Siegbert Lewinsohn

Verlegeort
An der Urania 7
Historischer Name
Nettelbeckstr. 24
Bezirk/Ortsteil
Schöneberg
Verlegedatum
26. März 2014
Geboren
30. Juli 1923
Zwangsarbeit
Arbeiter (einer Munitionsfabrik)
Deportation
am 12. Januar 1943 nach Auschwitz
Ermordet
in Auschwitz
  • Stolperstein für Siegbert Lewinsohn. Copyright: MTS
    Stolperstein für Siegbert Lewinsohn. Copyright: MTS

    Stolperstein für Siegbert Lewinsohn. Copyright: MTS

Siegbert Lewinsohn kam am 30. Juli 1923 als Sohn von Martin und Erna Lewinsohn, geborene Sass, in Berlin zur Welt. Er hatte noch eine jüngere Schwester namens Eva, die am 3. November 1924 in Bärwalde/Pommern geboren wurde. Ein älterer Bruder war vor ihm bei der Geburt gestorben. Das Neugeborene war an seiner eigenen Nabelschnur erstickt. Der Tod des Bruders war in der Familie ein Tabuthema. Deshalb erfuhr Siegbert erst zu dem Zeitpunkt seiner Bar Mitzvah im Jahre 1936, dass er nicht der erstgeborene Sohn war. Siegbert hatte zu Beginn seiner Schulzeit Probleme mit dem Sprechen. Er stotterte und litt an einer Störung des Redeflusses, in einer speziellen Grundschulklasse, die sich des Problems dieser Kinder annahm, konnte die Beeinträchtigung aber durch Atemübungen behoben werden. Im Laufe der Jahre waren seine Noten so hervorragend, dass er eine Klasse überspringen und er vor dem zehnten Lebensjahr das Gymnasium besuchen durfte. Im Jahre 1929 waren die Lewinsohns nach Berlin gezogen. Seine Bar Mitzvah fand 1936 in der Synagoge in der Fasanenstraße statt. Die Feier wurde schon nicht mehr sehr ausgiebig gefeiert. Nur die allernächsten Familienmitglieder nahmen an der Zeremonie und dem anschließenden Kaffeetrinken teil. Das Familienleben litt jedoch noch nicht unter den sich ankündigenden bedrohlichen Vorzeichen. Man vergnügte sich Samstags im Zoo oder beim Schwimmen im Wannsee, besuchte das KaDeWe und ging ins Kino. Siegbert verdiente sich etwas Geld als Balljunge auf einem Tennisplatz. Aber schon bald verboten die Eltern ihm diese Tätigkeit, auch weil sie für den Jungen zu schwer war. Sein größter Wunsch war der Besitz eines Fahrrades. Ein befreundeter Junge lieh ihm einmal das eigene Rad und Siegbert verursachte damit einen Unfall. Sein ganzes, bisher gespartes Geld musste er für die Reparatur des fremden Rades aufwenden. Seine große Leidenschaft war das Sammeln von Briefmarken. Er besaß schließlich mehrere Alben. Siegbert war Mitglied im Sportverein "Maccabi". Im Laufe der 1930er Jahre wurden die Treffen des Sportvereins schließlich verboten und man traf sich deshalb heimlich in privaten Wohnungen. Dort besprach man auch die Möglichkeiten einer Emigration. Siegbert hatte großes Interesse daran, nach Palästina auszuwandern, aber dafür fehlten vermutlich die finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Von 1932 bis 1934 besuchte Siegbert ein staatliches Gymnasium, musste dann aber 1935 auf eine private jüdische Schule wechseln. Im April 1937 verließ er die Schule und ging ab dem 12. April 1937 bis zum 3. März 1938 auf eine jüdische Tagesschule für die Berufsvorlehre, die von der Reichsvertetung der Juden in Deutschland in der Niederschönhausener Hermannstraße 64 eingerichtet worden war. In seinem Abgangszeugnis bezeugt man Siegbert eine ausgesprochene Neigung und Begabung für den Gärtnerberuf und für Arbeiten in der Schlosserei und Tischlerei. Die gezeigten Fähigkeiten werden ihn bewogen haben, in die Israelitische Gartenbauschule Ahlem bei Hannover einzutreten. Die Schule war eine internatsmäßige Bildungseinrichtung für Gartenbau und diverse Handwerksberufe. Hier erlernten jüdische Schüler praktisch-gewerbliche Berufe, die ihnen traditionell verwehrt waren. Er besuchte die Schule von 1938 bis Juni 1941. Während dessen war seine Schwester Eva am 14. Juni 1939 auf das Gut Winkel in Spreenhagen gezogen. Dort besuchte sie Hachschara-Kurse zur Erlernung land- und hauswirtschaftlicher sowie handwerklicher Fertigkeiten. Die Hachschara-Bewegung sollte junge Menschen systematisch auf die Besiedlung Palästinas vorbereiten. Dort besuchte sie ihr Bruder im Oktober 1939. Ihr gelang im gleichen Jahr mit der Jugendaliyah über Dänemark die Flucht nach Palästina. Sie sah ihren Bruder niemals wieder. Siegbert musste im Juni 1941 die Schule in Ahlem verlassen. Er zog wieder zu den Eltern, die aber schon nicht mehr in der Nettelbeckstraße wohnten. Sie waren einer Familie Sammet in der Eisenacher Straße 5 zugewiesen worden. Siegbert wurde anschließend noch zur Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik verpflichtet. <br />
Mit dem 26. Transport vom 12. Januar 1943 wurde er zusammen mit seinen Eltern nach Auschwitz verfrachtet. Er wurde nicht einmal 20 Jahre alt. <br />
Am 26. Juni 1966 stellte die Schwester Eva Weigert einen Entschädigungsantrag für ihren Bruder Siegbert Lewinsohn. Dem Antrag wurde entsprochen. Ihrem Antrag auf Entschädigung des Schadens im beruflichen Fortkommen vom 26. Juni 1966 wurde in Höhe von 4.000,-- DM abgegolten. <br />

Siegbert Lewinsohn kam am 30. Juli 1923 als Sohn von Martin und Erna Lewinsohn, geborene Sass, in Berlin zur Welt. Er hatte noch eine jüngere Schwester namens Eva, die am 3. November 1924 in Bärwalde/Pommern geboren wurde. Ein älterer Bruder war vor ihm bei der Geburt gestorben. Das Neugeborene war an seiner eigenen Nabelschnur erstickt. Der Tod des Bruders war in der Familie ein Tabuthema. Deshalb erfuhr Siegbert erst zu dem Zeitpunkt seiner Bar Mitzvah im Jahre 1936, dass er nicht der erstgeborene Sohn war. Siegbert hatte zu Beginn seiner Schulzeit Probleme mit dem Sprechen. Er stotterte und litt an einer Störung des Redeflusses, in einer speziellen Grundschulklasse, die sich des Problems dieser Kinder annahm, konnte die Beeinträchtigung aber durch Atemübungen behoben werden. Im Laufe der Jahre waren seine Noten so hervorragend, dass er eine Klasse überspringen und er vor dem zehnten Lebensjahr das Gymnasium besuchen durfte. Im Jahre 1929 waren die Lewinsohns nach Berlin gezogen. Seine Bar Mitzvah fand 1936 in der Synagoge in der Fasanenstraße statt. Die Feier wurde schon nicht mehr sehr ausgiebig gefeiert. Nur die allernächsten Familienmitglieder nahmen an der Zeremonie und dem anschließenden Kaffeetrinken teil. Das Familienleben litt jedoch noch nicht unter den sich ankündigenden bedrohlichen Vorzeichen. Man vergnügte sich Samstags im Zoo oder beim Schwimmen im Wannsee, besuchte das KaDeWe und ging ins Kino. Siegbert verdiente sich etwas Geld als Balljunge auf einem Tennisplatz. Aber schon bald verboten die Eltern ihm diese Tätigkeit, auch weil sie für den Jungen zu schwer war. Sein größter Wunsch war der Besitz eines Fahrrades. Ein befreundeter Junge lieh ihm einmal das eigene Rad und Siegbert verursachte damit einen Unfall. Sein ganzes, bisher gespartes Geld musste er für die Reparatur des fremden Rades aufwenden. Seine große Leidenschaft war das Sammeln von Briefmarken. Er besaß schließlich mehrere Alben. Siegbert war Mitglied im Sportverein "Maccabi". Im Laufe der 1930er Jahre wurden die Treffen des Sportvereins schließlich verboten und man traf sich deshalb heimlich in privaten Wohnungen. Dort besprach man auch die Möglichkeiten einer Emigration. Siegbert hatte großes Interesse daran, nach Palästina auszuwandern, aber dafür fehlten vermutlich die finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Von 1932 bis 1934 besuchte Siegbert ein staatliches Gymnasium, musste dann aber 1935 auf eine private jüdische Schule wechseln. Im April 1937 verließ er die Schule und ging ab dem 12. April 1937 bis zum 3. März 1938 auf eine jüdische Tagesschule für die Berufsvorlehre, die von der Reichsvertetung der Juden in Deutschland in der Niederschönhausener Hermannstraße 64 eingerichtet worden war. In seinem Abgangszeugnis bezeugt man Siegbert eine ausgesprochene Neigung und Begabung für den Gärtnerberuf und für Arbeiten in der Schlosserei und Tischlerei. Die gezeigten Fähigkeiten werden ihn bewogen haben, in die Israelitische Gartenbauschule Ahlem bei Hannover einzutreten. Die Schule war eine internatsmäßige Bildungseinrichtung für Gartenbau und diverse Handwerksberufe. Hier erlernten jüdische Schüler praktisch-gewerbliche Berufe, die ihnen traditionell verwehrt waren. Er besuchte die Schule von 1938 bis Juni 1941. Während dessen war seine Schwester Eva am 14. Juni 1939 auf das Gut Winkel in Spreenhagen gezogen. Dort besuchte sie Hachschara-Kurse zur Erlernung land- und hauswirtschaftlicher sowie handwerklicher Fertigkeiten. Die Hachschara-Bewegung sollte junge Menschen systematisch auf die Besiedlung Palästinas vorbereiten. Dort besuchte sie ihr Bruder im Oktober 1939. Ihr gelang im gleichen Jahr mit der Jugendaliyah über Dänemark die Flucht nach Palästina. Sie sah ihren Bruder niemals wieder. Siegbert musste im Juni 1941 die Schule in Ahlem verlassen. Er zog wieder zu den Eltern, die aber schon nicht mehr in der Nettelbeckstraße wohnten. Sie waren einer Familie Sammet in der Eisenacher Straße 5 zugewiesen worden. Siegbert wurde anschließend noch zur Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik verpflichtet.
Mit dem 26. Transport vom 12. Januar 1943 wurde er zusammen mit seinen Eltern nach Auschwitz verfrachtet. Er wurde nicht einmal 20 Jahre alt.
Am 26. Juni 1966 stellte die Schwester Eva Weigert einen Entschädigungsantrag für ihren Bruder Siegbert Lewinsohn. Dem Antrag wurde entsprochen. Ihrem Antrag auf Entschädigung des Schadens im beruflichen Fortkommen vom 26. Juni 1966 wurde in Höhe von 4.000,-- DM abgegolten.