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Katerina Silberstein (geb. Vasová)

Stolperstein Katerina Silberstein (Bild: Stolpersteine-Initiative Charlottenburg-Wilmersdorf)
VERLEGEORT
Fritschestr. 54

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
25.02.2020

GEBOREN
15.10.1913 in Ungvár / Uschhorod
FLUCHT
1938 Tschechoslowakei
DEPORTATION
im Jahre 1944 nach Stutthof
ERMORDET
09.12.1944 in Stutthof

Katerina Silberstein, genannt Kato, wurde als Kateřina Vasová am 15. Oktober 1913 in Ungvár geboren. Die heutige Stadt Uschhorod liegt im äußersten Westen der Ukraine im Dreiländereck zwischen Ungarn, der Slowakei und der Ukraine. Die Bewohner waren im Laufe der Jahrhunderte vielen Grenzverschiebungen ausgesetzt. Zu Katos Geburt war die Stadt Teil von Ungarn. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Stadt 1919 mit der Karpatoukraine an die neu gegründete Tschechoslowakei.
Kato hatte vermutlich keine Geschwister. Ihr Vater, Dr. Ignac Vas, war ein erfolgreicher Rechtsanwalt in Uschhorod. Die Familienwohnung befand sich in einem Mehrfamilienhaus im Stadtzentrum, das den Eltern gehörte; folgende Beschreibung liegt vor: „Die Wohnung bestand aus zwei Schlafzimmern, einem Speisezimmer, einem Herrenzimmer, einem Wohnzimmer, Küche, Bad und Kammer und war sehr gut eingerichtet. Im Herrenzimmer waren lederne Klubmöbel und da waren echte Teppiche, Silber, Handarbeiten und gutes Porzellan.“ In diesem Haus befand sich auch die Kanzlei des Vaters, die Praxis eines Augenarztes und vermietete Wohnungen.
Katos Eltern waren liberale Juden; diesem Umstand und ihrem Wohlstand war es sicher zu verdanken, dass Kato als junge Frau längere Zeit in Berlin verbrachte. Es ist nicht bekannt, ob sich Kato vielleicht zum Studieren oder Erlernen eines Berufs in Berlin aufhielt. In einem Dokument hieß es zu Katos Beruf, sie sei „Kontorist“; nach der Rückkehr in die alte Heimat im Jahr 1938 arbeitete sie aber als Krankenschwester im Krankenhaus von Uschhorod.
Während ihrer Zeit in Berlin lernten sich Kato und der Kaufmann Martin Silberstein kennen und lieben, möglicherweise in der später zerstörten Synagoge „Friedenstempel“ in Halensee. 1936, im Alter von 27 und 23 Jahren, heirateten sie „nach einigen Schwierigkeiten mit Pässen und Genehmigungen“. Die standesamtliche Hochzeit fand Ende Oktober 1936 in Uschhorod statt; Anfang Dezember 1936 folgte die jüdische Trauung im Friedenstempel in Berlin unter dem schon damals bekannten Rabbiner Dr. Max Nussbaum.
Das gemeinsame Leben stand allerdings von Anfang an nicht unter einem guten Stern. Martin hatte mit der Insolvenz seines Arbeitgebers infolge der Judenboykotte schon Anfang 1933 seine Arbeit in der Leitung eines größeren Damenkonfektions-Betriebs verloren. Da er keine reguläre Arbeit mehr fand, schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, war aber auch oft arbeitslos. Schließlich beschäftigte ihn sein älterer Bruder Hermann in seinem Unternehmen.
Die Verhältnisse in Deutschland wurden für Martin und Kato immer aussichtsloser und unerträglicher. Sie siedelten daher im August 1938 von Berlin nach Uschhorod um, in der Hoffnung, sich dort eine Existenz aufzubauen zu können. Insbesondere Katos Vater riet ihnen zu diesem Schritt, und im Haus der Eltern war auch eine Wohnung für das junge Paar frei. Martin beschrieb die Wohnumstände so: „Meine Frau und ich hatten eine kleinere Wohnung, die aus einem Schlafzimmer, einem Wohn-Esszimmer, Küche und Bad bestand. Diese Wohnung war einfach möbliert. Wir hatten jedoch dort unsere Hochzeitsgeschenke und die kostbare Ausstattung meiner Frau.“ „[Wir hatten] zwei Tafelservice, ein Kaffeeservice, Obstteller und Silberbesteck für 12 Personen. Ich erinnere mich, dass ein Tafelservice und das Kaffeeservice Rosenthal Porzellan war; das zweite Tafelservice war von Bavaria Porzellan. Wir hatten silberne Leuchter, Becher und Gewürzbüchsen, wie man sie in einem jüdischen Haushalt findet. Unter den Hochzeitsgeschenken war [auch] ein silberner Obstkorb [...].“ Martin beschrieb die Ehe als glücklich, auch wenn sie in diesen unsicheren Zeiten das Thema Kinder zurückstellen mussten.
Eine Beschreibung von Uschhorod zu dieser Zeit: „Es war eine schöne Stadt, und sehr sauber. […] Dort lebten Tschechen, Ungarn, Deutsche, Juden, Ukrainer. Kurzum, eine internationale Mischung, und es spielte gar keine Rolle, welcher Nationalität man angehört hatte. Dort habe ich nicht zu spüren bekommen, dass irgendjemand einen anderen Menschen wegen seiner Nationalität gehasst oder nicht gemocht hätte.“
Katos und Martins Traum von einer besseren Zukunft war nach nur drei Monaten zu Ende. Anfang November 1938 wurde Uschhorod durch den Ersten Wiener Schiedsspruch mitsamt dem südlichen Streifen der Karpatoukraine wieder Teil von Ungarn. Die ungarische Regierung hatte schon früh begonnen, sich der nationalsozialistischen Führung Deutschlands anzunähern, und faschistische Kreise genossen in der Bevölkerung eine breite Unterstützung. Nun galt in Uschhorod von einem Tag auf den anderen ein antijüdisches Diskriminierungsgesetz, das im Mai 1938 von der ungarischen Regierung verabschiedet worden war und das später noch zweimal verschärft wurde. Ab 1938 wurden mehr als 100.000 jüdische Männer zu Arbeitsbrigaden zwangsrekrutiert, in denen etwa 40.000 Juden ums Leben kamen.
Gemäß dem Gesetz hätte sofort die Enteignung der ungarischen Juden beginnen sollen. Weil aber die Mittelschicht in Ungarn fast ausschließlich von Juden gebildet wurde – in den 1930er-Jahren waren mehr als 50 Prozent der niedergelassenen Ärzte, etwa die Hälfte aller Rechtsanwälte und mehr als ein Drittel der Gewerbetreibenden Juden – und sie damit für die Wirtschaft des Landes unentbehrlich waren, wurden sie zunächst verschont. Das Regime begann aber umgehend mit der Ausweisung von Flüchtlingen aus Deutschland und Anfang 1939 stand auch Martin kurz vor der Ausweisung. „Als ich den deutschen Konsul […] um eine Verlängerung [der Aufenthaltsgenehmigung] ersuchte, wurde mir geraten, nicht mehr nach Deutschland zurückzugehen, da ich sonst in ein Konzentrationslager gebracht werden würde“.
Da Martin bereits Jahre zuvor ein Einreiseantrag in die USA bewilligt worden war, stellte er den Antrag erneut. Während der Wartezeit tauchten Kato und Martin bei Freunden in Budapest unter. Im April 1939 kam schließlich vom US-Konsulat in Budapest die Nachricht mit der Einreisegenehmigung, aber nur für Martin. „Gezwungenermaßen musste ich so […] meine Frau, die ich sehr liebte, zurücklassen“. Ihr Plan war, dass Martin sie schnellstmöglich nach Amerika nachkommen lassen würde.
In New York City angekommen, machte sich Martin direkt mit Hochdruck daran, die Mittel für die finanzielle Bürgschaft für Kato zusammenzubekommen, die Voraussetzung für ihre Einreiseerlaubnis. Allerdings fand er erst nach Wochen eine schlecht bezahlte Arbeit. Er erinnerte sich später an diese Zeit: „Ich wohnte in einem schrecklichen Zimmer mit Ratten, für das ich $ 3.00 die Woche zahlte. Die Sehnsucht nach meiner Frau und meinen Eltern sowie die Sorge um sie waren unerträglich. Die Nächte waren furchtbar. Ich konnte entweder vor Sorgen nicht schlafen, oder wenn ich einschlief, hatte ich böse Träume.“
Martins erster Antrag auf das Visum für Kato wurde mit Hinweis auf sein geringes Einkommen abgelehnt. Martin setzte seine verzweifelten Bemühungen fort, fand schließlich einen Bürgen für Kato und bekam die Einreisegenehmigung. Aber während die Dokumente auf dem Weg nach Ungarn waren, war es bereits zu spät. Am 1. September 1939, keine vier Monate nach Martins Ankunft in New York, hatte mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg begonnen. Kato saß in Ungarn fest.
Kurz darauf, im Oktober 1939, starb Katos Vater. Die Todesursache ist nicht überliefert, aber er dürfte noch ziemlich jung gewesen sein, denn Kato war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 25 Jahre alt. Die Frage liegt nah, ob er sich vielleicht in den Tod flüchtete. Sicher dürfte sein, dass er sich schwere Vorwürfe machte, seiner Tochter nicht rechtzeitig zur Flucht in die Sicherheit geraten zu haben. Die Briefverbindung zwischen Kato und Martin riss kriegsbedingt irgendwann ab. Kato hielt zu ihren Schwiegereltern in Berlin so lange wie möglich Kontakt und schickte noch bis 1941 Essenspakete an sie.
Die ersten schwerwiegenden Angriffe auf Juden in Ungarn fanden im August 1941 statt und richteten sich gegen jüdische Flüchtlinge aus Galizien, hauptsächlich polnische und sowjetische Staatsbürger. Tausende von ihnen wurden in die neueroberten ehemalig sowjetischen Gebiete deportiert. Obwohl die antijüdischen Diskriminierungsgesetze im Alltag viele Schwierigkeiten verursachten, lebten die meisten ungarischen Juden während eines Großteils des Krieges in relativer Sicherheit. Ihre systematische Vernichtung begann nach der Eroberung durch Deutschland im März 1944. Die jüdische Bevölkerung wurde von der Außenwelt isoliert; von Mitte bis Ende April wurde sie in Ghettos gezwungen und anschließend deportiert.
Es ist nicht bekannt, unter welchen Umständen und von wo Kato und ihre Mutter Hedwig Vas (geb. Hedvika Deutschová) deportiert wurden; jedenfalls müssen sie unter den allerersten ungarischen Juden gewesen sein, die verschleppt wurden. Unterwegs, in einem Außenlager des litauischen Ghettos Kowno (Kaunas), starb Hedwig; das Todesdatum und die Ursache sind nicht bekannt. Von dort aus wurde Kato in das Konzentrationslager Stutthof gebracht, in dem die Lebensbedingungen so ausgelegt waren, dass die Häftlinge qualvoll starben. Bei ihrer Ankunft am 8. April 1944 wurde ihre körperliche Verfassung als „gut“ eingestuft. Nur acht Monate später, am 9. Dezember 1944, war sie tot. Sie wurde 31 Jahre alt.
Insgesamt wurden rund 565.000 ungarische Juden ermordet. Allein in Stutthof wurden mindestens 65.000 Menschen getötet.
Was Kato betrifft, bleibt nur der Hoffnungsschimmer, dass sie sich Martins unerschütterlicher Liebe und Treue während dieser schrecklichsten aller Zeiten gewiss sein konnte.


Biografische Zusammenstellung

Kerstin Pohle