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Prof. Leo Fernbach

VERLEGEORT
Wilhelmshöher Str. 24

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
06.12.2019

GEBOREN
18.01.1859 in Berlin
BERUF
Mathematik- und Physikprofessor
DEPORTATION
am 03.10.1942 nach Theresienstadt
ERMORDET
in Theresienstadt

Prof. Dr. Leo Fernbach wurde am 18. Januar 1859 als Sohn des Leihbibliothekars David Fernbach und der Henriette Salomon in Berlin geboren.
Nach dem Abitur studierte er bis 1882 in Berlin Mathematik und Physik mit dem Abschluss pro facultate docenti.
Er unterrichtete nach Abschluss seines Studiums zuerst in Frankfurt an der Oder und später in verschiedenen Berliner Gemeinde- und Oberrealschulen. Seit 1900 war er auch an der jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt für die Fächer Physik und Chemie tätig. 1887 promovierte Leo Fernbach aufgrund einer mathematischen Dissertation zum Dr. Phil in Halle.Im Januar 1906 wurde er zum Professor ernannt.
Bis zur Pensionierung im Jahre 1924 war er in Berlin als Oberlehrer angestellt.
1888 heiratete er mit 29 Jahren die aus Hultschin/Schlesien stammende, ein Jahr ältere Amalie, geborene Guttmann. Ihre Kinder Ernst, Ruth, Anne und Hans wurden in den Jahren 1888 bis 1893 Jahren geboren. 1906 wurden Amalie und ihre Kinder in der Kirche Zum Guten Hirten in Berlin-Friedenau getauft. Außer Ernst Fernbach blieben die anderen Kinder von Leo und Amalie ledig und hatten keine Kinder.
Leo Fernbach wohnte mit seiner Frau Amalie Fernbach seit 1915 bis zur Deportation im Jahre 1942 in der Wilhelmshöher Str. 24, Hochparterre rechts in Friedenau. In dieser Wohnung lebten auch die beiden Töchter der Familie, Anna und Ruth Fernbach. Die Söhne der Familie, Ernst und Hans Fernbach arbeiteten und lebten auch außerhalb von Berlin, in Pirna und Leipzig.
Ernst Fernbach, geboren 1888 in Berlin, heirate 1920 in der evangelischen Jacoby Kirche in Berlin Kreuzberg Lilly Linders und lebte seit 1923 mit den Neugeborenen Zwillingen namens Linders und Inge in Pirna nahe Dresden. Dort war er als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer tätig. Die Familie führte bis zur Machergreifung der Nazis ein glückliches Leben ohne große Sorgen.
Ab 1933 konnte er seinen Beruf wegen des Berufsverbots jüdischer Selbständiger/Unternehmer nicht voll ausüben und die finanzielle Existenz seiner Familie wurde schrittweise zerstört. Seine Kinder wurden als Juden beschimpft und ausgegrenzt.
1935 wurde er bei einem Besuch eines jüdischen Lokals in Dresden von der Gestapo aufgegriffen und tagelang verhört und misshandelt. Schon in sehr schlechter gesundheitlicher Verfassung reiste er im November 1936 für einen der wenigen beruflichen Aufträge nach Berlin. Er starb am 6. Dezember 1936 im Alter von 48 Jahren in einem Berliner Krankenhaus.
Er hatte nicht die Möglichkeit gehabt seine Nierenerkrankung behandeln zu lassen. Es fehlten die finanziellen Mittel für die notwenige Behandlung. Seine Tochter Inge Fernbach-Rabe schreibt in Ihrem Buch„ Die NS Gesetze/Verordnungen haben meinen Vater ermordet“.
Nach dem Tod von Ernst Fernbach lebte seine Frau und seine beiden Kinder noch ein halbes Jahr in der Wilhelmshöher Str. 24. Dann zog Lilly, eine „Arierin“ im Sprachgebrauch der Nazis, mit den Zwillingen in ihre Heimatstadt Cuxhaven, da sie dort eher eine Möglichkeit sah, eine Erwerbstätigkeit zu finden. Sie überlebten dort die Jahre bis 1945 trotz Schikanen und Behinderungen, denen sie als „rassisch Ungleichwertige“ ausgesetzt waren. Die Kinder Linders und Inge wanderten 1947und 1955 in die USA aus.
Ruth Fernbach die erste Tochter von Leo und Amalie Fernbach, absolvierte nach dem Abitur den Lehrkurs des städtischen Lehrerinnenseminars mit Erfolg und bekam die Befähigung zum Unterrichten an mittleren- und höheren Mädchenschulen. Anschließend erhielt sie eine Ausbildung als Musiklehrerin am Institut für Kirchen -und Schulmusik in Berlin Charlottenburg.
Die Familie hat gerne zusammen musiziert. Ruth hat gesungen, Vater Leo Geige, Hans Cello und Anne Klavier gespielt.
Nachdem Ruth bei verschiedenen Schulen in Friedenau und Schöneberg 23 Jahre lang gearbeitet hatte, zuletzt war sie an der 6. Gemeinde-Schule in Schöneberg tätig, wurde sie am 22. April 1933 aufgrund des „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus rassistischen Gründen vom Schuldienst beurlaubt und später zwangspensioniert. Die Schule wurde im Krieg zerstört. An gleicher Stelle befindet sich heute das Schöneberger Jugendzentrum „ Weiße Rose“.
Anna Fernbach war ausgebildete Säuglingskrankenschwester und lebte wie ihre Schwester Ruth bei den Eltern. Sie besuchte neugeborene Kinder bei den Familien zu Hause. Beide Schwestern mussten ab Oktober 1941 Zwangsarbeit leisten.
Nachdem ihre Eltern und ihr Bruder Hans im Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden, mussten sie die Wohnung in der Wilhelmshöher Str. 24 verlassen. Ihre Adressen waren danach für eine kurze Zeit das sogenannte Judenhaus in der Bozener Straße 9 in Schöneberg. Sie wurden am 12. Januar 1943 von dort nach Ausschwitz deportiert.
Der jüngste Sohn, Hans Fernbach, war Kinderarzt. Er war an der Kinderklinik der Universität Leipzig beschäftig und forschte als beamteter Assistenzarzt auf der Tuberkulosestation. Er veröffentlichte mehrere wissenschaftliche Beiträge zum Thema der Tuberkulose bei Kindern.
Hans Fernbach erkrankte berufsbedingt an einer cavernösen Tuberkulose und wurde 1931 zur Kur in die Schweiz beurlaubt. Nach Rückkehr aus der Kur 1933 erhielt er die Entlassung aus der Beamtenstellung und Zwangspensionierung aufgrund der sogenannten Ariergesetze. Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 verloren alle „nichtarischen“ Ärzte ihre Anstellungen im öffentlichen Gesundheitswesen, wie Universitäten, Krankenhäuser oder Verwaltung.
Über die Hälfte der 1933 tätigen Kinderärzte in Deutschland waren davon betroffen. Das NS-Regime nahm Ihnen Beruf, Titel, Lebensart, Würde und nicht wenigen das Leben.
Hans Fernbach lebte weiterhin in Leipzig und versuchte nach den uns bekannten Unterlagen durch Praxisvertretungen bei seinem Freund Dr. Jakobson für seinen Unterhalt zu sorgen. Dr. Jakobsen konnte 1938 mit seiner Frau in die USA emigrieren.
Hans Fernbach blieb bei seinen alten Eltern und wurde mit Ihnen 1942 nach Theresienstadt deportiert. Wegen der elendigen Verhältnisse im Ghetto Theresienstadt starben seine Eltern nach einer kurzen Zeit hintereinander. Sie waren 83 und 84 Jahre alt. Hans Fernbach wurde am 23. Januar 1943 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert.
Inge Fernbach Rabe nach ihrer Emigration den USA. Sie ist Ende 2019 in Michigan im Alter von 95 Jahren friedlich eingeschlafen.
Sie hat ihre Kindheitserinnerungen in Deutschland aufgeschrieben und 2005 in USA als Buch mit dem Titel „Obstacles, Miracles, & Love“ veröffentlicht. Es ist vor allem ihr Verdienst, dass die Namen der Familie Fernbach vor dem Vergessen bewahrt wurden.
Inge Fernbach Rabe schreibt in Ihrem Buch:“ Kurz nach Kriegsende reiste Mama nach Berlin um nach Papas Familie zu suchen. Wir hatten nichts mehr von Ihnen seit Anfang der vierziger Jahre gehört. … Sie suchte die Wohnung von Großpapa und Großmama auf und einer Fremder öffnete die Tür. Mama fragte nach der Fernbachs Familie aber was der Fremde und die anderen Bewohner des Hauses erzählten, war das, dass keiner sie kannte. Aber ein Paar von Gegenüber, das sie gut gekannt hatte, erzählten Mama, was sie einige Jahre bevor beobachtet hatten. Papas Eltern und Onkel Hans waren spät am Abend von der Gestapo aufgegriffen worden und auf der Ladefläche eines Lastwagens weggebracht worden.
1952, kurz nach Ostern, sendete mir Mama eine Kopie eines Dokuments, das sie von derJewish Restitution Successor Organization, der Jüdische Restitutionsnachfolger-Organisation erhalten hatte.
Das Dokument bezeugte, dass Großpapa und Großmama und Onkel Hans mit dem 3. Alterstransport nach Theresienstadt gebracht wurden. Ruth und Anna wurden am 12. Januar 1943 mit dem 26. Ost Transport zu einem unbekannten Ziel gebracht. Das Dokument bescheinigt, es gab nichts, dessen sie sich schuldig gemacht hätten, außer dass sie der verfolgten Gruppe der Jüdischen Bürger angehörten. Obwohl wir das Schlimmste befürchtet hatten, waren wir schockiert über die Nachricht vom Ende von Papas Familie. Sie waren alles gute und ehrliche Menschen gewesen. Angesehene Bürger und Fachleute in ihren Berufen, die niemals jemanden verletzt haben.“


Biografische Zusammenstellung

Koordinerungsstelle Museum Tempelhof-Schöneberg
Özcan Ayanoğlu auf der Grundlage von seiner und Christiane Zieger-Ayanoğlu erstellten Broschüre „Familie Fernbach“ die unter dem o.g. Reiter "Material, Recherche, etc. und dann unter Dokumente" zu finden ist.

Weitere Quellen

www.statistik-des-holocaust.de,
Buch der Autorin: Inge Fernbach-Rabe: „Obstacles, Miracles & Love“ , 2005