Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Lucie Ballhorn

VERLEGEORT
Münchener Str. 40

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
06.07.2019

GEBOREN
27.11.1916 in Berlin
BERUF
Verkäuferin
DEPORTATION
am 14.10.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
08.12.1943 in Auschwitz

Ihre Eltern waren Hedwig und Gustav Ballhorn, ihre Brüder hießen Hans, Herbert und Max. Sie alle überlebten den Holocaust: Max emigrierte bereits 1933 nach Palästina, die Eltern und der Bruder Herbert folgten ihm 1936 nach Palästina, der Bruder Hans floh 1938 in die USA.

Lucie Ballhorn wollte zunächst nicht mit Hans emigrieren, mit dem sie bis zu dessen Emigration zusammenlebte; als sie später ihre Meinung änderte, bekam sie kein Visum mehr.

Eventuell lebte sie mit ihrem Bruder in der Berkaer Straße 31–35, einem jüdischen Altersheim, das wohl auch jüngere Personen beherbergte. Zumindest war sie vom 1. Oktober 1937 bis zum 31. Juli 1939 dort gemeldet.

Sie zog dann zu ihrer Tante Grete Seelig, die in der Münchener Straße 40 wohnte. Dort lebten beide bis zum 15. Januar 1943. Dann tauchten sie nach einer Warnung eines Freundes unter.

Hilfe bekamen sie durch den Kreis um Otto Weidt, der die Blindenwerkstatt in Berlin-Mitte leitete. Grete Seelig hatte Hedwig Porschütz kennengelernt, die in engem Kontakt mit Otto Weidt stand, der für Lucie Ballhorn und ihre Tante Werkausweise für die Blindenwerkstatt besorgte.

Otto Weidt brachte Grete Seelig zunächst in einem Lager seiner Bürstenfabrikation unter. Ob Lucie Ballhorn sich dort auch verstecken konnte, ist nicht bekannt. Nachdem die Situation für Grete Seelig dort unhaltbar geworden war, konnten die beiden Frauen sich in der Wohnung von Hedwig Porschütz in der Alexanderstraße 5 in Berlin Mitte verstecken. Dort lebten insgesamt vier untergetauchte Juden auf engstem Raum. Da die illegal Lebenden vom Lebensmittelkartenbezug ausgeschlossen waren, wurden sie von Hedwig Porschütz versorgt. Außerdem übernahm sie die Luftschutzkontrolle ihres Hausaufgangs. Bei Fliegerangriffen mussten die Untergetauchten zwar in der Wohnung bleiben, liefen aber dadurch nicht in Gefahr, durch einen Luftschutzwart entdeckt zu werden.

Der Aufenthalt war trotz Hilfe gefährlich. Dies wurde allen Beteiligten am 18. März 1943 bewusst, da an diesem Tag die Gestapo auf der Suche nach untergetauchten Juden in das Haus eindrang. Sie hatten Glück und wurden nicht entdeckt. Allerdings zwang dieser Zwischenfall die Untergetauchten, nach anderen Verstecken zu suchen. Hedwig Porschütz versorgte die beiden Frauen wie auch andere weiter mit Lebensmitteln und riskierte damit viel.

Nach einem Streit mit ihrer Tante verließ Lucie Ballhorn das gemeinsame Versteck und wurde daraufhin von der Gestapo verhaftet.

In ihrer Vermögenserklärung beim Oberfinanzpräsidenten vom 9. Oktober 1943 gab Lucie als letzte Meldeanschrift die Münchener Str. 40 an, Ihre Tante, die den Holocaust überlebte, bestätigte dies mit einem Schreiben an die Berliner Entschädigungsbehörde vom 26. Juni 1956.

Lucie Ballhorn wurde mit dem „44. Osttransport von Berlin“ am 14. Oktober 1943 nach Auschwitz deportiert. Aus Namenslisten von verstorbenen weiblichen Häftlingen des KZ Auschwitz-Birkenau vom 10./11.Dezember 1943 geht hervor, dass Lucie dort am 8. Dezember 1943 ermordet wurde.


Biografische Zusammenstellung

Koordierungsstelle Stolpersteine des Museums Tempelhof-Schönberg

Weitere Quellen

Kain, Robert, Otto Weidt. Anarchist und „Gerechter unter den Völkern“, Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Reihe A: Analysen und Darstellungen, Band 10, Berlin 2017, S. 295-298, 418-420.
Tuchel, Johannes, Hedwig Porschütz. Die Geschichte ihrer Hilfsaktion für verfolgte Juden und ihre Diffamierung nach 1945, Berlin 2010, S. 43-45.
Lucies Nichten Jehudit Gur Arye, Esther Haviv, Susan Newmark und Linda Ludwig
sowie ihr Neffe Gershon Ballhorn
FU Berlin, Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung

Institut für Antisemitismusforschung der TU Berlin; Verzeichnis der untergetauchten Juden.

www.statistik-des-holocaust.de - Deportationslisten