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Fred Bachner

VERLEGEORT
Berolinastraße 32

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Mitte

GEBOREN
26.09.1925 in Berlin
ÜBERLEBT

Fred Bachner wurde am 26. September 1925 als zweites Kind von Erna und Abraham Bachner in Berlin geboren. Er und sein älterer Bruder James gingen auf eine jüdische Schule und waren Mitglieder in jüdischen Organisationen: Fred besuchte wöchentlich den Sportverein Bar Kochba und ging jeden Samstag zur zionistischen Maccabi World Union. Ihre Eltern betrieben ein Herren-Konfektions-Geschäft. Die Familie lebte in der Nähe des Geschäftes, in einer Achtraumwohnung in der damaligen Kaiser-Wilhelm-Straße 30 in Berlin-Mitte.

Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 und den antijüdischen Maßnahmen im gesamten Land bekam auch Familie Bachner die Repressionen zu spüren. Als das Geschäft infolge des „Judenboykotts“ schlechter lief, zog die Familie 1934 in eine billigere Fünfzimmerwohnung in die Landsberger Straße 32, wo sie von den Nachbarn gemieden wurden. Nun distanzierten sich auch deutsche Mitschüler von James und seinem Bruder Fred und wollten nicht mehr mit ihnen spielen. Fred besuchte bis zur achten Klasse die erste Knabenvolksschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die Familie unternahm seit 1934 verschiedene Versuche aus Deutschland auszuwandern, welche jedoch scheiterten. Da die Familie zusammenbleiben wollte, sollten die Kinder 1938 nicht mit dem Youth Aliyah Movement (hebräisch: Aliyat Hano'ar) nach Palästina ausreisen. Die Familie musste 1934 die polnische Staatsbürgerschaft beantragen und 1938/39 das Geschäft aufgeben.

Vom 27. bis zum 29. Oktober 1938 wurden in einer ersten Massenausweisung ca. 10.000 bis 17.000 polnische Juden nach Polen abgeschoben. In den frühen Morgenstunden des 28. Oktober 1938 erhielten Abraham und James einen Ausweisungsbescheid von der Polizei. Beide waren von der sogenannten „Polenaktion“ betroffen, wonach polnische Juden aus dem Deutschen Reich zwangsausgewiesen wurden. Abraham und James konnten fliehen und wollten vor Ablauf der Passgültigkeit nach Polen zu ihren Verwandten reisen. Über Frankfurt an der Oder nahmen sie den Zug bis zur deutsch-polnischen Grenze in Bytom/Beuthen. Der Grenzübergang wurde sowohl von der deutschen als auch von der polnischen Seite versperrt und die Ausgewiesenen mussten die Nacht auf dem offenen Feld verbringen. Anschließend konnten sie vor der Registrierung durch die polnische Stadtpolizei fliehen und fuhren mit dem Zug nach Chrzanów/Krenau, wo sie am späten Abend bei Abrahams Onkel Samuel eintrafen. Unterdessen blieben Erna und Fred in Berlin, beide konnten erst im Juni 1939 mit neuen Pässen nach Polen folgen. Dort bewohnte die wiedervereinte Familie eine eigene Wohnung in einem Zweifamilienhaus. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh die Familie Bachner vor dem Anmarsch der Wehrmacht landeinwärts, aber wurde bereits am nächsten Tag eingeholt und zurückgeschickt. Infolge der deutschen Annexion von Danzig und Oberschlesien wurden alle Ortsnamen eingedeutscht. Die Stadt Chrzanów, nun Krenau, wurde Sitz der deutschen Verwaltung und alle Juden im Umkreis wurden in ein offenes Ghetto umgesiedelt, das für drei Jahre bestand. Die Familie wohnte in einem kleinen Zimmer mit drei Betten und einem Heizofen. Der 15-jährige Fred arbeitete als Getränkelieferant und belieferte deutsche Armeeposten, Restaurants, Imbissstände und Zwangsarbeiterlager.

Während sich James in Trebenau aufhielt, wurde das Ghetto Krenau mit ca. 4.000 Juden vom 16. Februar bis 18. Februar 1943 durch die Polizeikompanie Sosnowitz, die Reiterstaffel und die Gestapo Kattowitz aufgelöst und ins Durchgangslager Sosnowitz/Sosnowiec gebracht. Von dort wurden Transporte nach Trautenau, Freystatt und in die Reichsautobahnlager Markstätt und Gogolin organisiert. Abraham wurde in das Reichsautobahnlager Markstätt/Laskowice Olawskie in Niederschlesien deportiert. Am Morgen der Deportation hatte Fred seine Mutter vor einer anstehenden Razzia gewarnt. Er hielt sich in den Feldern versteckt und erfuhr erst anschließend von ihrer Deportation nach Auschwitz.

Fred Bachner wurde kurze Zeit später auch gefasst und mit einem Güterwagon in dasselbe Lager wie sein Vater deportiert: „[My father] was on the way to the same camp where I was in. And I just couldn’t see myself to be with my father [...] because he was no young person [...] to see him suffer to perform the work and get beaten and all that [...].” Daraufhin
schmuggelte er sich am 21. Februar 1943 auf einen Transport ins Lager Faulbrück/Moscisko und wurde weiter in das Außenlager Gräditz/Grodziszcze des KZ Groß-Rosen deportiert. Der 17-jährige Fred musste hier Zwangsarbeit beim Eisenbahnbau verrichten und erkrankte an Typhus. Am 1. Oktober 1944 war auch Fred im KZ Auschwitz-Birkenau, wo er in einer Munitionsfabrik arbeite. In den kommenden Wintermonaten erfroren ihm beide Hände und Füße und ihm wurden die Vorderzähne ausgeschlagen. Mit dem Vormarsch der Roten Armee wurde auch das KZ Auschwitz im Januar 1945 aufgelöst und die Häftlinge mussten sich auf „Todesmärsche“ in andere Lager begeben. Fred musste über das überfüllte Lager Groß-Rosen mit dem Güterwagon nach Stuttgart und kam am 28. Januar 1945 zu Fuß im KZ Dachau an. Mit LKWs kam er ins Waldlager V und VI bei Ampfing, wo er auf seinen Bruder James traf. Als das Lager am 20./21. April 1945 aufgelöst wurde, fuhr der Zug von Mühldorf nur bis Taufkirchen, als im Radio das Ende des Krieges ausgerufen wurde. James und Fred sprangen aus dem fahrenden Waggon und versteckten sich im Wald. Sie übernachteten in Bauernhöfen bis die Alliierten eintrafen. James Bachner beschreibt die Befreiung mit den Worten: „That magical day was Tuesday, May 1,
1945. We laughed, cried, and jumped for joy! We were free! We were alive! We had actually made it!“

Die Brüder lebten zunächst in München, bis sie ihren Vater 1946 in Berlin wiederfanden und zusammen am 3. Januar 1947 in die USA emigrierten. Fred lernte 1950 seine Frau Ruth Wallach kennen und bekam mit ihr zwei Töchter. Fred Bachner verstarb am 9. Dezember 2008 in New York.


Biografische Zusammenstellung

Carolin Raabe und Constanze Seifert, Im Rahmen des Projektes „Ausgewiesen!1938 aus Berlin deportierte polnische Jüdinnen und Juden. Eine Spurensuche.“