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Marianne Pese

Stolperstein für Marianne Pese, Foto: OTFW
VERLEGEORT
Bürknerstraße 16

BEZIRK/ORTSTEIL
Neukölln – Neukölln
VERLEGEDATUM
26.11.2018

GEBOREN
22.04.1924 in Berlin
FLUCHT
15. Juli 1939 England
ÜBERLEBT

Ella Pese kam am 9. Dezember 1896 als zweites Kind von Louis Wittenberg und seiner Frau Rosa, geb. Kessel, in Berlin am Kottbusser Damm 7 zur Welt. Ihr Vater war 1888 aus Tilsit / Ostpreußen nach Berlin gekommen.
Er wohnte zunächst in der Grenadierstr. 20 im Scheunenviertel und heiratete Rosa Kessel, eine gebürtige Berlinerin. Im selben Jahr gründete er in Kreuzberg am Kottbusser Damm 7 eine Manufaktur und Weißwarenhandlung, die 50 Jahre lang an diesem Standort erfolgreich geführt werden sollte. Nach dem Tod des Vaters 1919 führte Ellas Schwester Gertrud, geboren 1891, zusammen mit ihrem Ehemann Hans Liepmann die Firma weiter.
Ella indes heiratete den Kaufmann Hans Pese, geboren am 9. Februar 1893 in Berlin, der seit 1907 mit seinem Bruder Leo Pese am Kottbusser Ufer 39-40 (heute Paul-Lincke-Ufer) eine Darmhandlung betrieb. Am 22. April 1924 wurde die gemeinsame Tochter Marianne Rose Pese geboren. Damals lebte die Familie in Neukölln, in der Bürknerstr. 16, schräg gegenüber vom Kottbusser Damm 7. Das Geschäft florierte, sodass die Familie Mitte der 1930er Jahre in den Westteil der Stadt, zunächst nach Charlottenburg, dann nach Wilmersdorf in eine Vierzimmerwohnung in der Sächsischen Str. 20, ziehen konnte.
Wegen der zunehmenden Bedrohung und Verfolgung setzten die Eltern Ella und Hans Pese alles daran, ihr Kind Marianne in Sicherheit zu bringen. Deswegen schickten sie Marianne auf die Jüdische Privatschule Dr. Leonore Goldschmidt in Berlin-Schmargendorf am Hohenzollerndamm. Die Kinder erhielten dort muttersprachlichen Englischunterricht, um ihnen die Emigration zu erleichtern. 1937 besuchten 520 Schüler und Schülerinnen diese Schule, die 1939 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Frau Dr. Goldschmidt konnte kurz darauf nach England emigrieren, sie kehrte nie wieder nach Deutschland zurück.
Es gelang Ella und Hans Pese am 19. Juli 1939 ihre 15-jährige Tochter mit einem Kindertransport nach England ausreisen zu lassen. Im gleichen Jahr musste das Ehepaar die Wohnung in Wilmersdorf aufgeben und in die Neanderstr. 38 (heute Heinrich-Heine-Straße) im Bezirk Mitte ziehen.
Bereits 1938 wurde die Firma der Gebrüder Pese am Kottbusser Ufer gegen den Willen der Eigentümer liquidiert und Hans Pese später zur Zwangsarbeit bei der Firma „Akkumulator Fabrik Karl Pfalzgraf“ in der Chausseestr. 36 verpflichtet. Am 22. Juni 1941 wurde das Ehepaar Pese gezwungen, in ein sogenanntes „Judenhaus“ zu ziehen. Zusammen hatten sie nun lediglich ein teilmöbliertes Zimmer bei Herrn Dr. Jakobi in der Wiener Str. 15 in Kreuzberg. Am 15. März 1942 mussten Hans und Ella Pese die Vermögenserklärung ausfüllen. Sie besaßen nur noch wenige Haushaltsgegenstände, kaum Kleidung und ein Barvermögen von 215 RM.
Am 28. März 1942 wurden Hans und Ella Pese zusammen mit 973 anderen Berliner Juden in das Ghetto Piaski im Südosten Polens deportiert. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.
Die Tochter Marianne Pese wanderte von England später nach Kanada aus und stellte mehrere Wiedergutmachungsanträge. Es ist beschämend, wie ungerecht und unmenschlich die Antragsteller behandelt wurden: 19 Jahre zog sich das Verfahren hin, in dessen Verlauf Marianne Pese immer wieder aufgefordert wurde, schriftliche Belege über die Vermögenssituation ihrer Eltern beizubringen. Man forderte beispielsweise von ihr, die sich im Alter von 15 Jahren nach England gerettet hatte, Geschäftsunterlagen ihrer Eltern an.
Auch viele andere Familienangehörige wurden Opfer der Shoah. So sind alle Geschwister von Hans Pese ebenfalls deportiert und ermordet worden: Der Bruder und Geschäftspartner Leo Pese, der mittlere Bruder Willi Pese mit Familie und die jüngste Schwester Rosa Dobrin, geb. Pese. Stolpersteine für die Familie von Willi Pese wurden bereits 2016 in Neukölln verlegt.
Auch Ella Peses Schwester Gertrud Liepmann, geb. Wittenberg, wurde zusammen mit ihrem Mann Hans Liepmann, der Tochter Eva und deren Ehemann Werner Rosenthal nach Auschwitz deportiert und ermordet.


Biografische Zusammenstellung

Monika Hui und Barbara Schneidewind (21.5.2018)

Weitere Quellen

Bundesarchiv Gedenkbuch
Bundesarchiv Ergänzungskarten Volkszählung am 17.5.1939
Transportliste XI. Transport nach Piaski vom 28.3.1942
Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, OFP Akten
Landesarchiv Berlin, WGA Datenbank
Datenbank im Internet: Jüdische Gewerbetreibende in Berlin 1930-1945
Berliner Adressbücher 1893-1940
Berliner Telefonbücher 1925-1940
Wikipedia: Eintrag über die Jüdische Privatschule Frau Dr. Leonore Goldschmidt in Berlin Schmargendorf
Wikipedia: Eintrag über das Vernichtungslager Belzec
Privates Familienarchiv: Tagebuch von Erich Kessel aus Berlin