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Charlotte Adel (geb. Sonntag)

VERLEGEORT
Backbergstraße 23

BEZIRK/ORTSTEIL
Neukölln – Britz
VERLEGEDATUM
04.09.2018

GEBOREN
07.12.1893 in Berlin-Tempelhof
BERUF
Stenotypistin
VERHAFTET
am 22.08.1933 bis zum 01.12.1934 in Gefängnis Moabit
INHAFTIERT
ab 01.12.1934 bis zum 01.03.1935 in Frauengefängnis Barnimstraße
FLUCHT IN DEN TOD
14.05.1938 in Berlin-Britz

1922 wohnt Charlotte Adel mit ihrem Mann und ihrer Tochter Lilli in Berlin-Prenzlauer Berg, in der Prenzlauer Allee. Doch Charlotte und ihr Mann trennen sich, und sie zieht mit ihrer Tochter nach Niederlehme bei Königs Wusterhausen zu ihrer Mutter. Sie fährt von dort aus täglich zur Arbeit nach Berlin, wo sie als Stenotypistin beschäftigt ist. Die Berufstätigkeit macht es nicht leicht für sie, ihre Tochter allein großzuziehen - weil nicht bekannt ist, wann und wie lange sie arbeitslos war.

1931 erfolgt der Umzug mit ihrer Tochter in die Schönhauser Allee 158 c. Charlotte ist seit diesem Jahr Mitglied im Deutschen Freidenkerverband. Über Lillis Freunde vom SJV (Sozialistischer Jugendverband) findet sie zur Politik.

Charlottes Wohnung wird ein Treffpunkt des SJV; sie nimmt jetzt aktiv an den Treffen teil. Als Lilli und ihre Freunde im Jahr 1933 in den Untergrund gehen, mietet Charlotte eine Gemeinschaftswohnung in der Weißenburger Str. 79 (jetzt Käthe-Kollwitz-Str.). Sie nimmt dort illegal tätige und zum Teil auch illegal lebende Genossen auf. Diese Wohnung wird als Deckadresse für die SAPD (Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) genutzt, deren Mitglied sie inzwischen ist. Durch einen eingeschleusten Spitzel fliegt die Deckadresse im August 1933 auf. Bei der Hausdurchsuchung wird illegales Material gefunden und Charlotte und ihre Tochter werden am 22. August 1933 verhaftet. Die Gestapo hält sich noch länger in der Wohnung auf, um Post abzufangen und weiteren Genossen aufzulauern.

In der Untersuchungshaft sieht Charlotte bei Gegenüberstellungen, wie ihre Mitgenossen misshandelt worden sind. Es beginnen schlimme Verhöre, Quälereien und Erniedrigungen durch die Gestapo.

Sie wird während ihres Gefängnisaufenthaltes von Grete Specht unterstützt, einer ehemaligen Nachbarin aus der Schönhauser Allee, die für ihre Tochter Lilli auch eine Art Pflegemutter ist.

An Weihnachten 1933 wird Charlotte gestattet, an ihre Tochter zu schreiben. Sie sind in der Untersuchungshaft in verschiedenen Zellen untergebracht und sehen sich auch bei Freigängen im Gefängnis nicht. Man stellt sie gegenüber und bezichtigt die jeweils andere der Preisgabe von Geheimnissen. Lilli wird im Januar 1934 noch vor dem Prozess entlassen – sie ist 17 Jahre alt.

Der Druck, der auf Charlotte ausgeübt wird, ihre Freunde zu verraten, wird immer größer. Sie unternimmt am 23.Februar 1934 einen Selbstmordversuch.

Im Juni 1934 wird ihr bis auf weiteres die Vormundschaft für ihre Tochter entzogen. Lilli darf sie aber alle vier Wochen besuchen. Die Gespräche finden immer unter Aufsicht statt. Charlotte steckt Lilli im Gefängnis die Kontaktdaten des antifaschistischen Rechtsanwalts Reinefeld zu, der beiden Frauen hilft. Es ist sicher auch eine Beruhigung für sie, dass Frau Dr. Franzen ihre Tochter unterstützt. Lilli wohnt und arbeitet jetzt dort und kann auch in Ruhe lernen.

Charlotte Adel wird der Prozess gemacht. Am 1. Dezember 1934 wird sie im Verfahren gegen Max Köhler und Genossen wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die Untersuchungshaft wird angerechnet. Sie kommt vom Gefängnis Moabit ins Frauengefängnis in der Barnimstraße. Auch Lilli wird am 1. Dezember 1934 vom Volksgerichtshof im Verfahren gegen Max Köhler und Genossen angeklagt. Sie wird freigesprochen.

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis am 1. März 1935 wohnt Charlotte Adel zuerst zur Untermiete im Lowise-Reuter-Ring 35 in Berlin-Britz. Von dort schreibt sie Ende des Monats an das Amtsgericht Berlin und bittet, ihr die Vormundschaft über ihre Tochter wieder zu übertragen. Dieses Ersuchen wird jedoch abgelehnt.

Danach zieht sie um, bleibt aber in Britz und wohnt in der Karlstraße 23 (heute Backbergstraße). Dort ist sie viel allein, da sich Freunde und Bekannte zum Teil von ihr zurückgezogen haben. Sie steht als „Politische“ unter Polizeiaufsicht. Ihre Tochter hat inzwischen die Schule mit der Mittleren Reife abgeschlossen und wohnt im Schwesternwohnheim des Kaiserin-Augusta-Hospitals in der Scharnhorststraße, wo sie eine Ausbildung zur Krankenschwester macht. Frau Dr. Franzen ist es vor der Flucht mit ihrer Familie aus Deutschland gelungen, Lilli dort als Lehrschwester unterzubringen.

Charlotte ist oft arbeitslos und weiß nicht, wie sie das Nötigste zum Leben aufbringen soll. Sie hat Schulden.
Im Oktober 1937 erhält sie von der Deutschen Arbeitsfront ein Schreiben mit dem Urteil des Ehren- und Disziplinargerichts der Deutschen Arbeitsfront. Wegen ehrenrührigen Zuwiderhandelns gegen die Bestrebungen der Deutschen Arbeitsfront durch staatsfeindliche Betätigung erkennt ihr die Kammer I dieses Gerichtes die Befähigung ab, innerhalb der nächsten zehn Jahre ein Amt in der Deutschen Arbeitsfront zu bekleiden.

Das Kesseltreiben der Nazis gegen Charlotte hört nicht auf. Für sie ist politisch und privat alles zerstört. Auch ihre enge persönliche Verbindung zu Karl Baier ist beendet.

In ihrem Abschiedsbrief an Lilli vom 14. Mai 1938 schreibt sie, wo es noch Schulden gebe und dass sie bedauert, kein Geld für eine Sterbekasse gehabt zu haben. Weiter schreibt sie:
„Ich hätte alles besser machen sollen, aber seit der unglücklichen Geschichte mit Karl lebte ich doch so freudlos. Sehr leicht fällt es mir nicht, Dich im Stich zu lassen. Aber es geht wirklich nicht mehr so weiter…. Nun lebt wohl.“ Lotte

Am 14. Mai 1938 nimmt sich Charlotte Adel das Leben.


Biografische Zusammenstellung

Valeria Klingbeil