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Bianka Silberstein

Stolperstein Bianka Silberstein Bild: Stolpertein-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf
VERLEGEORT
Fritschestr. 54

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
25.02.2020

GEBOREN
15.04.1909 in Berlin
FLUCHT
1939 England
ÜBERLEBT

Bianka Silberstein, später Bianca Spencer, wurde zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Martin am 15. April 1909 geboren. Exakt an diesem Tag feierte ihre große Schwester Meta ihren elften Geburtstag. Die Zwillinge standen sich Zeit ihres Lebens besonders nah. Bianka hatte noch zwei Brüder: Hermann, 1899 geboren, und Walter, 1901 geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Samuel Silberstein und seine Frau Ernestine, geb. Feibel. Die Familie zog kurz nach der Geburt der Zwillinge in eine komfortable 4-Zimmer-Wohnung in der Fritschestr. 54 in Charlottenburg. Das Familienleben wurde von den Kindern als harmonisch und eng bezeichnet. Die Silbersteins waren völlig assimilierte liberale Juden, die Religion spielte in der Familie nur eine untergeordnete Rolle.
Nach dem Abitur besuchte Bianka ein Handelsseminar und machte eine Spezialausbildung in „ausländischen Kurzschriften“. Ab April 1927 war sie bei M. Straus & Co, einer Zerstäuberfabrikation, angestellt. Das Gros der Ausbildung zur Auslandskorrespondentin absolvierte Bianka abends, parallel zu ihrer Berufstätigkeit. Sie blieb bei diesem Arbeitgeber, bis ihr wegen „Arisierung“ der Firma zum 31. Januar 1939 gekündigt wurde.
Im Arbeitszeugnis hieß es: „Die Entwicklung unseres Geschäftes zum Exportgeschäft gab Fräulein Silberstein Veranlassung, sich neben ihrer Geschäftstätigkeit intensiv dem Studium von Fremdsprachen zu widmen. In kurzer Zeit brachte sie es in Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch so weit, dass sie die Korrespondenz in diesen Sprachen nach Diktat aufnehmen und [bald danach] vollkommen selbständig führen konnte. Fräulein Silberstein hat dann [die Leitung der...] mit den Exportwegen zusammenhängenden Arbeiten, wie das Zusatzausfuhrverfahren, Abrechnung und Führung der Konten für die Golddiskontbank etc. [übertragen bekommen und] zu unserer vollsten Zufriedenheit ausgeführt.“ „[Sie war eine] stets angenehme Mitarbeiterin, die es auch verstanden hat, jederzeit dem ihr unterstellten und nebengeordneten Personal ein gutes Beispiel für Zuverlässigkeit, Fleiss und Pflichterfüllung zu geben.“
Zwillingsbruder Martin hatte schon 1933 seinen festen Arbeitsplatz verloren und kümmerte sich schon früh (1935) um eine Einreisegenehmigung in die USA. Mit Hilfe von Verwandten in den USA bekam er diese auch, blieb aber dennoch zunächst in Deutschland, vermutlich aus familiären Gründen (siehe Biografie Martin Silberstein). Schließlich flüchtete er 1938 mit seiner Frau zunächst in die Tschechoslowakei und von dort aus im Mai 1939 in die USA. Der älteste Bruder Hermann erlebte mit Vater Samuel am 10. November 1938 im Zusammenhang mit den Novemberpogromen einen brutalen Überfall auf sein im Berliner Konfektionsviertel gelegenes Damenbekleidungsgeschäft; er erlitt dabei so schwere Kopfverletzungen, dass er auf beiden Ohren ertaubte. Kurz später wurde er gezwungen, sein Geschäft zu schließen.
Bianka war sich daher sicher schon seit einiger Zeit bewusst, dass sie Deutschland so schnell wie möglich verlassen musste. In England bot sich die Möglichkeit, mit dem Nachweis einer Stellung als Haushaltshilfe eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen; Alternativen dazu gab es kaum. Die Vorbereitungen für die Auswanderung beschrieb Bianka später als extrem kompliziert und sehr nervenaufreibend.
Anfang 1939 musste Bianka noch miterleben, wie eines Tages die Gestapo vor der Wohnung stand und ihre Eltern ohne jegliche Erklärung mitnahm. Die Eltern kamen bald danach körperlich unversehrt zurück, aber von da an litt Bianka unter Albträumen.
Am 22. Februar 1939 meldete sich Bianka in Berlin ab. Mit der Abfindung ihres Arbeitgebers (1.536 RM) konnte sie die Reisekosten und den Transport einiger persönlicher Gegenstände finanzieren, vor allem ihrer geliebten Bibliothek.
Von April 1939 bis Ende 1940 arbeitete Bianka für eine kleine wöchentliche Vergütung als Hausangestellte in London. Viele „domestic workers“, selbst aus osteuropäischen Ländern, berichteten später davon, wie schockiert sie von dem niedrigen Lebensstandard in England waren (siehe auch die Biografien ihrer Brüder Martin und Hermann Silberstein). Was in der alten Heimat meist schon längst maschinell erledigt wurde, wie z.B. das Wäschewaschen, musste in England noch von Hand gemacht werden; daher auch der große Bedarf an Hausangestellten.
Bianka kam aus großbürgerlichen Verhältnissen; nun musste sie von einem Tag auf den anderen den Haushalt einer siebenköpfigen Familie führen. Neben Kochen, Putzen, Wäschewaschen und Bügeln gehörte auch das Kohletragen für die Zentralheizung und Warmwasserversorgung zu ihren Aufgaben. Es war harte körperliche Arbeit; vor allem das ungewohnte Tragen schwerer Lasten kostete die nur 1,54 Meter große Bianka ihre Gesundheit. Nur ein Vierteljahr nach ihrer Ankunft erlitt sie einen Bandscheibenvorfall. Obwohl sie unter unerträglichen Schmerzen litt, konnte es sich Bianka nicht leisten, sich in ärztliche Behandlung zu begeben; sie konnte es vor allem nicht riskieren, ihre Arbeit und somit die Aufenthaltserlaubnis in England zu verlieren.
Wie sie es schaffte, sich noch weitere eineinhalb Jahre so den Lebensunterhalt zu verdienen, ist kaum nachvollziehbar. Ihre Arbeitgeberin war jedenfalls höchst zufrieden mit ihr: „[Miss Silberstein] has done every sort of householdwork to my complete satisfaction and has proven to be honest, most reliable and efficient. She was always willing to work [...] and [...] has always proved a pleasant companion [... ] I regret that she is leaving me, the reason being that I am going away to America.“ Es ist nicht überliefert, ob die Beziehung zwischen Bianka und ihrer Arbeitgeberin im Lauf der Zeit etwas persönlicher wurde; aber viele „domestic workers“ berichteten später, dass sich niemand für ihre Ausbildung bzw. Berufserfahrung interessierte und ebenso wenig für ihre Fluchtgründe und ihre Sorgen um die Zurückgebliebenen. Selbst von britischen Juden wurde ihnen oft mit Ablehnung begegnet.
Bianca schaffte 1941 den Absprung von der Haus- zurück zur Büroarbeit; allerdings musste sie also Bürolehrling bei äußerst bescheidener Vergütung und ohne Anerkennung ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn beginnen. Ihren Beruf als Auslandskorrespondentin sollte sie nicht wieder aufnehmen können, was für sie sehr schmerzlich war.
Viel schlimmer aber waren die Sorgen um ihre Eltern: Albträume, aber auch die Schmerzen – der Bandscheibenvorfall hatte mittlerweile schon zu Dauerschmerzen in den Beinen geführt – ließen sie auch nachts nicht zur Ruhe kommen. Sie funktionierte irgendwie, vor allem getragen von der Hoffnung, nach Ende des Kriegs ihre Eltern wiedersehen zu können.
Endlich kam das ersehnte Kriegsende, die Suche nach den verschleppten Angehörigen begann. Viel später kam die Nachricht, dass ihre Eltern und Schwester Meta nicht überlebt hatten.
Das Leben musste irgendwie weitergehen. Als klar war, dass sie in England bleiben würde, anglisierte Bianka ihren Namen in „Bianca Spencer“. Ihre Brüder folgten ihrem Beispiel und nahmen ebenfalls den Nachnamen „Spencer“ an.
1946 wurde Bianca von dem deutschen Unternehmer Francis Fischel als Büroangestellte beschäftigt, bei dem sie bis zum Schluss arbeitete. Auch hier genoss Bianca wieder großes Vertrauen und Wertschätzung, und ihr wurde immer mehr Verantwortung übertragen; so bekam sie auch Prokura. Aber ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter; bald war sie gezwungen, die Arbeitszeit auf vier Stunden täglich zu reduzieren, natürlich mit den entsprechenden Gehaltseinbußen. Das Geld reichte kaum zum Überleben; so musste Bianca weiter arbeiten, obwohl es für sie schon eine Qual war, „den Weg zum und vom Geschäft in überfüllten Verkehrsmitteln zurückzulegen“. Ein Orthopäde bescheinigte eine „irreparable Schädigung der Nerven [und] der von ihnen versorgten Muskel und Hautabschnitte“. Von einer operativen Behandlung wurde abgeraten; stattdessen wurde Bianca das ständige Tragen eines Stahlkorsetts verordnet.
1951 stellte sie beim Entschädigungsamt einen Antrag auf Rente. Damit begann ein Gutachtermarathon. Alle Gutachter bescheinigten, dass Biancas verfolgungsbedingte Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) mindestens bei 50 Prozent lag, aber das Entschädigungsamt blieb der Ansicht, die MdE läge bei unter 50 Prozent; deshalb sei auch die Voraussetzung für eine laufende Rente nicht gegeben. Dabei ging es nur um eine Summe von DM 100 monatlich, die vor allem symbolischen Stellenwert hatte, denn auch damals schon lagen die Lebenshaltungskosten in London weit über denen deutscher Städte. Jahr für Jahr verging, Mitte 1961 musste Bianca schließlich ihr Recht vor Gericht erstreiten. Es ging um eine Rentennachzahlung in Höhe von 4.658,75 DM und um die besagte Rente in Höhe von 100 DM monatlich ab dem 1. August 1961. Das Gericht ordnete daraufhin die Vernehmung von Biancas Arbeitgeber an und forderte weitere medizinische Gutachten.
Nach einer Untersuchung am 20. Juni 1962 vermerkte der Arzt auf dem Deckblatt des Gutachtens: „Das Resultat meiner Untersuchung bestätigte die bereits im Middlesex Hospital gestellte Diagnose einer schweren, unheilbaren Blutkrankheit, die voraussichtlich in wenigen Monaten zum Ableben der Klägerin führen wird. Die baldmöglichste Erledigung der Klage ist daher dringlich.“ Bianca war erst seit Anfang März 1962 krankgeschrieben, obwohl sie sich seit Jahresanfang elend fühlte. Der Hausarzt nahm ihre Beschwerden offensichtlich nicht ernst; die Untersuchung im Middlesex Krankenhaus fand nur statt, weil Bianca darauf bestand.
Bianca starb am 12. Juli 1962 im Alter von 53 Jahren an Leukämie. Sie hinterließ keine Kinder. Das Entschädigungsamt verweigerte ihr bis zuletzt die monatliche Rente von 100 DM.


Biografische Zusammenstellung

Kerstin Pohle