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Irene Erna Johanna Walther

Stolperstein Irene Walther, Quelle: OTFW
VERLEGEORT
Waitzstr. 12

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg

GEBOREN
23.01.1919 in Berlin-Neukölln
BERUF
Stenotypistin
INHAFTIERT
ab 17.07.1942 bis zum 18.08.1942 in Strafgefängnis Berlin-Plötzensee
HINGERICHTET
18.08.1942 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee

Irene Erna Johanna Walther wurde am 23. Januar 1919 in Berlin-Neukölln geboren. Ihre Eltern, der Feinmechaniker Friedrich („Fritz“) Hermann Walther und die Artistin Erna Lerche, heirateten erst im November 1921. Erna Lerche war bei der Geburt ihrer Tochter 19 Jahre alt, ihr Mann fünf Jahre älter. Es gibt bisher keinen Hinweis darauf, dass Irene Geschwister hatte.

Nach 1933 soll sie zunächst dem Bund Deutscher Mädchen angehört haben. Mitte der 1930er-Jahre war sie in der Rohrfabrik Butzke & Co. in Kreuzberg tätig, wo sie vermutlich zur Bürokraft ausgebildet wurde. Ihre Sterbeurkunde weist sie als Stenotypistin aus. Bei Butzke lernte sie den fast zwei Jahre jüngeren Lehrling Heinz Birnbaum kennen, der sich 1934 dem Jugendverband der KPD, dem KJVD, angeschlossen hatte. Beide verliebten sich ineinander, und Birnbaum überzeugte Irene von seiner Weltsicht. Er war mit dem jüdischen Kommunisten Herbert Baum befreundet, und so wurde Irene in dessen Gruppe aufgenommen. Es handelte sich um einen überwiegend jüdischen Freundeskreis, der zusammen die Freizeit verbrachte, politisch diskutierte und Flugblätter verteilte.
Schon bei Butzke & Co. sollen Irene Walther und Heinz Birnbaum antifaschistische Flugblätter und Zeitungen der KPD verteilt haben. Birnbaum verließ den Betrieb 1937 und wurde später in den Mechanischen Werkstätten Schubert in Reinickendorf angestellt.

Im März 1940 starb Irenes Mutter Erna 40-jährig im St.-Antonius-Krankenhaus in Karlshorst an offener Lungentuberkulose.
Irene wohnte zuletzt nicht mehr bei ihrem Vater, der sich neu verheiratete, sondern fand ein Zimmer zur Untermiete in der Charlottenburger Waitzstraße, in dem laut Berliner Adressbuch von 1942 sechzehn Mietparteien verzeichnet waren, darunter sieben Frauen.

Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion wuchs in der Baum-Gruppe der Drang nach aktiverem Widerstand. Die Eröffnung der massenwirksamen Hetzausstellung „Das Sowjetparadies“ im Berliner Lustgarten Anfang Mai 1942 empörte Herbert Baum so sehr, dass er ein Zeichen setzen wollte. Er dachte anfangs an Flugblätter; ein chemo-technisch versierter Genosse einer anderen Gruppe, Joachim Franke, schlug einen Brand- und Sprengstoffanschlag vor. Dieser wurde dann auch in die Tat umgesetzt. Am 18. Mai trafen sich Herbert Baum und zehn weitere Genossen und Genossinnen abends gegen 20 Uhr vor der Ausstellung, getarnt als harmlose Besucher. Irene Walther war dabei, Heinz Birnbaum hatte Spätschicht. Joachim Franke und Werner Steinbrinck setzten unbeobachtet einen Sprengstoffbehälter in einem Raum ab und Herbert Baum brachte einen kleinen Brandsatz an. Danach verließen alle rasch den Tatort. Der angerichtete Schaden war gering.

Nur wenige Tage später wurde die Gruppe, vermutlich durch Verrat oder Denunziation, aufgedeckt; ab dem 22. Mai wurden die meisten der am Anschlag Beteiligten verhaftet.

Im Schnellverfahren wurden sie am 16. Juli 1942 vom Sondergericht Berlin als „Gewaltverbrecher“ zum Tode verurteilt. Am Folgetag wurde die 23-jährige Irene aus dem Frauengefängnis an der Barnimstraße in das Strafgefängnis Berlin-Plötzensee überführt und dort am 18. August früh zwischen 5:00 Uhr und 5:30 Uhr unter dem Fallbeil hingerichtet. Mit ihr starben Marianne Baum, Sala Kochmann, Suzanne Wesse, Hildegard Jadamowitz, Joachim Franke, Werner Steinbrinck, Hans- Georg Mannaberg, Heinz Joachim und Gerhard Meyer. Herbert Baum soll sich am 11. Juni im Polizeigefängnis erhängt haben.

Der nicht am Anschlag beteiligte Heinz Birnbaum hatte sich zunächst verstecken können und war am 1. Juni verhaftet worden. Am 10. Dezember 1942 wurde er zusammen mit Heinz Rothholz und anderen Mitgliedern der Baum- Gruppe vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und am 4. März 1943 hingerichtet.

Irenes Vater Fritz Walther starb Anfang Februar 1945, erst 51-jährig, in Köpenick an Brustfellentzündung und akuter Herzlähmung. Da ihre Eltern bei Kriegsende also beide nicht mehr lebten, die Großeltern väterlicherseits waren ebenfalls tot, gab es nach 1945 wohl niemanden mehr aus ihrer Familie, der über Irene Walther hätte berichten und Fotos oder Briefe von ihr hätte öffentlich machen können.

Bis heute ist kein Foto und kein Schriftstück von ihr bekannt. Die Prozessunterlagen des Sondergerichts sind verschollen.


Biografische Zusammenstellung

Cristina Fischer

Weitere Quellen

- Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933-1945. Ein biographisches Lexikon. Bd. 8 (T- Z), Berlin 2004.
- Regina Scheer: Im Schatten der Sterne. Eine jüdische Widerstandsgruppe. Berlin 2004.