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Edith Jacob (geb. Bernstein)

Stolperstein Edith Jacob Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka
VERLEGEORT
Badensche Str. 21

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
01.06.2017

GEBOREN
24.03.1910 in Berlin
DEPORTATION
am 21.03.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Edith Jacob geb. Bernstein
Geboren wurde Edith Bernstein am 24. März 1910 in Berlin. Ihr Vater Max Bernstein war Bankbeamter, arbeitete jedoch später als Kaufmann. Mutter Elisabeth (geb. Hess) war bei der ihrer Heirat »ohne Beruf«. Edith war das einzige Kind der Familie, sie hatte keine Geschwister. Als Tochter jüdischer Eltern war auch Edith jüdischer Konfession.

Edith Bernstein besuchte von 1916 bis 1929 das Hohenzollern-Oberlyzeum in Berlin und wollte nach der Reifeprüfung gerne »Sprachen im Ausland erlernen« – so ein Vermerk in ihrem Reifezeugnis. Diesen Wunsch konnte sie jedoch durch die angespannte finanzielle Situation ihrer Eltern nicht verwirklichen. Denn ihr Vater und ihre Mutter waren bereits aus Alters- oder Krankheitsgründen nicht mehr berufstätig. Stattdessen immatrikulierte Edith sich zum Wintersemester 1930 für das Studium der Zahnmedizin an der (damaligen) Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Bis zu ihrer Heirat war sie noch bei den Eltern in deren Wohnung in Berlin-Charlottenburg gemeldet und wohnte auch dort, mit Ausnahme ihrer Studienzeit in Münster. An der Universität Münster immatrikulierte sie sich am 2.
November 1932, im sechsten Fachsemester in Medizin. Im Dezember 1933 bestand sie in Münster das zahnärztliche Staatsexamen mit dem Prädikat »gut«.

Edith Bernstein heiratete am 22. August 1935 Hugo Jacob, der ebenfalls jüdischen Glaubens war und gemeinsam mit Edith in Münster Zahnmedizin studierte. Nach dem Studium lebte das Paar in Berlin. Am 13. August 1939 wurde die gemeinsame Tochter Tana Jacob geboren.

Am 7. November 1941 wurde Edith Jacob zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet. Um weiterer Verfolgung, insbesondere einer drohenden Deportation zu entkommen, konvertierte Edith Jacob 1942 zum katholischen Glauben. Dies hatte jedoch nicht den gewünschten Erfolg: Im Februar 1943 wurde sie zusammen mit ihrer damals dreijährigen Tochter verhaftet und am 17. Mai 1943 gemeinsam mit Ehemann Hugo und Tochter Tana nach Auschwitz-Birkenau deportiert. In der Zeit zwischen Verhaftung und Deportation mussten sich Mutter und Tochter im Sammellager »N4« in der Große Hamburgerstraße 26 in Berlin aufhalten.

Sammellager waren meist die Lager, in die die Häftlinge nach ihrer Abholung oder Meldeaufforderung kamen. Oft waren die Lager ein erster Schritt auf dem Weg zur Ermordung durch die Nationalsozialisten. So dienten die Sammellager einerseits zur Vorbereitung von Deportationen der Häftlinge, andererseits fand dort der verwaltungstechnische Ausschluss der Häftlinge aus der Gesellschaft statt. Sie verloren die Staatsbürgerschaft und ihr Vermögen.

Das Sammellager Große Hamburger Straße war vor seiner Funktion zur Verfolgung und Deportation von Juden und Jüdinnen ein Altenheim der Jüdischen Gemeinde Berlin.
Das Heim ist Teil der Fürsorge durch die Gemeinde, die – in der Stadt verteilt – weitere Heime unterhielt. Es diente als wohltätige Einrichtung, in der bedürftige Gemeindeangehörige ihren Lebensabend verbrachten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erschwerten sowohl – besonders finanzielle – Einschränkungen als auch die wachsende Anzahl Hilfsbedürftiger den Betrieb der Einrichtung. Das Heim wurde zwar bis 1942 in seiner ursprünglichen Funktion betrieben, die Situation hatte sich jedoch deutlich zum Zustand vor 1933 verschlechtert.

Im Juni 1942, als die Transporte nach Theresienstadt begannen, wurde das Altenheim zum Sammellager umgewandelt. Zu diesem Zeitpunkt lebten etwa 180 bis 200 Bewohner, die erst kurze Zeit zuvor, teilweise wegen der Räumung anderer Heime eingezogen waren, in dem Altenheim. Sie waren – genauso wie vier Pflegerinnen – die ersten Opfer der Deportationen. Anschließend wurde das Altenheim zu einer Sammelstelle beziehungsweise einem Durchgangslager für die Alterstransporte mit Juden und Jüdinnen über 65 Jahren von Berlin nach Theresienstadt. Zwischen November 1942 und März 1943 wurde die Praxis der Deportationen in Berlin radikalisiert. Opfer wurden zunehmend jüngere Juden und Jüdinnen. Die Inhaftierten wurden auf offener Straße aufgegriffen oder überraschend zuhause abgeholt, ihnen stand deutlich weniger Platz zur Verfügung, sie mussten zum Teil auf Stroh oder bloßem Boden schlafen. Deportationen fanden schließlich auch nach Auschwitz statt. Mit dem Ziel, alle noch im Reich befindlichen Juden und Jüdinnen zu deportieren, nahmen die Zahl der vorübergehend Inhaftierten und die Anzahl der Osttransporte zu. Im Juni 1943 wurde die Jüdische Gemeinde Berlins offiziell aufgelöst. In den Transporten befanden sich weniger Häftlinge. Am 1. März 1944 zog das Sammellager Große Hamburger Straße auf das Gelände des Jüdischen Krankenhauses in der Iranischen Straße im Berliner Stadtteil Wedding. Dort bestand es bis zum Ende des Krieges.

Edith, Hugo und Tana Jacob wurden am 17. Mai 1943 vom Bahnhof Putlitzstraße in Ber- lin-Moabit deportiert. Der Transport war die 38. Deportation von Jüdinnen und Juden in Ghettos und Konzentrationslager im Osten Europas von Berlin aus. Aus diesem Grund wurde der Zug 38. Osttransport benannt. Neben der jungen Familie Jacob wurden 403 weitere Menschen mit dem Transport deportiert. Sie alle waren zuvor in verschiedenen Sammellagern in der Stadt inhaftiert und mussten dort ihr Einverständnis zum Transport unterschreiben. Die Deportation fand in verschlossenen Viehwaggons statt, wahrscheinlich nahm der Zug eine Route über Wroclaw und Katowice. Zwei Tage nach Abfahrt kam der Transport im Lager Auschwitz-Birkenau an.

Laut der Historikerin Danuta Czech kam am 19. Mai 1943 ein Zug mit 1.000 Juden und Jüdinnen in Birkenau an, von denen 80 Männer und 115 Frauen zur Arbeit selektiert wurden. Die anderen fast 800 Menschen wurden direkt in den Gaskammern ermordet. Da Frauen mit kleinen Kindern in der Regel direkt zur Ermordung in den Gaskammern selektiert wurden, ist davon auszugehen, dass Edith Jacob und ihre Tochter Tana kurz nach der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau getötet wurden.

Die Historikerin Rita Meyerhoefer berichtet von fünf Personen, die mit dem gleichen Zug wie Edith, Hugo und Tana Jacob deportiert wurden und Ausschwitz überlebt haben. Edith Jacobs Eltern wurden am 19. April 1943 – einen Monat vor ihrer Tochter – nach Auschwitz deportiert und dort ebenfalls ermordet.

Edith Jacob war kein Opfer der NS-Strukturen an der Westfälischen Wilhelms-Universität: Sie konnte ihr Studium 1933 mit dem Staatsexamen abschließen. Obwohl sie durch den Wechsel der Glaubensrichtung versuchte, der Verfolgung zu entgehen, wurde sie spätestens 1941 durch den Reichsarbeitsdienst zum Opfer der NS-Gewaltherrschaft. Es ist möglich, allerdings nicht mehr nachzuvollziehen, dass Edith Jacob bereits in Münster mit Einschrän- kungen aufgrund ihrer Konfession leben musste. Mit ihrer Deportation und Ermordung in Auschwitz-Birkenau wurde ihre Familie ausgelöscht. Ihre Spuren sind heute kaum noch zu finden.


Diese Kurzbiografie wurde verfasst von Sina Resch, 2017
http://www.flurgespraeche.de/edith-...
veröffentlicht auch in: Happ, Sabine, Jüttemann, Veronika (Hgg.): „Es ist mit einem Schlag alles so restlos vernichtet“. Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Münster (Veröffentlichungen des Universitätsarchivs Münster, 12), Münster 2018.

Biografische Zusammenstellung

Text und Recherche Sina Resch, 2017

Weitere Quellen

Quellen:
Archive:
Universitätsarchiv Münster: Bestand 51, Album der Medizinischen Fakultät

Literatur:
Jah, Akim: Die Deportation der Juden aus Berlin. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik und das Sammellager Große Hamburger Straße, Berlin 2013

Internet:
http://www.flurgespraeche.de/hugo-j...
Zugriff: 15.2.2017
http://yvng.yadvashem.org/nameDetai... ind=5
Zugriff: 15.2.2017
https://www.berlin.de/ba-charlotten..., Zugriff: 15.2.2017
http://db.yadvashem.org/deportation...,
Zugriff: 15.2.2017

Auskünfte von Michael Dimitrijevic, ehemals Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, 24.1.2017.

Deportationslisten