Betti Bergmann geb. Simon

Verlegeort
Eyke-von-Repkow-Platz, ggü. Nr.2
Historischer Name
Eyke-von-Repkow-Platz 4
Bezirk/Ortsteil
Moabit
Verlegedatum
10. Juni 2024
Geboren
17. Februar 1886 in Labiau (Ostpreußen)
Beruf
Näherin
Deportation
am 01. November 1941 nach Łódź / Litzmannstadt
Später deportiert
1942 nach Chełmno / Kulmhof
Ermordet
in Chełmno / Kulmhof
Biografie

Betti Simon wurde am 17. Februar 1886 in Labiau in Ostpreußen Полесск geboren, das heute Полесск/Polessk heißt und in der russischen Enklave Kaliningrad liegt. Es ist nicht bekannt, wie oder wann Betti nach Berlin kam. Dort lernte sie Hermann Bergmann kennen, einen Kurzwarenverkäufer, der 1878 in Königsberg (heute Калининград/Kaliningrad, Russland) geboren wurde. Im Mai 1912 heirateten sie. Sie bekamen drei Kinder: Edith (*1916), Ulla (*1917) und Vera, (*1921).

Betti war Näherin, vielleicht sogar eine Art Modedesignerin, und Hausfrau. Die Familie weiß nur wenig über ihren Ehemann Hermann, aber viele unbestätigte Anekdoten sind in seiner Familie über ihn verbreitet worden. Eine Zeit lang soll er in Südafrika als Kellner gearbeitet haben, wurde aber gefeuert, nachdem er einem Gast Soße auf den Hals geschüttet hatte. Er soll dem deutschen Freikorps, einem Freiwilligenverband, der im Burenkrieg (1899-1902) auf Seiten der Buren in Südafrika gegen die Briten kämpfte. Daraus lässt sich schließen, dass er vermutlich eher dem deutsch-nationalistischen Lager zuneigte. Es heißt, er habe in Südafrika fotografiert und Postkarten aus den Fotografien hergestellt. Manche sagen, er sei Großwildjäger gewesen. Er besaß offenbar mindestens ein Buch des berühmten Sexualwissenschaftlers, Sozialreformers und Eugenikers Havelock Ellis, das er in einem verschlossenen Schrank aufbewahrte, aber seine Töchter wussten, wo der Schlüssel war. Die Familie scheint recht wohlhabend gewesen zu sein, und nach einem Foto zu urteilen, das sie beim Picknick in einem Wald zeigt, besaß sie ein großes Auto.

Zwischen 1937 und 1938 schickten Betti und Hermann ihre Kinder aus Deutschland fort, um sie vor den Verfolgungen der Nationalsozialisten zu schützen. Damals konnten jüdische Flüchtlinge, die vor den Nazis flohen, nicht in jedem beliebigen Land Asyl beantragen. Das südliche Afrika aber war relativ offen und Hermann hatte möglicherweise Verbindungen dorthin. Edith war die Erste, die 1937 aus Deutschland fliehen konnte. Sie ging nach Südafrika. Im Jahr darauf gingen Ulla und Vera nach Südrhodesien, vielleicht weil es zu dieser Zeit nicht einfach war, ein Visum für Südafrika zu bekommen. Die Familie erinnert sich, dass Hermann anbot, Betti auf ein Schiff zu setzen, aber sie weigerte sich, ohne ihre beiden Schwestern Gertrud und Ella zu gehen.

Hermann und Betti lebten nun ohne ihre Kinder in Berlin. Am 3. Oktober 1939 starb Hermann im Alter von 61 Jahren im Israelitischen Krankenhaus in der Elsässer Straße an Herzversagen. Das war einen Monat nach Kriegsbeginn und elf Monate nach der Pogromnacht 1938. Es wird erzählt, dass Hermann einmal auf der Straße von Nazi-Schlägern angegriffen wurde. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass Hermann mit gebrochenem Herzen starb. Sein Heimatland war in die Hände antisemitischer Mörder geraten und seine Töchter waren zu Flüchtlingen geworden. Er ist auf dem Friedhof Weißensee begraben, wo sein Grab noch immer steht (Feld O, Abt VII, Reihe S, Grab Nr. 101570).

Es scheint, dass Betti aus dem Eyke-von-Repkow-Platz in eine Zwangswohnung in der Agricolastraße 21 verlegt wurde. Sie wurde am 1. November 1941 nach Łódź deportiert, kurz nachdem die Deportationen der Berliner Jüdinnen und Juden begonnen hatten. Zusammen mit 200.000 anderen Menschen lebte sie unter grausamen Bedingungen im jüdischen Ghetto der von den Deutschen Litzmannstadt genannten Stadt. Aus einem komfortablen bürgerlichen Leben in einer pulsierenden Großstadt war sie in das einer Sklavin versetzt worden. In den Häusern gab es weder fließendes Wasser noch sanitäre Anlagen. Bittere Kälte im Winter. Keine warme Kleidung. Die meisten Menschen trugen Holzpantoffeln als Schuhe. Zu jeder Zeit war ein Fünftel der Bevölkerung krank. Bettis Name findet sich in den Aufzeichnungen des Ghettos, wo ihr Beruf als Näherin beschrieben wird. Es ist also wahrscheinlich, dass sie in einer der vielen Werkstätten dort arbeiten musste, die Textilien herstellten – meistens Uniformen für die deutsche Armee.

Ab dem 16. Januar 1942 begannen die Nazis, Insassen des Ghettos Łódź in das etwa 230 Kilometer entfernte Vernichtungslager Chełmno (deutsch Kulmhof) zu schicken, wo zwischen 150.-340.000 Menschen ermordet wurden.

Betti wurde am 9. oder 10. Mai 1942 im Alter von 56 Jahren nach Chełmno deportiert. Dort wurde sie zusammen mit anderen Häftlingen in einem Herrenhaus untergebracht. Ihr wurde befohlen, zu duschen, alle Kleider bis auf die Unterwäsche abzulegen und dann in einer Gruppe mit fünfzig bis siebzig anderen Personen durch einen Tunnel in den hinteren Teil eines Lastwagens zu gehen. Dessen Seiten und Dach bestanden aus Blech und das Auspuffrohr war in einer Schleife befestigt, um die Abgase in den abgedichteten Hinterraum zu leiten, in dem Betti und die anderen standen. Der Fahrer setzte sich eine Gasmaske auf, ließ den Motor an und fuhr los. Die Schreie der Menschen draußen waren zu hören. Als sie die bereits ausgehobenen Massengräber im 4 km entfernten Chełmno erreichten, waren alle Menschen im hinteren Teil des Lastwagens tot. Ein Sonderkommando aus jungen Juden wartete darauf, die Leichen abzuladen.

Mindestens drei der sechs Geschwister von Betti, Gertrud, Ella und Benno Simon, wurden ebenfalls im Holocaust ermordet. Gertrud und Ella wurden am 5. September 1942 nach Riga deportiert und am 8. September erschossen, während Benno in Auschwitz starb.

Die drei Kinder von Betti, Edith, Ulla und Vera, überlebten jedoch, da ihre Eltern ihnen das Leben retteten. Sie waren in Rhodesien und Südafrika relativ sicher, obwohl sie jung, verletzlich und weit weg von zu Hause waren.

Nach dem Krieg versuchten die Kinder, ihre Mutter zu finden. In den Archiven fand ich einen Brief, den Ulla am 21. August 1946 an den Suchdienst in Berlin schrieb: „Ich habe Ihre Adresse über die Jüdische Gemeinde in Berlin erhalten und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir irgendwie helfen könnten, den Aufenthaltsort oder das Schicksal meiner Mutter und naher Verwandter herauszufinden. (…) Seit dem Jahr 1940 habe ich nichts mehr direkt von meiner Mutter gehört. Von meinem Onkel, der damals in Holland war, erfuhr ich Anfang 1942 über das Rote Kreuz, dass meine Mutter und ihre beiden unverheirateten Schwestern nach Polen geschickt wurden – Adresse unbekannt.“

Im Juni 1947 fand das Rote Kreuz die Akte über Betti. Sie teilten Ulla mit, dass sie nach Łódź geschickt wurde und nicht von dort zurückgekehrt war.