Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Joseph Seehak

Stolperstein für Joseph Seehak © OTFW
VERLEGEORT
Willibald-Alexis-Straße 5

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg
VERLEGEDATUM
12.11.2016

GEBOREN
04.02.1874 in Aussig (Böhmen) / Ústí nad Labem
BERUF
Maurer, Gastwirt
ERMORDET
28.02.1933 in Berlin

Joseph Seehak war ein aufrechter Sozialdemokrat, der neben seiner Parteimitgliedschaft auch dem Reichsbanner – einem Zusammenschluss von Demokraten verschiedener Parteien und Organisationen im Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus – und dem Sturmvogel, einem dem Reichsbanner nahe stehendem Flugverband der Werktätigen, angehörte. Diese Gesinnung sollte ihn zu einem der frühen Opfer nach der nationalsozialistischen Machtergreifung werden lassen.
Der am 4. Dezember 1874 im böhmischen Aussig (heute: Ústí nad Labem / Tschechien) in einem katholischen Elternhaus geborene Joseph Seehak erlernte den Beruf des Maurers. Als er im November 1900 in Berlin Karolina (genannt Lina) Drogies heiratete, wohnte er bereits in der Willibald-Alexis-Straße in Kreuzberg. Der einzige Sohn der Eheleute, Walter Seehak, wurde kurz vor der Eheschließung der Eltern geboren und durch die Heirat legitimiert. In den ersten Ehejahren blieb die Familie in Kreuzberg wohnen. 1904 erfolgte der Umzug nach Berlin-Neukölln, wo Sohn Walter die Volksschule besuchte und ab 1915 eine Schlosserlehre im nahe gelegenen W.A.G. Oberschöneweide absolvierte.
1919 kehrte die Familie zurück nach Kreuzberg, wo der Vater im Haus Willibald-Alexis-Straße 5 als Gastwirt ein Lokal übernahm, das er als sogenanntes Verkehrslokal des Reichsbanners führte. Auch Gewerkschaften und republikanische Parteien konnten in seinem Lokal Versammlungen abhalten. Die sich zum Ende der 1920er Jahre zuspitzende wirtschaftliche und politische Lage führte auch zu Auseinandersetzungen in einschlägigen Lokalen unterschiedlicher politischer Gruppierungen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren die Lokale linker Prägung Ziel von SS- und SA-Schlägertrupps.
In der Nacht des Reichstagsbrandes vom 27. auf den 28. Februar 1933 stürmte der Student und SS-Mann Eduard Felsen das Lokal von Joseph Seehak und eröffnete das Feuer. Der Gastwirt wurde durch einen Bauchschuss schwer verletzt, konnte aber das Feuer erwidern und erschoss seinerseits den Angreifer. Am Vormittag des 28. Februar erlag Joseph Seehak seiner schweren Verletzung im Krankenhaus am Urban.
In der Folge wurde die Frau von Joseph Seehak von den Nationalsozialisten enteignet und für staatenlos erklärt. Sohn Walter, der ebenfalls seit 1925 im Reichsbanner und seit 1926 in der SPD Mitglied war, hielt sich längere Zeit in Berlin verborgen. Als er wieder in den Auer-Werken arbeiten konnte, schloss er sich dem Widerstand an und konnte seine illegale Tätigkeit bis zur Einberufung zur Marine 1941 fortsetzen. Nach Einsätzen in Lettland, Estland, Russland und Italien schloss er sich noch vor der Kapitulation italienischen Freiheitskämpfern an. Zum Kriegsende geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft und kehrte Anfang 1946 nach Berlin zurück.
Die Ehefrau von Joseph Seehak hatte die Nazi-Zeit in einer Gartenlaube in Berlin-Britz überstanden. Sohn Walter Seehak, der 1932 seine Frau Gertrud geheiratet hatte, lebte mit dieser ebenfalls bei der Mutter in Berlin-Britz. Er hatte nach dem Krieg einige Jahre bei der Kriminalpolizei gearbeitet. Infolge der Spaltung der Berliner Polizeiverwaltung wurde er 1948 entlassen und war von da an als Versicherungsbeamter tätig. Seine letzten zehn Lebensjahre verbrachte der Sohn von Joseph Seehak wieder in der Nähe des Ortes, an dem sein Vater Opfer eines brutalen Überfalls wurde. Walter Seehak starb am 12. Januar 1979 in seiner Wohnung am Badener Ring südlich des Viktoriaparks.


Biografische Zusammenstellung

Burkhard Hawemann