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Gustav Philipp Friedenstein

Stolperstein Gustav Philipp Friedenstein Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka
VERLEGEORT
Wilmersdorfer Str. 28

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
18.06.2018

GEBOREN
14.06.1871 in Breslau / Wrocław
BERUF
Textilkaufmann
DEPORTATION
am 26.01.1943 nach Theresienstadt
ERMORDET
18.03.1943 in Theresienstadt

Gustav Philipp Friedenstein wurde am 14. Juni 1871 als Sohn des Schumachermeister Louis Friedenstein und dessen Frau Cäcilie, geb. Heilborn, in Breslau geboren. Er hatte noch zwei jüngere Brüder, Hermann Max (*1875) und Ernst (*1879).
Am 28. Juli 1898 heiratete er Else Heilborn, die am 5. Oktober 1876 in Berlin-Spandau geboren wurde und ebenfalls einen Schuhmachermeister zum Vater hatte. Vermutlich waren ihre Familien schon vorher durch Heirat verbunden, denn auch der Geburtsname von Gustavs Mutter Cäcilie lautete Heilborn. Gustav und Else Friedenstein blieben wahrscheinlich kinderlos.
Gustav Friedenstein war Textilkaufmann in Charlottenburg. Er war Inhaber von Geschäften für Herren- und Knabenoberbekleidung in der Scharrenstraße 32 (heute Schustehrusstraße), in der Spreestraße 48 (heute Wintersteinstraße) und später eines Herrenmodenvertriebes, zunächst in der Berliner Straße 112 (heute Otto-Suhr-Allee) und in der Wilmersdorfer Str. 22. Der letzte Eintrag zu ihm als Teilhaber eines Tuchversands findet sich 1939 im Berliner Adressbuch.
Wann genau die Friedensteins aus ihrer Wohnung vertrieben wurden, ist unklar. Noch 1943 stehen sie im Melderegister. Es ist aber zu vermuten, dass dies bereits im Oktober 1942 geschah, da die Einziehung ihres Vermögens zu dieser Zeit verfügt wurde. Gewöhnlich wurden Ehepaare gemeinsam deportiert, bei Gustav und Else Friedenstein war das anders. Gustav musste sich in der Gerlachstraße 18–21, Berlin-Mitte, und Else in der Großen Hamburger Straße, Berlin-Mitte, melden. Diese beiden jüdischen Altersheime waren von den Nazis geschlossen und als Sammellager für jüdische Menschen aus ganz Berlin vor deren Deportation missbraucht worden.
Nach der „Vermögenserklärung“, die alle Juden vor der Deportation abgeben mussten, besaßen die Friedensteins nichts: Die erhaltene „Inventarliste“ weist nur leere oder durchgestrichene Seiten auf. Und auch die Verfügung der Gestapo vom 1. Oktober 1942 über die Einziehung des Vermögens von Else Friedenstein, die ihr am 11. Januar 1943 im Sammellager Große Hamburger Straße ausgehändigt wurde – also einen Tag vor ihrer Deportation – nennt keinen Wert des konfiszierten Vermögens.
Es ist also nicht mehr festzustellen, was mit der Wohnungseinrichtung, die es auf jeden Fall gegeben haben muss, und möglichen anderen Vermögenswerten geschah. Sollten sich Vermieter, Nachbarn, die Gestapo oder wer auch immer bereits 1942 bei der Ausweisung der Friedensteins aus ihrer Wohnung „bedient“ haben? Vieles ist vorstellbar, derzeit aber nichts zu belegen.
Aber die BEWAG zeigte am 15. Februar 1943 – also nach der Deportation des Ehepaares Friedenstein – korrekt an, dass „der frühere Abnehmer“ Else Sara Friedenstein 7,49 Mark zu viel an Stromkosten gezahlt hatte und diese am 4. Mai 1943 an die Oberfinanzkasse überwiesen. Perfekte – oder auch perfide – deutsche Bürokratie!
Gustav Friedenstein wurde am 26. Januar 1943 mit dem „82. Alterstransport“ mit weiteren 99 jüdischen Berlinerinnen und Berlinern nach Theresienstadt deportiert. Von den 100 Personen, die vom Anhalter Bahnhof aus deportiert wurden, haben 81 nicht überlebt. Gustav Friedenstein wurde am 18. März 1943 ermordet.
Else Friedenstein wurde am 12. Januar 1943 mit dem „26. Osttransport“ zusammen mit 1195 weiteren Personen vom Güterbahnhof Moabit in der Putlitzstraße nach Auschwitz deportiert, ihr Todesdatum ist nicht bekannt. Vermutlich wurde sie unmittelbar nach Ankunft in der Gaskammer ermordet.
Gustav Friedenstein wurde 71 Jahre, seine Frau Else 66 Jahre alt.
Die Datenbank von Yad Vashem weist unter den Namen Friedenstein und Heilborn zahlreiche Ermordete aus, die aufgrund der Geburtsjahre und mit Bezug zu den Geburtsorten Berlin und Breslau nahe Verwandte sein könnten: Geschwister, Schwägerin oder Schwager, Cousine oder Cousin. Offensichtlich ist eine weit verzweigte Familie ausgelöscht worden.


Diese Stolpersteine wurden am 18. Juni 2018 vom Künstler Gunter Demnig verlegt und von Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses Wilmersdorfer Straße 28 gespendet.

Das Ehepaar Friedenstein wohnte seit 1915 in der Wilmersdorfer Straße, zunächst kurzzeitig in der Nr. 22, von 1917 bis 1943 waren die Friedensteins in der Wilmersdorfer Straße 28 gemeldet.

Biografische Zusammenstellung

Recherche und Text: Brigitte Deja

Weitere Quellen

Minderheiten-Volkszählung vom 17.5.1939
Familiendatenbank Juden im Deutschen Reich, Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e.V.
Meldeblätter der Häuser Wilmersdorfer Straße 22 und 28, Archiv des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf Villa Oppenheim