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Abraham Adolf Bachner

VERLEGEORT
Berolinastraße 32

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Mitte

GEBOREN
12.02.1885 in Spitkowitz (Oberschlesien) / Spytkowice
BERUF
Schneider
ABGESCHOBEN
nach Krenau / Chrzanów
ÜBERLEBT

Adolf Abraham Bachner, genannt Abraham, wurde am 12. Februar 1885 in Spytkowice/Spitkowitz (Oberschlesien) geboren. Von 1902 bis 1909 besuchte Abraham dort die Volksschule. Seine Eltern Shimon Yosef und Amalia Bachner, geborene Haberman, betrieben einen kleinen Laden. Der Vater Yosef kam durch einen Kerosin-Unfall ums Leben als Abraham drei Jahre alt war. Abraham wuchs bei seinem Onkel Samuel väterlicherseits in Chrzanów auf. Nach seiner Bar Mitzvah 1910 zog er zu seinem anderen Onkel Issac und dessen Frau Rosa nach Berlin.

Abraham absolvierte sowohl in Chrzanów als auch in Berlin eine Ausbildung zum Schneider, die er 1912 erfolgreich abschloss. Während der Weimarer Republik war Abraham Mitglied in der SPD und soll kurzzeitig für die Berliner Polizei tätig gewesen sein.
Abraham lernte Erna (Esther) Widmann in Berlin kennen und sie heirateten im September 1920. Das Ehepaar Bachner bewohnte eine Achtraumwohnung in der Kaiser-Wilhelm-Straße 30 (heutige Karl-Liebknecht-Straße) in Berlin-Mitte. In der Nähe der Wohnung befand sich auch der Betrieb von Abraham. Er war Inhaber eines Herren-Konfektions-Geschäfts und beschäftigte bis zu zehn Angestellte. Erna Bachner kümmerte sich um den Haushalt und half bei der Buchführung im Betrieb ihres Mannes mit. Ihr erster Sohn James (Shymon Josef) wurde am 24. Mai 1922 geboren, sein Bruder Fred kam am 26. September 1925 zur Welt. In der Familie wurde Deutsch gesprochen, auch wenn sich die Eltern mehr als Polen gefühlt haben sollen. Sie lebten nicht streng orthodox, gingen nicht jede Woche in die Synagoge, aber hielten den Sabbat ein und die Mutter kochte koscheres Essen. Die Eltern gingen gerne ins Theater, zu kulturellen Veranstaltungen und unternahmen Sonntagsausflüge in den Tiergarten.

Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 und den antijüdischen Maßnahmen im gesamten Land bekam auch Familie Bachner die Repressionen zu spüren. Als das Geschäft infolge des „Judenboykotts“ schlechter lief, zog die Familie 1934 in eine günstigere Fünfzimmerwohnung in die Landsberger Straße 32 um. Abraham musste Angestellte entlassen und sein Geschäft verkleinern. Schließlich musste er den Laden aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1938/1939 zwangsweise aufgeben. Laut dem Sohn James unternahm die Familie seit 1934 verschiedene Versuche aus Deutschland auszuwandern, welche jedoch scheiterten.

Im Juli 1933 wurde mit dem „Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit“ vermehrt jüdischen Immigranten aus Osteuropa die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Davon war auch die Familie Bachner betroffen, da der Geburtsort der Eltern nach dem Ersten Weltkrieg in Polen lag. Somit musste Abraham für die ganze Familie die polnische Staatsbürgerschaft beantragen. Zu diesem Zeitpunkt begannen Erna und Abraham verschiedene Ausreisepläne nach Argentinien oder in die USA zu fokussieren, da sie dort weitere Verwandte hatten. Jedoch blieben alle Bemühungen erfolglos. Die Kinder hatten 1938 die Möglichkeit, mit dem Youth Aliyah Movement (hebräisch: Aliyat Hano'ar) nach Palästina auszureisen. Jedoch wollte die Familie zusammenbleiben. Das polnische Konsulat plante seit 1936 ein Gesetz zur Aberkennung der polnischen Staatsbürgerschaft, welches ab dem 31. März 1938 umgesetzt wurde. Pässe von nationalen Minderheiten, die weniger als sechs Monate gültig waren, sollten nicht verlängert werden, bis ihre Verbindung zum polnischen Staat nachgewiesen wurde. Der allgemeine Gesetzestext sollte die Massenaktion gegen Juden verschleiern, aber das Deutsche Reich reagierte darauf und drohte jedem Ausländer die Aufenthaltsberechtigung bei Verlust oder Wechsel der Staatsbürgerschaft zu entziehen. Das polnische Innenministerium versuchte hingegen mit dem „Oktober-Erlass“ vom 6. Oktober 1938 (veröffentlicht am 15. Oktober) den Flüchtlingsstrom nach Polen zu stoppen. Jeder polnische Bürger im Ausland - wenn er noch rechtzeitig davon erfahren hatte - musste sich bis zum 29. Oktober einer Passkontrolle im Konsulat unterziehen, sonst drohte der Gültigkeitsverlust. Nur Personen mit einem Stempel durften nach Polen einreisen. Heinrich Himmler wies Reinhard Heydrich und die Polizei an, den Ausweisungsbefehl anhand von Namenslisten umzusetzen. Vom 27. bis zum 29. Oktober 1938 wurden in der ersten Massenausweisung ca. 10.000 bis 17.000 polnische Juden nach Polen abgeschoben.
In den frühen Morgenstunden des 28. Oktober 1938 erhielten Abraham und James ihren Ausweisungsbescheid von der Polizei. Während James sich seiner Verhaftung entziehen konnte, da sein Bescheid fälschlicherweise auf „Johannes Bachner“ ausgestellt worden war, gelang Abraham die Flucht durch den Dienstboteneingang. Um einer Verhaftung zu entgehen, wollten Abraham und James vor Ablauf der Passgültigkeit nach Polen zu ihren Verwandten reisen. Über Frankfurt an der Oder nahmen Vater und Sohn den Zug bis zur deutsch-polnischen Grenze in Bytom/Beuthen. Der Grenzübergang wurde sowohl von der deutschen als auch von der polnischen Seite versperrt und die Ausgewiesenen mussten die Nacht auf dem offenen Feld verbringen. Die lokale jüdische Gemeinde versorgte die Menschen mit Essen und Decken, da die polnischen Beamten auf Befehle am Montag warten mussten. Anschließend wurden sie in eine Schulhalle verlegt und sollten von der polnischen Stadtpolizei registriert werden. Unter dem Vorwand die Toilette zu benutzen, konnten Abraham und James vor der Registrierung verschwinden und fuhren mit dem Zug nach Chrzanów/Krenau, wo sie am späten Abend bei Abrahams Onkel Samuel eintrafen. Unterdessen blieben Erna und Fred in Berlin, beide konnten erst im Juni 1939 mit neuen Pässen nach Polen folgen.

Das Ghetto Krenau/Chrzanów mit ca. 4.000 Juden wurde vom 16. Februar bis 18. Februar 1943 durch die Polizeikompanie Sosnowitz, die Reiterstaffel und die Gestapo Kattowitz aufgelöst und ins Durchgangslager Sosnowitz/Sosnowiec gebracht. Von dort wurden Transporte nach Trautenau, Freystatt und in die Reichsautobahnlager Markstätt und Gogolin organisiert. Am Morgen der Deportation hatte Fred seine Mutter vor einer anstehenden Razzia gewarnt. Er hielt sich in den Feldern versteckt und erfuhr erst anschließend von ihrer Deportation nach Auschwitz. Erna Bachner wurde dort vermutlich nicht mehr registriert, sondern sofort nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet.

Abraham wurde zu dieser Zeit in das Reichsautobahnlager Markstätt/Laskowice Olawskie in Niederschlesien deportiert. Am 26. März 1944 wurde er in das Zwangsarbeitslager für männliche Juden nach Klettendorf deportiert, wo er im Eisenlager arbeitete. Kurz vor dessen Auflösung am 3. Oktober kam er über das KZ Groß-Rosen ins Außenlager Waldenburg/Wałbrzych. Als das Lager befreit wurde, wog er nur noch 95 Pfund. Von einer Bekannten aus Chrzanów, Gusti Landerer (verwitwete Kanner), wurde er gesund gepflegt. Sie entschlossen sich, zusammen nach Berlin zu ziehen und noch 1945 zu heiraten. Am 5. Januar 1946 erfuhr Abraham Bachner von einem Bekannten seiner Söhne, Isi Aaron, den Aufenthaltsort der beiden. Daraufhin veröffentlichte er eine Zeitungsanzeige in der Süddeutschen Zeitung, die James Bachner in seiner Autobiografie folgendermaßen erinnert: „Greetings from Relatives in Berlin to Relatives in Bavaria. Abraham Bachner, Suarez Strasse 38, Berlin, sends greetings to his sons James and Fred Bachner in Munich.“ (dt. „Grüße von Verwandten in Berlin an Verwandte in Bayern. Abraham Bachner, Suarez Straße 38, Berlin, sendet Grüße an seine Söhne James und Fred Bachner in München.“)

Nachdem James nach Berlin zu seinem Vater reiste, beschloss die Familie zusammen zu bleiben und nach München zu ziehen: „There weren’t many families where three out of four members survived the camps, so we were really among the fortunate ones.“, so James Bachner in einem Interview aus dem Jahr 1995 (dt. ,,Es gab nicht viele Familien, wo drei von vier Mitglieder die Lager überlebt haben, wir gehörten also wirklich zu denen, die Glück gehabt hatten.“) Nach dem Umzug im Februar 1946 nach München registrierten sie sich ab September 1946 im DP-Camp Funkkaserne München und beschlossen in die USA auszureisen. Am 3. Januar 1947 fuhren sie mit über 900 Personen auf dem Schiff „Ernie Pyle“ von Bremerhaven nach New York, wo sie sich ein neues Leben aufbauten.

Abraham und Gusti bekamen eine Anstellung in einem Bekleidungsgeschäft. Die Familie lebte anfangs zusammen in einer kleinen Wohnung in der Bronx. Abraham verstarb mit 95 Jahren am 8. Dezember 1980 in New York.


Biografische Zusammenstellung

Carolin Raabe und Constanze Seifert, Im Rahmen des Projektes „Ausgewiesen!1938 aus Berlin deportierte polnische Jüdinnen und Juden. Eine Spurensuche.“
Dozentinnen: Prof. Dr. Gertrud Pickhan, Alina Bothe