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Ida Eiseck (geb. Cohen)

Stolperstein für Ida Eiseck © OTFW
VERLEGEORT
Yorckstraße 10

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg
VERLEGEDATUM
11.02.2016

GEBOREN
16.12.1872 in Hannover
DEPORTATION
am 28.10.1942 von Anhalter Bahnhof nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 16.05.1944 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Ida Eiseck entstammte der jüdischen Gelehrtenfamilie Cohen aus Hannover, deren Stammbaum sich bis zu Leffmann (Liepmann) Behrends-Cohen in das 17. Jahrhundert zurückführen lässt, der Bankier und Hofagent bei den Welfen war. Über diese weit verzweigte Familie war sie verwandt mit Künstlern, wie dem Landschaftsmaler Eduard Cohen (1838-1910) und dem Dirigenten Fritz Berend (1889-1955), ihrem Neffen, mit Wissenschaftlern, wie dem Bauforscher und Ägyptologen Ludwig Borchardt (1863-1938) – der die Nofretete nach Berlin brachte – und Medizinern, wie ihrem Bruder Dr. Julius Cohen (1867-1929). Auch ihr Mann Ernst Eiseck (1861-1930) war Doktor der Medizin und praktizierte über vier Jahrzehnte im westlichen Kreuzberg, die längste Zeit davon im Haus Yorckstraße 10, wo die Familie seit 1903 lebte.
Ein Jahr nach ihrer Heirat im Jahr 1897 brachte Ida Eiseck ihr erstes Kind zur Welt, Tochter Gertrud. Im Januar 1900 folgte Sohn Hans, der später ebenfalls Medizin studieren sollte. Ida Eiseck selbst widmete sich zeitlebens ihren kunsthistorischen Interessen. Dies geht aus einem umfangreichen Briefwechsel, insbesondere mit ihrer Verwandten Emilie Borchardt, geb. Cohen, hervor, die 1903 den bereits erwähnten Ludwig Borchardt geheiratet hatte und mit diesem anschließend nach Ägypten ging. Ida Eisecks Briefe an Emilie Borchardt umfassen den Zeitraum von 1903 bis 1939 und sind im Borchardt-Archiv in Kairo erhalten. Über diese Verbindung ergibt sich die Bekanntschaft von Ida Eiseck mit Hedwig Ferchheimer (1871-1942), der bekannten Kunsthistorikerin und Ägyptologin. Aus den Briefen geht hervor, dass Ida Eiseck die Expertin für ägyptische Kunst im Kreis der „Berliner Schule“ (École de Berlin) förderte und unterstützte, nicht zuletzt durch die Vermittlung von Vortragsmöglichkeiten und Unterrichtsstunden, die besonders in der schweren Zeit seit Beginn der Nazi-Herrschaft den Lebensunterhalt der Wissenschaftlerin sichern halfen. Doch auch Ida Eiseck nutzte diese Gelegenheiten, um während der Vorträge Hedwig Ferchheimers der nationalsozialistischen Wirklichkeit kurzzeitig zu entfliehen.
Nach dem Tod von Ernst Eiseck im Jahr 1930 hatte Sohn Hans die Praxis des Vaters übernommen, flüchtete jedoch schon 1934 vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Chiusa (Klausen) in Südtirol, wo er einen Hof erwarb. Fortan führte er den Vornamen Giovanni, heiratete am 14. Dezember 1935 in Hampstead (England) und lebte mit seiner Frau und der am 25. Februar 1939 in Bressanone geborenen Tochter bis 1940 auf dem eigenen Hof in Chiusa. Auch Ida Eiseck fuhr mit ihrer Tochter Gertrud mehrmals zu längeren Aufenthalten nach Chiusa, kehrte jedoch immer wieder nach Berlin zurück.
Nach der Besetzung Italiens durch deutsche Truppen wurde ihr Sohn am 30. November 1943 in Civitella del Tronto in der Provinz Teramo verhaftet und im Lager Fossoli bei Verona festgehalten. Am 22. August 1944 erfolgte die Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Von dort wurde er am 27. Oktober 1944 in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Im Außenlager Kaufering des Konzentrationslagers Dachau kam Hans „Giovanni“ Eiseck am 23. März 1945 ums Leben.
Ida Eiseck wurde am 28. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie 1 ½ Jahre unter unwürdigen Bedingungen überlebte. Von dort wurde sie in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt, wo sie am 16. Mai 1944 ermordet wurde. Dorthin war bereits ein Jahr zuvor ihre Tochter Gertrud Eiseck deportiert worden. Auch sie wurde in Auschwitz umgebracht.


Biografische Zusammenstellung

Burkhard Hawemann

Weitere Quellen

Staatsbibliothek Berlin - Zeitungsarchiv Deutsche Nationalbibliothek; Ancestry; Hrsg.: Jüdisches Museum Meran, Mörderische Heimat. Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran, Bozen 2015; Sylvia Peuckert, Hedwig Ferchheimer und die Ägyptische Kunst. Leben und Werk einer jüdischen Kunstwissenschaftlerin in Deutschland, Berlin 2014.