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Gertrud Eiseck

Stolperstein für Gertrud Eiseck © OTFW
VERLEGEORT
Yorckstraße 10

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg
VERLEGEDATUM
11.02.2016

GEBOREN
12.03.1898 in Berlin
DEPORTATION
am 19.04.1943 von Moabit nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Gertrud Eiseck wurde am 12. März 1898 in Berlin-Kreuzberg geboren. Ihr Vater Ernst Eiseck entstammte einer Berliner Familie, deren Vater in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Dessau zugezogen war. Als ältestes von vier Geschwistern hatte der Vater Medizin studiert und praktizierte seit den 1890er Jahren in der Kreuzberger Belle-Alliance-Straße (heute Mehringdamm). Er heiratete 1897 Ida Cohen, die aus Hannover stammte. Zwei Jahre nach Gertrud Eiseck kam ihr Bruder Hans zur Welt. Der Vater verlegte 1903 seine Praxis in das Haus Yorckstraße 10, wo die Familie fortan über mehrere Jahrzehnte auch wohnte. Im April 1910 wurde dem Vater der Titel des Sanitätsrats verliehen, ein Ehrentitel, der bis 1918 verdienten Ärzten mit über zwanzigjähriger Berufserfahrung verliehen wurde.
Die Mutter Ida Cohen stammte aus einer weit verzweigten Gelehrtenfamilie und war eine engagierte Kunstliebhaberin. Sie war bekannt mit der Kunsthistorikerin und Ägyptologin Hedwig Ferchheimer, für die sie über viele Jahre hinweg Vortragsmöglichkeiten organisierte. Vater Ernst Eiseck war Mitglied der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.
Wie ihr Vater hatte auch der Bruder Hans Eiseck Medizin studiert und mit einer Dissertation „Über Patellafrakturen und ihre Behandlungsarten“ promoviert, die 1927 im Verlag Emil Ebering veröffentlicht wurde. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1930 übernahm er dessen Praxis.
Doch nach 1933 sah der Bruder von Gertrud Eiseck für sich keine Arbeitsmöglichkeit mehr in Deutschland und flüchtete vor den beginnenden Repressalien nach Chiusa (Klausen) in Südtirol, wo er einen Hof erwarb und seinen Lebensunterhalt mit Obstanbau zu verdienen suchte. Gertrud Eiseck besuchte gemeinsam mit ihrer Mutter mehrmals, auch für längere Aufenthalte, ihren Bruder, der sich nun Giovanni nannte, und dessen Frau in Chiusa. Diese hatte er 1935 in Hampstead (England) geheiratet und lebte mit ihr und der am 25. Februar 1939 in Bressanone geborenen Tochter auf dem Hof in Chiusa.
Gertrud Eiseck und ihre Mutter kehrten jedoch immer wieder nach Berlin zurück und lebten gemeinsam in der Wohnung in der Yorckstraße. Die Mutter suchte in ihrem Engagement in der Kunst- und Wissenschaftsgesellschaft nach Auswegen aus der bitteren nationalsozialistischen Wirklichkeit und organisierte Vortrags- und Unterrichtsmöglichkeiten, insbesondere für mittellos gewordene jüdische Kunsthistoriker.
Am 28. Oktober 1942 wurde die Mutter nach Theresienstadt deportiert, wo sie 1 ½ Jahre unter unwürdigen Bedingungen überlebte. Von dort wurde sie in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt, wo sie am 16. Mai 1944 ermordet wurde.
Nach der Besetzung Italiens durch deutsche Truppen wurde auch die Situation für Gertrud Eisecks Bruder schwieriger. Er musste seinen Hof in Chiusa verlassen und wurde am 30. November 1943 in Civitella del Tronto in der Provinz Teramo verhaftet und im Lager Fossoli bei Verona festgehalten. Am 22. August 1944 erfolgte die Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Von dort wurde er am 27. Oktober 1944 in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Im Außenlager Kaufering des Konzentrationslagers Dachau kam Hans „Giovanni“ Eiseck am 23. März 1945 ums Leben.
Gertrud Eiseck wurde am 19. April 1943 mit dem „37. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und vermutlich direkt nach der Ankunft am 20. April 1943 in den Gaskammern von Birkenau ermordet.


Biografische Zusammenstellung

Burkhard Hawemann

Weitere Quellen

Staatsbibliothek Berlin; Zeitungsarchiv Deutsche Nationalbibliothek; Hrsg.: Jüdisches Museum Meran, Mörderische Heimat. Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran, Bozen 2015; Sylvia Peuckert, Hedwig Ferchheimer und die Ägyptische Kunst. Leben und Werk einer jüdischen Kunstwissenschaftlerin in Deutschland, Berlin 2014.