Hans Hermann Schindler

Verlegeort
Griechische Allee 13
Bezirk/Ortsteil
Oberschöneweide
Verlegedatum
26. April 2024
Geboren
04. April 1879 in Orzech (Schlesien)
Beruf
Schlosser
Tot
12. Juni 1940 in Berlin
Biografie

Hans Hermann Schindler wurde am 4. April 1879 als fünftes von sechs Kindern der Familie Schindler in Orzech/Oberschlesien geboren. Sein Vater war der dort ansässige Gastwirt Wilhelm Schindler, seine Mutter die Gastwirtstocher Ernestine Guttmann, gebürtig aus Bobrownik/Schlesien. 

Orzech war damals ein kleines schlesisches Dorf mit rund 750 Einwohnern, 20 km nördlich von Kattowitz gelegen, in der die Landwirtschaft den Alltag bestimmte.

Hans erlernte den Schlosserberuf. Spätestens 1903 wohnte er bereits in Berlin-Friedrichshain, in der Ebelingstraße. Seine spätere Ehefrau Rosalie Wagner, geb. 15. Januar 1874 in Posen, war eine gelernte Buchhalterin und lebte 1903 ebenfalls bereits in Berlin.
Sie heirateten am 26. Juni 1903 und zogen nach Berlin-Oberschöneweide. Ein Adressbucheintrag von 1905 listet die Schindlers in der Ohmstr.4 auf. Hier kamen beide Kinder - Tochter Elfriede am 19. April 1905 und Sohn Fritz am 11. Mai 1907 - zur Welt.

In den ersten Jahren arbeitete Hans vorwiegend als Schlosser.

Im Jahr 1915 zog die vierköpfige Familie Schindler dann in die Rathausstraße 46. Hans war zu diesem Zeitpunkt 36 und Rosalie 41 Jahre alt, die Kinder 7 und 10.

Fünf Jahre später, am 06. Januar 1920, starb ihr Sohn Fritz tragischerweise bereits im Alter von 12 Jahren im Königin-Elisabeth-Hospital in der Treskowallee. Die Ursache ist unbekannt.

1923 bot Hans mit einem Kompagnon Ankerwicklungen in der Wattstr.78 an, wechselte dann aber in den Vertrieb von Radiogeräten, die damals den Markt eroberten.

Hans Bruder Alfred und seine Frau Minka gaben 1923 ihre Gaststätte in Königshütte/Schlesien auf und zogen ebenfalls nach Oberschöneweide, in der Wilhelminenhofstr.35. Die Familie rückte wieder mehr zusammen.

Nach dem Tod von Hans und Alfreds Mutter Ernestine in Orzech zog Vater Wilhelm 1928 in das Haus seiner Tochter Martha nach Erkner, in die Mittelstraße 9. Der Witwer starb dort 1935.

Zwischen 1926 und 1936 war Hans Inhaber eines Radio- bzw. Radio-und Elektrohandels in der Rathausstr.46. Für 1930 findet sich außerdem ein Eintrag für die Rathausstr.3. Als sein Schwager Milius Wagner im gleichen Jahr aus Kattowitz nach Berlin zog, fand dessen Familie an dieser Adresse erste Unterkunft.

Am 20. April 1937 wurde die Rathausstraße in Griechische Allee umbenannt und erhielt dabei auch eine neue Nummerierung. Die Schindlers wohnten nun unter der Adresse Griechischen Allee 13.

Tochter Elfriede heiratete 1937 den Fell- und Rauchwarenhändler Abram Laznik aus Vilnius (Polen). Mit ihrem gemeinsamen Sohn Ralph, der am 27. Februar 1938 geboren wurde, wohnten sie gemeinsam mit Hans und Rosalie Schindler in der Griechischen Allee 13.

Die einsetzenden Repressalien gegen Juden veranlassten Elfriede und ihren Mann 1939/40 Deutschland zu verlassen. Sie zogen in die Heimat von Abrahm, nach Vilnius, in der eine der größten jüdischen Gemeinden Europas lebte. Sicherlich erhofften sie sich dort abseits von Deutschland und im Kreise der Familie Laznik die schweren Zeiten besser zu überstehen. Nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion 1941 wird die Stadt für die meisten Juden, so auch für Abrahm, Elfriede und den kleinen Ralph Laznik, zur tödlichen Falle.

Ab 1937 musste Hans Schindler sich wieder als Schlosser verdingen. Vermutlich war es ihm unter der herrschenden Gesetzeslage und den hohen finanziellen Belastungen, die Juden trafen, nicht mehr möglich, sein Geschäft aufrecht zu erhalten.
Hans Schindler starb am 12. April 1940 mit 61 Jahren im Israelitischen Krankenheim Elsässerstr.85, das durch den Synagogenverein Adass Jisroel betrieben wurde, an Diabetes und Kreislaufschwäche. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee begraben. Laut Auskunft des Friedhofs wurden keine Angehörigen verzeichnet und ein Grabstein wurde nie gesetzt. Da als seine Wohnadresse die Luisenstr.10 (heute Plönzeile) verzeichnet ist, ist anzunehmen, dass Hans und Rosalie gezwungen wurden, ihre Wohnung in der Griechischen Allee aufzugeben. Das war damals für jüdische Mieter sehr häufig der Fall. Die genauen Hintergründe sind nicht mehr bekannt.

Seine Ehefrau Rosalie wurde am 14. September 1942 mit dem „2. Großen Alterstransport“ von Berlin nach Theresienstadt verschleppt. Ebenfalls auf der Deportationsliste war Berta Heymann, die bei Schwägerin Minka und Schwager Alfred Schindler zwangsweise einquartiert worden war.

Bei Schwester Martha lebten inzwischen andere jüdische Mitbürger, die ihre Wohnungen verloren hatten. Dazu zählte beispielsweise der Pianist und Klavierdozent Stefan Jeidels, der nach seiner Zwangsentlassung an der Musikhochschule in Berlin von Berlin-Mitte nach Erkner zog. Er wurde 1942 von Potsdam aus mit einem Sondertransport in das Zwangsarbeitslager Trawniki bei Lublin deportiert und dort ermordet.Sie starb dort am 17. Januar 1943.

Alfred und Minka Schindlers Deportation nach Theresienstadt erfolgte im März 1943. Die Lebensumstände waren grausam und es gab keine Hoffnung. Rosalie wurde am 16. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Minka nahm sich schließlich im Oktober 1944 das Leben, weil sie das Leiden nicht länger ertragen konnte. Nur Alfred Schindler überlebte mit Hilfe einer schweizerisch-jüdischen Organisation, die 1000 Häftlinge des Ghettos freikaufen konnte. Er heiratete später eine Leidensgefährtin und lebte bis 1968 in einem jüdischen Altersheim in Vivier(Schweiz).

Auch Kurt Schindler, Sohn seines Bruders Louis und Schwägerin Hedwig Henriette geb. Casparius fielen dem Holocaust zum Opfer.