Noemi Eisemann

Verlegeort
Dortmunder Straße 13
Bezirk/Ortsteil
Moabit
Verlegedatum
20. September 2013
Geboren
27. Dezember 1937
Deportation
am 26. Oktober 1942 nach Riga
Ermordet
29. Oktober 1942 in Riga
  • Stolperstein Noemi Eisemann

    Stolperstein Noemi Eisemann ©OTFW

Noemi Eisemann wurde am 27. Dezember 1937 in Berlin geboren. Sie war die Tochter des Lehrers Dr. Karl Eisemann (*1895 in Westheim) und seiner Frau Else, geb. Katz (*1908 in Eschwege). Ihre Eltern hatten im Oktober 1936 in Eschwege geheiratet und sich danach eine gemeinsame Wohnung in Berlin genommen, wo Karl Eisemann bereits seit den 1920er-Jahren lebte und als Lehrer an der Volksschule der Israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel beschäftigt war. Die Wohnung der Eisemanns lag in der Dortmunder Straße 13 in Moabit.<br />
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Noemi Eisemann wurde in eine Gesellschaft geboren, in der sie aufgrund ihrer Geburt als Tochter jüdischer Eltern als „Volksfeindin“ galt und rassistischer Verfolgung ausgesetzt war. Es kann für ihre Familie nicht leicht gewesen sein, das Kleinkind angemessen zu versorgen. Für die Mittel des täglichen Bedarfs reichten die diskriminierenden Lebensmittelkarten für Juden kaum aus, die nur in bestimmten Geschäften und zu beschränkten Zeiten zum Bezug von Nahrung berechtigten. Ab dem Jahre 1942 wurden auch diese Mittel noch einmal drastisch eingeschränkt. Sie erhielten beispielsweise kein Fleisch, keine Eier und keine Milch mehr, außerdem keine Weizenerzeugnisse wie Mehl und Weißbrot. Nach den Pogromen im November 1938 wurde ihr Großvater mütterlicherseits, Simon Katz, wie alle männlichen Juden in Eschwege verhaftet und misshandelt, bevor er in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde. Nach seiner Entlassung verließ er mit seiner Ehefrau Eschwege und floh nach Berlin, wo sie in der Wohnung in der Dortmunder Straße 13 unterkamen. Sie haben sich Ende der 1930er-Jahre/Anfang der 1940er-Jahre mit um das Kleinkind gekümmert, wenn Karl und Else Eisemann das nicht konnten, wie aus den Briefen von Noemis Vater hervorgeht, die sich in der späteren Entschädigungsakte erhalten haben. Aus diesen geht außerdem hervor, wie fortgeschritten die Pläne der Eisemann zu diesem Zeitpunkt waren, das Land zu verlassen.<br />
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Mehrere Verwandte hatte sich seit Mitte der 1930er-Jahre ins Exil retten können und versuchten den Eisemanns aus dem Ausland zu helfen: Noemis Onkel sowie ihre Tante väterlicherseits, Dr. Lazarus Eisemann und Leah (Lina) Birk, geb. Eisemann, lebten im britischen Mandatsgebiet Palästina; Max Katz, ihr Onkel mütterlicherseits, hatte über Brasilien die USA erreicht. Karl und Else Eisemann versuchten mit ihrer Tochter ebenfalls nach Palästina zu gelangen. Sie hatten Vereinbarungen mit Spediteuren getroffen, Auswanderungsabgabe und Golddiskont (sogenannte Dego-Abgabe) bezahlt, einen Teil ihrer beweglichen Güter in Liftvans (Transportkisten für den Schiffsverkehr nach Übersee) in Fracht gegeben und erlernten Qualifikationen, die ihnen im Exil hätten helfen sollen. Ihr Vater übte sich auf Klavier und Akkordeon, um Unterricht auf diesen Instrumenten geben zu können; ihre Mutter erlernte die Herstellung von Büstenhaltern. Sie wollte „sich entweder mit Nähen Geld verdienen, oder sofort im Haushalt Stellung annehmen.“ Den Eisemanns sollte die Ausreise nicht gelingen. Spätestens mit dem Ausreiseverbot im Oktober 1941 zerschlugen sich all ihre Hoffnungen. Seit Anfang der 1940er-Jahre wurde das Leben für sie in Berlin zum Existenzkampf. Karl Eisemann, der zuletzt 1938/1939 Schulleiter der Volksschule der jüdischen Gemeinde Rykestraße war, musste als „Erdarbeiter“ für die Friedhofsverwaltung der Jüdischen Kultusvereinigung arbeiten. Noemis Mutter war zu Zwangsarbeit als Näherin für den Uniformbetrieb Martin Michalski in der Großen Frankfurter Straße 137 verpflichtet worden.<br />
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Der Entrechtung folgte die Deportation: Am 1. Oktober 1941 hatte die Gestapo die Jüdischen Gemeinde Berlins informiert, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Noemis Vater wurde im Rahmen der sogenannten „Gemeindeaktion“, die auf die Deportation von Mitarbeitern der Jüdischen Gemeinde Berlins zielte, im Oktober 1942 verhaftet und im Sammellager in der ehemaligen Synagoge Levetzowstraße interniert. In einem späteren Brief an Noemis Onkel, Max Katz, schildert ein Nachbar die Situation: „Als ersten wurde Herr Dr. Eisemann von der Gestapo abgeholt, daß war am Freitag und Montag ist Else freiwillig ihrem Manne nachgefolgt und ihr Kind wurde dann ein paar Stunden, da es noch geschlafen hatte von jüdischen Helferinnen abgeholt. Das war am 26. Oktober 1942. – Es war furchtbar! Ich hätte schon längst geschrieben, aber ich wollte an all die furchtbaren Stunden nicht denken. […]. Ihr Schwager war ein herzlicher Mann Aristokrat von Scheitel bis zur Sohle. Und Ihre liebe Schwester Else war eine herzlich liebe gute Frau & Mutter wie man wohl selten eine findet und die kleine Tochter war ein kluges liebes und verschwiegenes Kind. Man konnte ihr ruhig einen Apfel schenken ohne verraten zuwerden. Sie kante uns alle nur fremden gegenüber kannte sie uns nicht. So klug war sie schon […].“<br />
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Die damals noch vierjährige Noemi Eisemann wurde am 26. Oktober 1942 zusammen mit ihren Eltern mit dem „22. Osttransport“ aus Berlin in das Ghetto Riga deportiert. Die Transportliste dieser Deportation verzeichnet den 47-jährigen Karl Eisemann und seine 34-jährige Ehefrau als „arbeitsfähig“. Die Eheleute sind möglicherweise in Riga noch zu Zwangsarbeit selektiert worden, bevor sie im Ghetto, in einem Arbeitskommando oder einem der NS-Vernichtungslager ermordet wurden. In jedem Fall gehörten weder Karl, noch Else, noch Noemi Eisemann zu den wenigen Überlebenden des Rigaer Ghettos.<br />
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Noemis Großeltern verblieben nach der Deportation zunächst in der Wohnung in der Dortmunder Straße 13. Sie wurden im Rahmen der „Fabrik-Aktion“, bei der die letzten offiziell in der Hauptstadt verbliebenen Juden deportiert werden sollten, im Frühjahr 1943 verhaftet, getrennt voneinander am 3. und 4. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Noemis Onkel Max Katz sowie ihr Onkel Dr. Lazarus Eisemann und ihre Tante Leah (Lina) Birk überlebten mit ihren Familien die NS-Verfolgung im Exil.

Noemi Eisemann wurde am 27. Dezember 1937 in Berlin geboren. Sie war die Tochter des Lehrers Dr. Karl Eisemann (*1895 in Westheim) und seiner Frau Else, geb. Katz (*1908 in Eschwege). Ihre Eltern hatten im Oktober 1936 in Eschwege geheiratet und sich danach eine gemeinsame Wohnung in Berlin genommen, wo Karl Eisemann bereits seit den 1920er-Jahren lebte und als Lehrer an der Volksschule der Israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel beschäftigt war. Die Wohnung der Eisemanns lag in der Dortmunder Straße 13 in Moabit.

Noemi Eisemann wurde in eine Gesellschaft geboren, in der sie aufgrund ihrer Geburt als Tochter jüdischer Eltern als „Volksfeindin“ galt und rassistischer Verfolgung ausgesetzt war. Es kann für ihre Familie nicht leicht gewesen sein, das Kleinkind angemessen zu versorgen. Für die Mittel des täglichen Bedarfs reichten die diskriminierenden Lebensmittelkarten für Juden kaum aus, die nur in bestimmten Geschäften und zu beschränkten Zeiten zum Bezug von Nahrung berechtigten. Ab dem Jahre 1942 wurden auch diese Mittel noch einmal drastisch eingeschränkt. Sie erhielten beispielsweise kein Fleisch, keine Eier und keine Milch mehr, außerdem keine Weizenerzeugnisse wie Mehl und Weißbrot. Nach den Pogromen im November 1938 wurde ihr Großvater mütterlicherseits, Simon Katz, wie alle männlichen Juden in Eschwege verhaftet und misshandelt, bevor er in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde. Nach seiner Entlassung verließ er mit seiner Ehefrau Eschwege und floh nach Berlin, wo sie in der Wohnung in der Dortmunder Straße 13 unterkamen. Sie haben sich Ende der 1930er-Jahre/Anfang der 1940er-Jahre mit um das Kleinkind gekümmert, wenn Karl und Else Eisemann das nicht konnten, wie aus den Briefen von Noemis Vater hervorgeht, die sich in der späteren Entschädigungsakte erhalten haben. Aus diesen geht außerdem hervor, wie fortgeschritten die Pläne der Eisemann zu diesem Zeitpunkt waren, das Land zu verlassen.

Mehrere Verwandte hatte sich seit Mitte der 1930er-Jahre ins Exil retten können und versuchten den Eisemanns aus dem Ausland zu helfen: Noemis Onkel sowie ihre Tante väterlicherseits, Dr. Lazarus Eisemann und Leah (Lina) Birk, geb. Eisemann, lebten im britischen Mandatsgebiet Palästina; Max Katz, ihr Onkel mütterlicherseits, hatte über Brasilien die USA erreicht. Karl und Else Eisemann versuchten mit ihrer Tochter ebenfalls nach Palästina zu gelangen. Sie hatten Vereinbarungen mit Spediteuren getroffen, Auswanderungsabgabe und Golddiskont (sogenannte Dego-Abgabe) bezahlt, einen Teil ihrer beweglichen Güter in Liftvans (Transportkisten für den Schiffsverkehr nach Übersee) in Fracht gegeben und erlernten Qualifikationen, die ihnen im Exil hätten helfen sollen. Ihr Vater übte sich auf Klavier und Akkordeon, um Unterricht auf diesen Instrumenten geben zu können; ihre Mutter erlernte die Herstellung von Büstenhaltern. Sie wollte „sich entweder mit Nähen Geld verdienen, oder sofort im Haushalt Stellung annehmen.“ Den Eisemanns sollte die Ausreise nicht gelingen. Spätestens mit dem Ausreiseverbot im Oktober 1941 zerschlugen sich all ihre Hoffnungen. Seit Anfang der 1940er-Jahre wurde das Leben für sie in Berlin zum Existenzkampf. Karl Eisemann, der zuletzt 1938/1939 Schulleiter der Volksschule der jüdischen Gemeinde Rykestraße war, musste als „Erdarbeiter“ für die Friedhofsverwaltung der Jüdischen Kultusvereinigung arbeiten. Noemis Mutter war zu Zwangsarbeit als Näherin für den Uniformbetrieb Martin Michalski in der Großen Frankfurter Straße 137 verpflichtet worden.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Am 1. Oktober 1941 hatte die Gestapo die Jüdischen Gemeinde Berlins informiert, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Noemis Vater wurde im Rahmen der sogenannten „Gemeindeaktion“, die auf die Deportation von Mitarbeitern der Jüdischen Gemeinde Berlins zielte, im Oktober 1942 verhaftet und im Sammellager in der ehemaligen Synagoge Levetzowstraße interniert. In einem späteren Brief an Noemis Onkel, Max Katz, schildert ein Nachbar die Situation: „Als ersten wurde Herr Dr. Eisemann von der Gestapo abgeholt, daß war am Freitag und Montag ist Else freiwillig ihrem Manne nachgefolgt und ihr Kind wurde dann ein paar Stunden, da es noch geschlafen hatte von jüdischen Helferinnen abgeholt. Das war am 26. Oktober 1942. – Es war furchtbar! Ich hätte schon längst geschrieben, aber ich wollte an all die furchtbaren Stunden nicht denken. […]. Ihr Schwager war ein herzlicher Mann Aristokrat von Scheitel bis zur Sohle. Und Ihre liebe Schwester Else war eine herzlich liebe gute Frau & Mutter wie man wohl selten eine findet und die kleine Tochter war ein kluges liebes und verschwiegenes Kind. Man konnte ihr ruhig einen Apfel schenken ohne verraten zuwerden. Sie kante uns alle nur fremden gegenüber kannte sie uns nicht. So klug war sie schon […].“

Die damals noch vierjährige Noemi Eisemann wurde am 26. Oktober 1942 zusammen mit ihren Eltern mit dem „22. Osttransport“ aus Berlin in das Ghetto Riga deportiert. Die Transportliste dieser Deportation verzeichnet den 47-jährigen Karl Eisemann und seine 34-jährige Ehefrau als „arbeitsfähig“. Die Eheleute sind möglicherweise in Riga noch zu Zwangsarbeit selektiert worden, bevor sie im Ghetto, in einem Arbeitskommando oder einem der NS-Vernichtungslager ermordet wurden. In jedem Fall gehörten weder Karl, noch Else, noch Noemi Eisemann zu den wenigen Überlebenden des Rigaer Ghettos.

Noemis Großeltern verblieben nach der Deportation zunächst in der Wohnung in der Dortmunder Straße 13. Sie wurden im Rahmen der „Fabrik-Aktion“, bei der die letzten offiziell in der Hauptstadt verbliebenen Juden deportiert werden sollten, im Frühjahr 1943 verhaftet, getrennt voneinander am 3. und 4. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Noemis Onkel Max Katz sowie ihr Onkel Dr. Lazarus Eisemann und ihre Tante Leah (Lina) Birk überlebten mit ihren Familien die NS-Verfolgung im Exil.