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Siddy Wronsky (geb. Neufeld)

Stolperstein Siddy Wronsky, Bild: H.-J. Hupka
Foto: Ayana Halpern
VERLEGEORT
Barstr. 23

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
23.10.2019

GEBOREN
20.07.1883 in Berlin
BERUF
Lehrerin
FLUCHT
1933 Palästina
ÜBERLEBT

Siddy Wronsky wurde als Sara Sidonie Neufeld am 20. Juli 1883 in Berlin geboren. Sie lebte bei ihren Eltern, Max Moses Neufeld und Thekla Neufeld, geb. Kleinmann. Die Familie wohnte in Berlin-Moabit in der Levetzowstraße 21. Die Mutter verstarb 1899 und der Vater 1931, beide wurden auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee begraben. Die Familie Neufeld war eine alteingesessene Berliner jüdische Familie mit sieben Kindern, davon vier Mädchen und drei Knaben. Von den Geschwistern konnten leider nur zwei ausfindig gemacht werden. Die Schwester Hertha, geboren 1875, war die Geschäftsführerin der Jüdischen Kinderhilfe e.V. in der Auguststr. 14/15 in Berlin. Sie verließ Berlin 1938 und folgte ihrer Schwester nach Palästina. Sie lebte dort bis 1956 und zog dann zu ihrem Bruder Hans nach London, wo sie 1975 verstarb. Bruder Hans, der jüngste unter den Geschwistern, wurde am 22. Juli 1890 geboren. Er studierte Rechts- und Staatswissenschaft und promovierte 1913 zum Dr. jur. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg, wurde zweimal verwundet und erhielt das Eiserne Kreuz.
Er machte einen schnellen Aufstieg in der Regierung und wurde 1925 zum Oberregierungsrat ernannt. Er war zuständig für Währungsreform, Aufwertung, Subventionen und Reform des Bankgesetzes. Große Anerkennung erfuhr er durch Reichspräsident Hindenburg. 1929 wurde er in das Preußische Ministerium für Handel und Gewerbe als Ministerialrat für Handelspolitik, Börsen und Kreditwesen versetzt und ab 1930 war er Staatskommissar bei der Berliner Börse. 1933 erfolgte die Versetzung in den Ruhestand. Er emigrierte nach London, wo er als Rechts- und Finanzberater arbeitete. Er verstarb 1980 in London.
Siddy Neufeld legte 1903 ihr Lehrerinnenexamen ab und unterrichtete geistig behinderte Kinder. Sie arbeitete ehrenamtlich in der Wohlfahrtspflege und gründete 1907 einen Verein für soziale Hilfsarbeit für Mädchen und Frauen. Sie absolvierte ein Aufbaustudium für Heil- und Sonderpädagogik. Am 29. Mai 1909 heiratete sie Eugen Wronsky aus Berlin Schöneberg, der im schlesischen Grünberg (Zielona Góra) am 19. September 1864 geboren worden war. Seine Eltern waren Julius Wronsky und seine Ehefrau Selma, geb. Abraham, ebenfalls wohnhaft in Schöneberg. Im Januar 1910 veröffentlichen Eugen und Siddy Wronsky die 4. Auflage des „Graubuchs“, das schon seit 1908 in Bearbeitung war. Siddys Engagement in der Zentrale für private Fürsorge geht auf das Jahr 1906 zurück, als sie die Abteilung „Archiv für Wohlfahrtseinrichtungen“ der Zentrale übernahm, lange bevor sie nach dem Tod Dr. Albert Levys die Geschäfte offiziell führte. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs verstärkten sich Wronskys publizistische, praktische und organisatorische Aktivitäten. Im August 1914 wurde sie in den Vorstand des Nationalen Frauendienstes gewählt, dem sie bis 1919 angehörte. 1916 wurde sie in die Kommission zur Beratung des Aufbaus eines Wohlfahrtsamtes der Stadt Berlin kooperiert; 1919 bekam sie die ehrenamtliche Geschäftsführung der Berliner Frauen-Wohlfahrtsstellen übertragen und wurde in den Hauptausschuss des Deutschen Vereins gewählt. Nach Kriegsende hatte sie das Jüdische Volkshaus e.V. in der Dragonerstraße kennengelernt, wo sie auch Waisenhausgründer Dr. Siegfried Lehmann traf. Sie wurde Mitglied seines Freundeskreises. Während der Arbeit im Jüdischen Volkshaus fand Siddy Wronsky zu ihren jüdischen Wurzeln. So befand Regina Schächter in „Jüdische Sozialarbeit im Berlin der zwanziger Jahre“.
Im April 1925 erschien in Berlin die erste Nummer der Fachzeitschrift für Wohlfahrtspflege. Die Titelseite der Monatsschrift trägt die Namen von zwei Herausgebern, den des Ministerialrates im Reichsarbeitsministerium Dr. Oskar Karstedt und den von Siddy Wronsky. Bis zu ihrer Emigration 1933 erschienen mehrere Lehrbücher, immer in Verbindung mit der Wohlfahrtspflege. 1921 erschien in Zusammenarbeit mit Alice Salomon der „Leitfaden zur Wohlfahrtspflege“, 1928 in der 3. Auflage. 1925 verfasste Siddy Wronsky einen Überblick über internationale Wege und Methoden der sozialen Ausbildung in sechs europäischen Ländern und in den USA. Anlässlich der 1. Internationalen Konferenz für Sozialarbeit in Paris im Jahr 1928 und der 2. Internationalen Konferenz in Frankfurt am Main 1932 ging Siddy Wronsky ausführlich auf die Ausbildung in Deutschland und im Ausland ein. Nach dem Tod von Eugen Wronsky am 23. Juni 1929 zog sie von Schöneberg nach Wilmersdorf in die Barstraße 23. Von hier verließ sie 1934 ihre Geburtsstadt Berlin und auf kleinen Tagebuchblättern kann man folgende Zeilen lesen: „Bei der Durchreise in Frankfurt am Main B.O. (Bertha Oppenheim) gesprochen …“ Sie fährt fort: „In Basel verlässt der Zug die Deutsche Heimat, die Türme der Rheinstadt wecken die Erinnerung an die Tage, an denen hier die Grundlage der Heimstätte Erez Israel geschaffen wurden.“
Am 14. September erreichte sie Haifa. Ihre sozialen Arbeiten führte sie weiter. Als Siddy Wronsky am 8. Dezember 1947 – wenige Monate vor der Gründung des Staates Israel – starb, lag ein arbeitsreiches Leben hinter ihr. Wegen der Unruhen im Land konnte sie nicht angemessen bestattet werden. Ihre Grabstelle auf dem Friedhof auf dem Ölberg war zwanzig Jahre lang nicht bekannt. Als sie 1968 schließlich gefunden wurde, ehrte der Staat Israel die Verstorbene mit einer Feier und setzte ihr mit einem Grabstein, dessen Inschrift sie als „Gründerin der Sozialarbeit in Erez Israel“ bezeichnet, ein bleibendes Denkmal.


Biografische Zusammenstellung

Recherche und Text: Siegfried Dehmel

Weitere Quellen

- Gertrud Heitz „Siddy Wronsky, Pionierin Sozialer Arbeit“ Hrsg. Leo Baeck Institut
- Regina Schächter „Jüdische Sozialarbeit im Berlin der zwanziger Jahre“
- DIZ – Jubiläumszeitschrift 100 Jahre Deutsches Sozialinstitut