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Dr. Adolf Kraft

Stolperstein für Adolf Kraft; Foto: OTFW
VERLEGEORT
Oranienstraße 207

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg
VERLEGEDATUM
02.05.1996

GEBOREN
29.09.1880
VERBLEIB UNKLAR

Adolph Aron Kraft wurde am 29. September 1880 in Märkisch Friedland (dem heutigen Mirosławiec) als Sohn des Kaufmanns Julius Kraft geboren. Über sein Elternhaus, seine Kindheit und Jugend in der Kleinstadt im damals westpreußischen Marienwerder nordwestlich von Schneidemühl (Piła) haben sich keine Informationen erhalten. Es ist auch nicht bekannt, ob Adolph Kraft im Kreis von Geschwistern aufwuchs. Sein Vater gehörte aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur jüdischen Gemeinde der Stadt, zu der zur Zeit der Geburt von Adolph etwa 500 der rund 2250 Einwohner zählten.

Adolph Kraft studierte nach seinem Schulabschluss Medizin in Berlin und Freiburg, promovierte 1907 mit einer Arbeit zu einer besonderen Form der Adipositas mit dem Titel: „Die Dercumsche Krankheit“ und erhielt am 7. März 1907 in Berlin seine Approbation. In den folgenden Jahren ließ sich der Mediziner als Augenarzt mit einer Praxis in der Oranienstraße 206 in Kreuzberg nieder. Vermutlich wurde Adolph Kraft im Ersten Weltkriegs als Arzt rekrutiert oder er hat sich freiwillig gemeldet. Zu seiner Militärzeit haben sich allerdings keine Zeugnisse erhalten. In den späten 1910er-Jahren oder 1920er-Jahren heiratete er die vierzehn Jahre jüngere Klara Kraft. Leider haben sich keine Quellen erhalten, die einen Einblick in das Leben des Ehepaares im Berlin der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Adolph Kraft und seine Verwandten. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Abgesehen von Boykottmaßnahmen, behördlichen Schikanen und Verhaftungsaktionen wurde die Schlinge für jüdische Ärzte durch eine Flut von Verordnungen und Gesetze schrittweise enger gezogen: So wurden mit insgesamt sieben Verordnungen von 1933 bis 1937 „nichtarischen“ Ärzten nach und nach die Kassenzulassungen entzogen; mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 waren sie vom öffentlichen Gesundheitswesen ausgeschlossen, mit der Verordnung vom 20. November 1933 durften sie keine ärztlichen Fortbildungskurse mehr besuchen und wurden vom ärztlichen Bereitschaftsdienst ausgeschlossen; ab dem Jahr 1936 durften sie nicht mehr mit „deutschstämmigen“ Ärzten zusammenarbeiten. Am 15. September 1938 wurde Adolph Kraft die Kassenzulassung entzogen und wenige Wochen später am 30. September 1938 mit der „Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ die Approbation. Nach den Pogromen im Mai und November 1938 in Berlin entschloss sich Adolph Kraft, mit seiner Ehefrau die Stadt, in der er mehr als 30 Jahre gelebt und als Mediziner gewirkt hatte, zu verlassen. Es gelang dem Paar, mit Hilfe der „Australia Jewish Welfare and Relief Society“ im Mai 1939 mit dem britischen Passagierschiff Strathmore nach Australien zu entkommen, wo der 59-jährige Adolph Kraft am 28. Februar 1940 verstarb – möglicherweise als unmittelbare Folge der Strapazen von Flucht und Vertreibung. Das Schicksal seiner Ehefrau ist ungeklärt.


Anmerkung zur Biographie: Die Biographie beruht wesentlich auf der Quellenarbeit und den Dokumentationen von Rebecca Schwoch als Herausgeberin einer Publikation zu verfolgten Kassenärzten (Potsdam 2009) und als Autorin einer Publikation zu Berliner Krankenbehandlern (Frankfurt am Main 2018).

Biografische Zusammenstellung

Anne Sebastian

Weitere Quellen

Holocaust Survivors and Victims Database. Online Database of the United States Holocaust Memorial Museum. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Eintrag zu Adolph Aron Kraft, in: Schwoch, Rebecca (Hrsg.): Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch, Potsdam 2009, S. 437–438