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Dr. Alfred David Beutler

Stolperstein Dr. Alfred David Beutler Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka
Alfred Beutler als Medizinstudent in Couleur einer nicht-identifizierten Studentenverbindung, undatiertes Photo; Bild: privat
VERLEGEORT
Theodor-Heuss-Platz 2

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
10.02.2016

GEBOREN
11.11.1892 in Reichenbach im Vogtland
BERUF
Arzt
FLUCHT
1935 Palästina / USA
ÜBERLEBT

Alfred David Beutler kam am 11. November 1892 in Reichenbach im Vogtland zur Welt, als ältestes Kind des Textil-Fabrikanten Joseph Beutler (1855-1924) und dessen Ehefrau Elisabeth, geborene Finder (1866-1954). Alfred hatte 3 Geschwister; Schwester Lotte war 1894 geboren, Bruder Joachim Friedrich 1896, und Bruder Ernst 1901. Joseph, der Vater, besaß gemeinsam mit seinen Brüdern Leo (1868-1942) und Isidor (1859-1938) eine Tuchfabrik. Die Gebrüder Beutler stammten aus Czarnkow in der ehemaligen preußischen Provinz Posen, und siedelten sich im Jahr 1885 in Reichenbach an, wo sie mit der Produktion von Textilien in einem Gebäude in der Greizer Straße 5 begannen, heute Dr.-Külz-Straße. Das Geschäftskontor und Wohnhaus der Familie lag in der Weststraße 24. Alfred besuchte ab Mai 1906 das Gymnasium zu Zwickau, der 20 km entfernten Kreisstadt. In seiner Freizeit nahm er Cello Unterricht und beherrschte das Instrument so gut, dass er später in verschiedenen Laienensembles spielte. Außerdem entwickelte er eine Vorliebe für das Wandern. Nach dem Abitur am 28. Februar 1911 studierte er Medizin, zunächst in Freiburg und dann in Berlin. Dort lernte er von den Besten ihres Faches. Unter seinen renommierten Professoren waren der Anatom Wilhelm von Waldeyer-Hartz (1836-1921) und der Entwicklungsbiologe Oscar Hertwig (1849-1922). Alfreds klinisches Studium wurden durch den Ausbruch des Krieges unterbrochen, sodass das Sommersemester 1914 seine letzte reguläre Studienzeit in Berlin war, mit einem Chirurgie Kurs unter Leitung von August Bier.

Vom Herbst 1914 bis November 1918 diente Alfred als Feldunterarzt und Feldhilfsarzt im deutschen Militär. Er war wohl stolz sowohl auf seine Heimat als auch auf seine Religionszugehörigkeit, wie man dem Lebenslauf in seiner Promotionsschrift entnehmen kann, der mit den Worten beginnt „Ich bin Preusse, jüdischen Glaubens.“ Dieses doppelte Zugehörigkeitsgefühl teilte er mit vielen der Juden in Deutschland. In den Jahren 1916 und 1917 erlebte Alfred mehrere Kämpfe an der Westfront in Belgien und Frankreich und erhielt das Eiserne Kreuz zweiter Klasse für erwiesene Tapferkeit in der Schlacht östlich des Flusses Yser in Belgien. Außerdem wurde er während seiner Zeit im Militär vom Feldunterarzt zum Feldhilfsarzt befördert. Sein jüngerer Bruder Friedrich – Fritz – war auch zum Militärdienst eingezogen worden, vermutlich gleich nach dem Abitur. Er fiel am 18. November 1917 im Alter von 21 Jahren. Nach Kriegsende ging Alfred an die Universität in Breslau, heute Wrocław in Polen, wo er am 15. Juli 1919 sein Staatsexamen ablegte und am 19. August des gleichen Jahres approbiert wurde.

Alfred entschied sich zunächst für eine Grundausbildung in Pathologie. Hierzu blieb er in Breslau und begann seine Arbeit am Pathologischen Institut der Universität Breslau, das von Friedrich Henke (1868-1943) geleitet wurde. Henke war ein Krebsspezialist und bekannt als Koautor des „Henke-Lubarsch Handbuch der Speziellen Pathologischen Anatomie und Histologie.“ Er betreute Alfreds Doktorarbeit Über Ependymcysten im Dritten Ventrikel als Todesursache, mit der Alfred 1920 promoviert wurde, und die Ergebnisse wurden unter dem gleichen Titel in der bedeutenden Zeitschrift Virchow’s Archiv veröffentlicht. Alfreds großes Engagement in wissenschaftlicher Arbeit wurde schon zu diesem Zeitpunkt deutlich, da er in der gleichen Ausgabe des Journals noch eine Studie zu zwei Fällen von in den Magen versprengtem Pankreasgewebe publizierte. Vom 1. November 1921 bis 31. Dezember 1923 setzte Alfred seine Ausbildung als Assistenzarzt an der Inneren Abteilung B des städtischen Wenzel-Hancke-Krankenhauses in Breslau fort. Er erwarb dort die Qualifikation zur Leitung einer Röntgenabteilung, außerdem schrieb er zwei weitere Fallstudien die zur Veröffentlichung kamen (s.u.). Mit all diesen Publikationen war Alfred im Jahr 1923 klar auf dem Weg zu einer akademischen Karriere, folgte dann aber dem Ratschlag seines Vaters Joseph, der als erfolgreicher Geschäftsmann meinte, dass er nicht verstünde warum irgendwer „so hart für so wenig arbeite,“ und Alfred empfahl, eine Arztpraxis in Berlin aufzumachen. Alfred verließ Breslau, zog in die deutsche Hauptstadt und begann Anfang 1924 zunächst als Assistenzarzt auf der Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses im Friedrichshain. Dort lernte er die soeben graduierte Ärztin Käthe Italiener kennen und die beiden verliebten sich. Sie teilten nicht nur berufliches und akademisches Interesse, sondern auch die Herkunft aus einem jüdischen Elternhaus, einen ähnlichen wirtschaftlichen Hintergrund, und besonders die Liebe zur klassischen Musik, die sie nicht nur hörten sondern auch selbst praktizierten. Am 23. Dezember 1925 fand die Hochzeit statt, und schon am 2. Oktober 1926 kam Sohn Friedrich Joseph zur Welt. Sohn Ernst folgte am 30. September 1928, und Tochter Ruth am 23. November 1932.

Noch während Alfred am Städtischen Krankenhaus im Friedrichshain arbeitete eröffnete er 1925 eine Praxis für Innere Medizin und Radiologie in der Familienwohnung am Reichskanzlerplatz 4, heute Theodor-Heuss-Platz. Auch Käthe Italiener richtete hier im Jahr 1927 ihre Kinderärztliche Praxis ein. Alfred hatte eine kassenärztliche Zulassung, und Käthe erhielt sie am 3. Februar 1933. Die junge Familie lebte in räumlicher und gesellschaftlicher Nähe zu vielen Verwandten von Alfreds und Käthes Seite, und mit Haushaltshilfe und Kindermädchen waren geregelte Kindererziehung, Haushalt und die Arbeit in zwei Arztpraxen gut vereinbar.

Dies änderte sich unmittelbar mit der Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten Anfang 1933. Käthe verlor ihre Kassenarztzulassung wenige Monate nachdem sie diese erhalten hatte, während Alfred die seine aufgrund seines Veteranenstatus behielt. Die Montessori-Schule der Kinder wurde von den Nationalsozialisten geschlossen und sie besuchten nun die Theodor-Herzl-Schule, und viele von Alfreds und Käthes Lehrern, Freunden und Verwandten verloren ihre Arbeitsstellen als Beamte ab April 1933. Zwei Verwandte wurden sogar gefangen genommen worden, und das tägliche Gespräch im Familienkreis drehte sich zunehmend um Auswanderungsmöglichkeiten. Käthe drängte auf Emigration, und Alfred unternahm mehrere Erkundungsreisen, um schließlich im August 1935 die Reise nach Palästina anzutreten um die Gegebenheiten für eine Umsiedelung dorthin persönlich in Augenschein zu nehmen. Doch schon vor der Abreise hatte er an entfernte Verwandte in Milwaukee, Wisconsin, geschrieben und sie um ein Affidavit für die Einreise in die USA gebeten. Dies Affidavit errichte ihn nun via Berlin in Palästina, wo er dann beschloss seine Familie in die USA zu bringen. Er selbst kam dort im November 1935 an und Käthe folgte mit den Kindern im Dezember 1935.

Seine Ausbildung als Radiologe erlaubte es Alfred, schon vor Ablegung des amerikanischen Staatsexamens und Erhalt seiner US Approbation am Mount Sinai Medical Hospital in Milwaukee zu arbeiten. Er erhielt die Approbation innerhalb weniger Monate, und eröffnete bereits im April 1936 seine neue Praxis für Innere Medizin und Radiologie in prominenter Lage in Milwaukee. Der Zeitungsartikel, der die neue Praxis ankündigte, beschrieb Alfred als Zionisten. Auch Käthe eröffnete bald darauf eine Kinderarztpraxis. Alfred gründete mit weiteren Emigranten die “Society of Friends”, später “New Home Club” genannt, eine Vereinigung, in der neue Emigranten gesellschaftlich zusammenkamen und auch andere Flüchtlinge unterstützen. Neben seiner gutgehenden Praxis hatte er Zeit sich um sein Hobby der Photographie zu kümmern, und fuhr mit seiner Familie am Wochenende zu seiner Nerz-Farm, die er für einige Jahre kommerziell betrieb – ein Patient hatte ihm Nerze als Zahlung für eine Behandlung überlassen.

Nach dem Krieg erfuhren Alfred und Käthe vom Schicksal vieler Verwandter, die Opfer des Holocaust wurden. Sie bemühten sich eingehend um entsprechende Informationen und Alfred korrespondierte zur Restitution von Familienvermögen, das während der Zeit des Nationalsozialismus verloren gegangen war.

Alfred Beutler erlebte noch die Geburt seiner ersten Enkelkinder, aber verstarb plötzlich am 13. Feb. 1962 in Milwaukee, im Alter von 70 Jahren. Eins dieser Enkelkinder ist Bruce Alan Beutler, der 2011 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet wurde.

Publikationen von Alfred Beutler:

Beutler, Alfred: Über Ependymcysten im Dritten Ventrikel als Todesursache. Virchows Archiv 232(1921a), pp. 358-367.

Beutler Alfred: Über blastomatöses Wuchern von Pankreaskeimen in der Magenwand. Virchows Archiv 232 (1921b), pp. 341-149.

Beutler, Alfred: Zur Kenntnis der innersekretorischen Zusammenhänge bei Chlorose, Folia Haematologica 29 (1923), pp. 121-143.

Beutler Alfred: Gleichzeitige hämolytische Krisen in einer Familie als erstes Krankheitssymptom bei Icterus haemolyticus familiaris, Deutsche Medizinische Wochenschrift 50(1924), pp. 495-460.


Biografische Zusammenstellung

Sabine Hildebrandt
Associate Professor of Pediatrics; Lecturer on Global Health and Social Medicine
Boston Children’s Hospital, Harvard Medical School,
Div. General Pediatrics, Dep. Pediatrics
Boston, Massachusetts, USA

Weitere Quellen

- Schwoch, Rebecca (ed.). 2009. Berliner Jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch. Berlin: Hentrich & Hentrich
- Hildebrandt S, Kammertöns T, Lechner C, Schmitt P, Schumann RR. Dr. Käthe Beutler, 1896-1999: A German Born Jewish Physician and Her Family Between Science, Politics and Prejudice. Medizinhistorisches Journal, 2019, im Druck