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Emma Königsberger (geb. Brock)

VERLEGEORT
Martin-Luther-Str. 120

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
23.02.2019

GEBOREN
18.08.1865 in Bromberg / Bydgoszcz
DEPORTATION
am 17.08.1942 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 21.09.1942 nach Treblinka
ERMORDET
23.09.1942 in Treblinka

Emma Ester Königsberger, geb. Brock wird am 18.08.1865 in Bromberg (damals Königreich Preußen, ab 18. Januar 1871 Teil des neu gegründeten Deutschen Reichs) geboren. Ihre Eltern Minna und Heinrich Brock, die gebürtig aus Bromberg stammen, wohnen zum damaligen Zeitpunkt bereits in Berlin. In ihrer Heiratsurkunde ist Berlin als Wohnsitz genannt. Warum Emma in Bromberg geboren wird, ist nicht bekannt.

Emma war eine gebildete Frau. Ihr Vater war Arzt. Emma hatte eine ältere Schwester, Anna (*1861), die krank und pflegebedürftig war und in einem Heim untergebracht werden musste. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Emma wächst als Einzelkind auf. Sie studiert Gesang und Klavier und singt im Philharmonischen Chor Berlin, einem der renommiertesten Oratorienchöre Deutschlands.

Sie heiratet Max Königsberger (*ca.1860in Posen,heute Poznan), der in Berlin ein Geschäft für Schuhleder betreibt. Hans, der ältere Sohn, kommt am 18.02.1895 zur Welt, Lutz am 17.12.1898. Zur Familie gehört auch das Kindermädchen Martha Ruprecht; für die ganze Familie unentbehrlich und von den beiden Söhnen liebevoll „Mim“ genannt. Die Familie führt ein sicheres, bürgerliches Leben. Ob der jüdischen Religionszugehörigkeit in der Familie eine bedeutsame Rolle zukommt und wie sie gelebt wird, ist nicht bekannt. Gleichwohl legt Emma Wert auf ihren zusätzlichen hebräischen Vornamen – Ester- und führt die Daten in ihrem Familienstammbuch nach dem hebräischen Kalender.

Max Königsberger gibt 1915 sein Geschäft auf, da beide Söhne einen anderen beruflichen Weg einschlagen. Sie studieren Jura und wollen Rechtsanwälte werden. Max stirbt bereits am 23.11.1926 im Alter von 66 Jahren zu Hause in der Wohnung am Dernburg Platz 1 (heute Dernburgstraße 2 und 4) Emma bleibt allein zurück. Aber sie hat noch ihre Söhne, die sich als Rechtsanwälte in einer gemeinsamen Anwaltspraxis niederlassen, heiraten und Familien gründen.

Ihre Kanzlei befindet sich in der Augsburger Straße 46 (heute Augsburger Straße 25). Beide sind bis 1933 unter dieser Adresse im Berliner Adressbuch als Rechtsanwälte eingetragen. 1933 verlieren sie im Zuge der Gesetze zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaftvom 7. April 1933 ihre Zulassung als Rechtsanwälte und ihre Kanzlei. (1)

Im Februar 1934 stirbt Hans völlig unerwartet nach einer Blinddarmoperation; für seine Mutter, seine Frau Grete und seine noch kleinen Söhne Max und Klaus ein schwerer Schicksalsschlag.

Emmas Sohn Lutz, seiner beruflichen Existenz beraubt und zunehmender Entrechtung ausgesetzt, emigriert im Oktober 1933 mit seiner Frau Alice und seinem vierjährigen Sohn Peter nach London. Zwei gegenseitige Besuche sind der Familie in besonderer Erinnerung geblieben: 1936 (2) verbringen Peter und seine Mutter Alice die Sommerferien in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt leben neben Emma noch die Eltern ihrer Schwiegertochter Alice (Dr. Saly Licht und Clara Licht, geb. Fuchs), deren Bruder (Dr. Ernst Licht) und dessen Frau Ilse mit Sohn Klaus in Berlin. Auf der Rückreise nach London werden Mutter und Sohn getrennt von der Gestapo verhört. Als die Gestapo nichts Verdächtiges findet, dürfen sie die Rückreise fortsetzen. Nachdem Lutz davon erfährt, lässt er weitere Reisen nach Berlin nicht mehr zu. Es ist zu gefährlich.

Emma, die ihre Familie, insbesondere ihren Enkelsohn Peter sehr vermisst, kommt 1937 zu Besuch nach England. Lutz gelingt es nicht, ein Einreisevisum für seine Mutter zu bekommen, und Emma muss wieder nach Deutschland zurückkehren.(3)
In den Novemberpogromen radikalisiert sich die Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung. England lockert vorrübergehend die Einreisebedingungen. Fast 10.000 Kinder und Jugendliche dürfen mit „Kindertransporten“ ins Land kommen. Zu ihnen gehören auch Emmas Enkelsöhne Max (11) und Klaus (8)- die Söhne ihres verstorbenen Sohnes Hans und ihrer Schwiegertochter Grete.Sie können sich im Januar 1939 mit dem Kindertransport nach London retten. Im Dezember 1938 ist bereits der Neffe ihrer Schwiegertochter Alice – Klaus - damals gerade 11 Jahre alt mit dem Kindertransport nach London entkommen.

Um Emma wird es immer einsamer: Ihrer Schwiegertochter Grete gelingt im April 1939 die Flucht nach England. Auch die Eltern ihrer Schwiegertochter Alice, Dr. Saly und Clara Licht, schaffen es noch im Mai 1939 nach England zu entkommen. Und im Dezember 1940 gelingt auch den Eltern ihrer Schwiegertochter Grete –Paula und Salomon Kronheimer- die Flucht über Lissabon nach Brasilien. Bis dahin scheinen sie neben der treuen und loyalen „Mim“, dem ehemaligen Kindermädchen Martha Ruprecht, für Emma noch eine große emotionale Stütze gewesen zu sein.

In der Volkszählung vom 17. Mai 1939 ist Emma noch unter der Anschrift Martin-Luther-Str. 45 (heute Martin-Luther-Straße 120) aufgeführt. Aufgrund welcher Umstände sie ihre Wohnung verlassen hat oder verlassen musste und in das Jüdische Altersheim in die Große Hamburger Str. 26 zieht, ist nicht mehr aufzuklären. Sehr wahrscheinlich ist jedoch, dass Emma auf der Grundlage des Gesetzes „über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939, das auf die Separierung jüdischer Mieter*innen von „arischen“ abzielte, gezwungen wurde, ihre eigene Wohnung zu verlassen. Diese erzwungene Unterbringung und Konzentration von älteren jüdischen Menschen in Altersheimen stellte die Vorstufe ihrer Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager dar.(4)

Ihre Vermögenserklärung vom 2.8.1942 in der Akte vom Oberfinanzpräsidenten im Brandenburgischen Landeshauptarchiv weist außer einem Grundstück in Niederschönhausen im Heegermühler-Weg 17, das ihr zur Hälfte gehört, keinen einzigen Gegenstand auf, was bedeutet, dass sich die Finanzbehörde mit der erzwungenen Auflösung ihres Hausstandes in der Martin-Luther-Straße bereits ihres ganzen Besitzes bemächtigt hat. Die Akte enthält ein Schriftstück vom Oberfinanzpräsidenten vom 6. April 1943, in dem es heißt: Emma Königsberger sei „ am 17.08.1942 nach Theresienstadt ausgewandert“. Es wird „eine() noch nicht verjährte() Steuerforderung gegen Juden, deren Vermögen auf Grund der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11.1941 ( ) dem Reich verfällt“, angemeldet. Aufgeführt werden eine Grundsteuer für Dezember 1942 - März 1943 mit einem fälligen Betrag von 45.32 RM sowie eine Straßenreinigungsgebühr für denselben Zeitraum in der Höhe von 2.16 RM.

1942 schreibt Emma an Martha, dass sie deportiert wird. Martha hilft ihr, die wenigen Habseligkeiten zu packen. Martha schreibt später an Emmas Familie in London, dass sie Emma sehr ruhig und gefasst vorgefunden habe. Emma sei sich, wie Martha schreibt, darüber im klaren gewesen, ermordet zu werden.

14 Tage nach ihrer Vermögenserklärung und einen Tag vor ihrem 77. Geburtstag am 17.8. 1942 wird sie der „Welle 26“ zugeteilt und mit dem 1. Großen Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. (5) Am 21.9.1942 wird sie nach Treblinka deportiert und dort ermordet.

Aus dem Jahr 1940/1941 sind noch drei Telegramme erhalten geblieben, die über das Rote-Kreuz geschickt wurden.

Am 16. Mai 1940 schreibt Lutz an seine Mutter:
„Max aus Oxford und Grete besuchten uns. Alle gesund. Bleibe zuversichtlich. Denke immer an die Jungens, die gut fortschreiten. Innigst Lutz“

Emma schreibt am 19.06.1940 an Lutz:
„Ueber heutigen Brief hocherfreut. Erhielst Du meine beiden Rote-Kreuz-Antworten? Kronheimers und ich erbitten Nachricht über Aufenthalt, Gesundheit von Euch, Gretl, Jungens. Gruss Mutti“

Am 21. Mai 1941 schreibt Emma an ihren Sohn Lutz:
„Lieber Lutz! Dankbar für langersehnte Nachricht. Gruesse alle herzlich. Bin sehr gealtert, doch leidlich gesund durch geistige Arbeit. Mutti“

Fußnoten
(1) Am 7.4.1933 hatten die Nationalsozialisten zwei Gesetze erlassen, die die systematische Entrechtung und Ausstoßung u.a. der jüdischen Rechtsanwälte aus ihrem Beruf zum Ziel hatten:
- das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und
- das Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft
Rechtsanwälte und Beamte, die bereits am 1.8.1914 als Beamte oder Rechtsanwälte tätig oder Frontkämpfer waren, oder die Väter oder Söhne hatten, die im Weltkrieg gefallen waren, waren zunächst von den Bestimmungen ausgenommen. Diese Bestimmungen wurden jedoch mit dem Reichsbürgergesetz vom 15. September 1935 (den sog. „Nürnberger Gesetzen“) verschärft (Erlass des Reichsministers des Innern über die Beurlaubung der jüdischen Beamten vom 30.9.1935). „(A)ufgrund der 5. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 27.September 1938 endete dann die Zulassung der letzten Rechtsanwälte jüdischer Herkunft.“ (Gerhard Jungfer, Gedenkrede, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Anwaltsblatt 1/89, S. 10-14). „Ganz wenige (knapp 50 in Berlin) wurden als sog. ‚Rechtskonsulenten’ für die Vertretung jüdischer Bürger zugelassen.“ (ebda.)

(2) Die Olympischen Sommerspiele 1936 wurden vom 1. bis 16. August 1936 in Berlin ausgetragen.

(3) Großbritannien verfolgte eine strikte Einwanderungspolitik. „(Die) Einreise wird nur dann erlaubt, wenn entweder ausreichend Kapital oder finanzielle Bürgen (oftmals die britisch-jüdischen Hilfsorganisationen) vorhanden sind oder eine Arbeitserlaubnis existiert. Letztere wird jedoch nur erteilt, wenn dadurch keinem Briten ein Nachteil entsteht. ( ) Erst nach dem Novemberpogrom kommt es zu einer vorrübergehenden Lockerung der Einreisebedingungen. Etwa 40.000 Menschen finden in den folgenden Monaten Zuflucht in Großbritannien, darunter fast 10.000 Kinder und Jugendliche, die mit den „Kindertransporten“ ins Land kommen. ( „Geschlossenen Grenzen, Die Internationale Flüchtlingskonferenz von Evian 1938 Ausstellungskatalog, S. 197 f.)

(4)Das Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden vom 30.4.1939 stellte einen weiteren massiven Eingriff in das Leben jüdischer Menschen dar. Sie wurden gezwungen, ihre vertraute Umgebung zu verlassen und in beengte sog. „jüdische“ Häuser oder Einrichtungen der jüdischen Gemeinden zu ziehen. Die Unterbringung älterer Jüdinnen und Juden in Altersheimen (Zwangsaltenheimen), in denen die Lebensbedingungen desolat waren, diente dem NS-Unrechtsstaat der Konzentration der jüdischen Menschen an einem Ort zur weiteren Deportation.

(5) Als Deportationsadresse ist die Artilleriestr. 31 angeben. Hierbei handelt es sich um das Gemeindehaus der Gemeinde Adass Jisroel, das ab 1942 zur Sammelstelle für Deportationen wurde.


Biografische Zusammenstellung

Margit Nowak

Weitere Quellen

Häftlingsliste des Lagers Theresienstadt Datensatznummer 4884386
Memorial Book Theresienstadt Terezin Initiative, Academia Verlag, Prag 2000