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Hans Schmoller

Stolperstein für Dr. Hans Schmoller © OTFW
VERLEGEORT
Alt-Moabit 86

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Tiergarten
VERLEGEDATUM
09.02.2016

GEBOREN
10.04.1879 in Berlin
DEPORTATION
am 03.10.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
02.11.1942 in Theresienstadt

„Trotz mehrfacher Erklärung ist mir der genauere Unterschied zwischen Entschädigung, Wiedergutmachung und Rückerstattung nie wirklich klar geworden. Nach wie vor handelt es sich für mich um Mord und Raub […]
[Aus dem Entschädigungsantrag von Dr. Schmollers Sohn Hans-Peter]

Hans Schmoller wurde am 10. April 1879 in Berlin geboren. Er war der Sohn des Kaufmanns Abraham Schmoller und dessen Frau Johanna, geborene Fabian. Hans Schmoller hatte vier Geschwister: Seine ältere Schwester Elsa, später verheiratete Hammerstein, wurde 1875 in Berlin geboren, seine Brüder Ludwig und Ernst 1880 und 1882. Eine weitere Schwester, Margarethe, war schon vor Hans’ Geburt im Kleinkindalter gestorben. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Hans Schmoller und seiner Geschwister haben sich keine Informationen erhalten. Seine Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur jüdischen Gemeinde Berlins. Nach seinem Schulabschluss studierte Hans Schmoller Medizin in Berlin und München, erhielt 1903 seine Approbation als Arzt und promovierte 1907 mit einer Arbeit mit dem Titel „Hindern acute Infektionskrankheiten das Stillen?“. Zwischen 1903 und 1905 war Hans Schmoller als Volontärassistent bei dem Internisten und Bakteriologen Professor Albert Fraenkel (1848–1916) in der Inneren Abteilung im städtischen Krankenhaus Am Urban beschäftigt, ab 1905 als Assistenzarzt des Kinderarztes und Pioniers der Säuglingsheilkunde Professor Heinrich Finkelstein (1865–1942) im Kinderasyl der Stadt Berlin / Städtisches Waisenhaus in der Kürassierstraße 21 in Kreuzberg. Ab 1910 leitete Hans Schmoller die Kreuzberger Säuglingsfürsorgestelle, die im Tiergarten am Bundesratufer 10 lag, und später in die Klopstockstraße 6 verlegt wurde. Am 24. April 1914 heiratete der Arzt die acht Jahre jüngere Berlinerin Marie Elisabeth Behrend. Sie war die Tochter von Adolf Behrend und seiner Frau Anna, geborene Mühsam. Zwei Jahre nach der Hochzeit, am 9. April 1916, bekam das Paar einen Sohn, der den Namen Hans-Peter erhielt. Leider haben sich keine weiteren Quellen erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie im Berlin der ausgehenden Kaiserzeit und der Weimarer Republik ermöglichen.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Hans Schmoller und seine Verwandten. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Abgesehen von Boykottmaßnahmen, behördlichen Schikanen und Verhaftungsaktionen wurde die Schlinge für jüdische Ärzte durch eine Flut von Verordnungen und Gesetze schrittweise enger gezogen: So wurden „nichtarische“ Ärzte mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933“ vom öffentlichen Gesundheitswesen ausgeschlossen, zwischen 1933 und 1937 wurden ihnen sukzessive mit insgesamt sieben Verordnungen die Kassenzulassungen entzogen, mit der Verordnung vom 20. November 1933 durften sie keine ärztlichen Fortbildungskurse mehr besuchen und wurden vom ärztlichen Bereitschaftsdienst ausgeschlossen. Hans Schmoller wurde 1933 nach 23 Dienstjahren als Leiter der Kreuzberger Säuglingsfürsorgestelle entlassen. Im selben Jahr wurde er aus dem Mitgliederverzeichnis der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde (DGfK) gestrichen und sein „Austritt“ offiziell am 15. März 1934 vermerkt. Nach seiner Entlassung aus dem städtischen Gesundheitswesen Berlins eröffnete er eine Privat- und Kassenpraxis an seiner Wohnadresse in Alt-Moabit 86c, wo er und seine Ehefrau von 1933 bis 1941 lebten. 1938 war er in der wohlfahrtsärztlichen Versorgung von jüdischen Hilfsbedürftigen beschäftigt. Am 30. September 1938 wurde ihm wie allen jüdischen Ärzten und Ärztinnen mit der „Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ die Approbation entzogen. Zwischen 1938 und 1942 konnte Hans Schmoller als „Krankenbehandler“ noch ausschließlich jüdische Patienten versorgen. Seinem Sohn Hans-Peter war es bereits in den 1930er-Jahren gelungen, das Land zu verlassen. Er war ins englische West Drayton in Middlesex emigriert, wo er als Schriftsetzer und Graphikdesigner Arbeit fand und später als Verlagsleiter tätig war. Ob auch Hans Schmoller und seine Ehefrau konkrete Schritte verfolgten, Deutschland zu verlassen, ist nicht bekannt. Sollten Pläne bestanden haben, so scheiterten diese. Ende der 1930er-Jahre und Anfang der 1940er-Jahre war das Leben für das Ehepaar endgültig zum Existenzkampf geworden. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich nach der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Am 1. Oktober 1941 teilte die Gestapo der Jüdischen Gemeinde Berlin mit, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Hans und Marie Elisabeth Schmoller erhielten den Deportationsbescheid im Herbst 1942. Sie mussten ihre Wohnung in Alt-Moabit 86c verlassen und wurden im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Von dort aus sind sie am 3. Oktober 1942 mit dem „3. großen Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden, wo ihnen eine Baracke im Gebäude E. VII, Zimmer 64, zugewiesen wurde. Hans Schmoller überlebte die unmenschlichen Bedingungen im Ghetto kaum einen Monat. Der in Theresienstadt ausgefüllte Totenschein gibt den 2. November 1942 als Todestag an. Kaum verlässlich ist die notierte Todesursache „Herzfehler“, da die NS-Ärzte die tatsächlichen Todesursachen direkter und indirekter Gewalteinwirkung mit kaschierenden Sammelbegriffen verschleierten. Hans Schmoller ist 63 Jahre alt geworden. Seine Frau Marie Elisabeth wurde aus Theresienstadt am 16. April 1944 weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Hans Schmollers Sohn Hans-Peter überlebte im Exil in England. Das Schicksal seiner Schwester Elsa Hammerstein, geborene Schmoller, ist ungeklärt. Sein Bruder Ernst starb 1939 im Alter von 57 Jahren. Sein Bruder, der Kaufmann Ludwig Schmoller, beging vermutlich in unmittelbarer Bedrohung der Deportation am 17. Februar 1943 gemeinsam mit seiner Ehefrau Lola Schmoller, geborene Fabian, und seiner Tochter Ilse Schmoller in Berlin Selbstmord. Eine zweite Tochter Ludwigs überlebte die NS-Verfolgung. Hans Schmollers Mutter war bereits in den 1900er-Jahren in Berlin verstorben. Sein Vater hatte bis zu seinem Tod 1920 in zweiter Ehe mit Marie Schmoller, geborene Rosenberg, in der Hauptstadt gelebt.


Anmerkung zur Biographie: Das wörtliche Zitat stammt aus der Entschädigungsakte zu Dr. Hans Schmoller. Abt. I Entschädigungsbehörde. Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin; zit. nach: Rebecca Schwoch: Jüdische Ärzte als Krankenbehandler in Berlin zwischen 1938 und 1945, Frankfurt am Main 2018, S. 503.

Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org/ (aufgerufen am 22. Oktober 2019). Erinnerungsseite (Page of Testimony) zu Dr. Hans Schmoller; Marie Elisabeth Schmoller (erstellt von Edna Ben Ami); Erinnerungsseite (Page of Testimony) zu Lola Schmoller, geb. Fabian; Ilse Schmoller; Ludwig Schmoller (erstellt von dessen Tochter Khana Viner)
Geburtsanzeige Hans Schmoller (Nr. 611, Berlin am 15. April 1879). Geburtsregister der Stadt Berlin 1874–1899. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Eheanzeige Hans Schmoller und Marie Elisabeth Behrend (Nr. 495, Berlin am 24. April 1914); Eheregister der Stadt Berlin 1874–1920. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Dr. Hans Schmoller („3. gr. Alterstransport“, Lfd-Nr. 777); Marie Schmoller, geb. Behrend („3. gr. Alterstransport“, Lfd-Nr. 778). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Todesfallanzeige Hans Schmoller in der Opferdatenbank Theresienstadt. Online unter: holocaust.cz (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Holocaust Survivors and Victims Database. Online Database of the United States Holocaust Memorial Museum. Hans Schmoller (PersonID 1482740); Marie Schmoller (Person ID 1482742): Online unter: https://www.ushmm.org/online (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Eintrag zu Hans Schmoller in der Genealogie-Datenbank Geni. Online unter: https://www.geni.com/people/Hans-Sc... (aufgerufen am 16. Oktober 2019)
Eintrag zu Hans Schmoller (ID 70) in der der Dokumentation „Verfolgte Ärzte“, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Online unter: https://geschichte.charite.de/verfo... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Eintrag zu Hans Schmoller in der Datenbank „Jüdische Kinderärzte 1933–1945“. Online unter: https://rettet-die-kinderstation.de... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Zählkarten zu Ludwig Schmoller, Lola Schmoller, geb. Fabian, und Ilse Schmoller. Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RvD) Card File. Im Archiv des ITS Arolsen. Online unter: https://digitalcollections.its-arol... (aufgerufen am 16. Oktober 2019)
Eintrag zu Hans Schmoller, in: Schwoch, Rebecca (Hrsg.): Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch, Potsdam 2009, S. 787–788
Eintrag zu Hans Schmoller, in: Schwoch, Rebecca: Jüdische Ärzte als Krankenbehandler in Berlin zwischen 1938 und 1945, Frankfurt am Main 2018, S. 503–504