zu einer rettenden Emigration sollte es nicht mehr kommen. Am 14. November 1941 wurden sie nach Minsk deportiert, wo sich ihre Spur verliert.


Anja Reuss, Kristin Schneider (Hrsg.): Berlin - Minsk. Unvergessene Lebensgeschichten. Ein Gedenkbuch für die nach Minsk deportierten Berlin Jüdinnen und Jude, Berlin 2013.

Biografische Zusammenstellung

Myriam Raboldt