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Johanna Leschnik (geb. Weinberg)

Stolperstein Johanna Leschnik © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Johanna Leschnik mit ihren Töchtern Irene und Käthe © Marion Schubert, geb. Salomon
Stolpersteine Johanna und Michaelis Leschnik © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Badstraße 44

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Gesundbrunnen
VERLEGEDATUM
07.03.2018

GEBOREN
14.01.1883 in Wriezen
DEPORTATION
am 13.06.1942 nach Sobibor
ERMORDET
Juni 1942 in Sobibor

Johanna Weinberg wurde am 14. Januar 1883 in Wriezen an der Oder geboren. Es ist nicht bekannt, wann sie nach Berlin kam – ein Bruder und eine Schwester lebten ebenfalls in Berlin. Fest steht, dass sie mit gerade 22 Jahren im Januar 1905 den Uhrmacher Michelis Leschnik heiratete, der ein Jahr zuvor in der Weddinger Badstraße ein Optiker- und Juweliergeschäft eröffnet hatte. Es ist davon auszugehen, dass die Hochzeit nicht nur vor dem Standesamt Wedding sondern auch nach jüdischem Ritus vollzogen wurde.
Schon im November 1905 wurde die erste Tochter, Irene, geboren. Drei Jahre später gebar Johanna Leschnik ihre zweite Tochter, Käthe Julie. Ob Johanna Leschnik gearbeitet hat, wissen wir nicht. Ökonomisch wird die Familie auch ohne ihre Mithilfe gut gelebt haben, da die Geschäfte von Michaelis Leschnik hervorragend liefen. Michaelis Leschnik kaufte ein Mietshaus in der Nähe, war Miteigentümer eines weiteren Weddinger Mietshauses und eröffnete ein zweites Geschäft in Tiergarten.
Im Jahr 1928 heiratete Johanna Leschniks Tochter Irene den Optiker Felix Zimmt und 1931 folgte die Hochzeit der Tochter Käthe mit dem Uhrmacher Leopold Simon. Beide Schwiegersöhne werden mit Michaelis Leschnik auch geschäftlich zu tun gehabt und sich gegenseitig unterstützt haben. Nachdem die Töchter ausgezogen waren, zogen Johanna und Michaelis Leschnik in die Badstraße 44. Die 3-Zimmer-Wohnung war gutbürgerlich eingerichtet und hatte eine Bibliothek und ein Klavier.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich im Leben der Leschniks alles. Dem Geschäftsboykott im April 1933 und antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, schloss Michaelis Leschnik sein Optik- und Fotogeschäft in Tiergarten und verkaufte es im September 1933 weit unter Wert. Einen Monat später, im Oktober 1933, floh Tochter Irene mit ihrem Mann Felix nach Palästina. Sie kam 1937 noch einmal nach Berlin zurück, um gemeinsam mit der Familie den 60. Geburtstag von Michaelis Leschnik zu begehen, und blieb von April bis Juli. Es sollte das letzte Mal sein, dass Johanna Leschnik ihre Tochter Irene sah. „Am 9. November 1938 wurde dem Herrn Leschnik das ganze Geschäft vollständig zertrümmert und ausgeräumt. Das Haus Buttmanstr. (…) musste er verkaufen und sah nun, wie alles, was er in 35 Jahren größter Sparsamkeit und Arbeit aufgebaut hatte, kaputt ging“, so die Freundin der Töchter im Entschädigungsverfahren. Auch der Schöneberger Laden des Schwiegersohnes Leopold Simon wurde ausgeraubt und zertrümmert, die Simons flohen mit ihren beiden Kindern zurück zu den Leschniks in den Wedding und zogen zu ihnen in die Badstraße. Johanna und Michaelis Leschnik wurden dann wie alle jüdischen Menschen gezwungen, die sogenannte Judenvermögenssteuer zu zahlen – in ihrem Fall 7500 Reichsmark; eine Summe, die sie nicht mehr zur Verfügung hatten. Kurz darauf erlitt Michaelis Leschnik einen Herzanfall, den er knapp überlebte. Laut einem Brief Johannas an ihren Schwiegersohn in Palästina wissen wir, dass er furchtbare Angst vor einer Emigration ins Ausland hatte, weil er sich nicht vorstellen konnte, für den Unterhalt sorgen zu können. Am Ende seiner Kräfte, gedemütigt und verzweifelt nahm sich Michaelis Leschnik am 13. März in der nah gelegenen Panke das Leben. Johanna ließ ihren Mann auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee bestatten. Wir können uns nur vorstellen, welcher Schlag dies für Johanna Leschnik gewesen sein muss, zumal die Forderung der 7500 Reichsmark nun an sie allein überging. Sämtliche Wertsachen musste Johanna Leschnik abgeben, sie blieb mittellos zurück und die Alterssicherung, die über die Mieteinnahmen aus den Häusern garantiert gewesen war, fiel weg. In dem Brief schreibt sie, wie deprimiert sie darüber war und dass die Aussichten auf eine Flucht immer geringer wurden. Dennoch versuchte sie, sich um ein Visum für Palästina zu kümmern. Sie hinterließ bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 872 Reichsmark für eine Kaution für eine Fahrt dorthin, doch im Juli 1939 schrieb sie an ihre Tochter Irene: „… ein Zertifikat scheine ich nicht zu bekommen“.
Im weiteren Verlauf des Jahres 1939 musste Johanna Leschnik ihre Wohnung in der Badstraße 44 verlassen und zur Untermiete in eine sogenannte Judenwohnung in die Wilmersdorfer Wilhelmsaue 5 ziehen. Noch immer versuchte sie, Deutschland in Richtung Palästina zu verlassen. Ihr Plan war es, dort eine Pension aufzumachen, sie kaufte sogar einen Gasherd dafür. „Meine Mutter lebte in der Hoffnung, noch aus Deutschland herauszukommen“, schrieb ihre Tochter Irene 1971 in einer Erklärung für die Wiedergutmachungsbehörde. Johanna Leschnik stellte die Möbel, die sie mitnehmen wollte, bei der Speditionsfirma Gebrüder Hertling unter dem Namen „Werner Jährling“ unter. Die monatlichen Grundgebühren entrichtete eine Frau Jährling, die jahrelang bei Johanna Leschniks Schwester Hausangestellte war. Es scheint, als hätten die beiden Frauen sich angefreundet, doch wird im Entschädigungsverfahren später auch deutlich, dass Herr Jährling einen Teil der Möbel veruntreute.
Ab 1941 wurde Johanna Leschnik zur Zwangsarbeit eingezogen und musste bei der Papierfabrik Franz Grimm in Berlin-Mitte arbeiten. Im Januar 1942 musste sie einen weiteren Schicksalsschlag verkraften. Ihre Schwester Erna Weinberg nahm sich angesichts ihrer bevorstehenden Deportation das Leben. Tochter Käthe meldete die Beerdigung beim Jüdischen Friedhof in Weißensee an. Im Mai 1942 wurde Johanna Leschnik erneut zum Umzug in eine andere „Judenwohnung“ gezwungen und kehrte in die Badstraße zurück – vielleicht kannte sie den jüdischen Wohnungsinhaber Barkowsky in der Hausnummer 32. Sie lebte dort in einem Zimmer, für das sie 30 Reichsmark monatlich bezahlen musste. Nur sechs Wochen später wurde sie am 13. Juni 1942 nach Sobibor deportiert, wo sie drei Tage später direkt nach der Ankunft ermordet wurde.
Ihre Tochter Käthe wurde im Sommer 1942 verhaftet, weil sie einem jungen Widerstandskämpfer der Herbert-Baum-Gruppe Unterschlupf organisiert hatte. Aus dem Gefängnis heraus wurde sie nach Auschwitz deportiert. Sie wurde von ihrer Schwester nach dem Krieg auf einem Bild von der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen erkannt, doch verliert sich damit ihre Spur. Johannas Schwiegersohn Leopold Simon wurde mit seinen Kindern ebenfalls nach Auschwitz verschleppt und dort direkt nach Ankunft ermordet. Dieses Schicksal erlitten auch Johannas Bruder Heinrich Weinberg (*1.11.1885 in Wriezen/Oder). Er wurde im März 1943 zusammen mit seiner Frau Hedwig geb. Gotthilf nach Auschwitz deportiert und ermordet.


Schulprojekt mit der Willy-Brandt-Teamschule und der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin

Biografische Zusammenstellung

Sophia Schmitz, Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin und Gudrun O'Daniel-Elmen