Rosalie Schindler geb. Wagner

Verlegeort
Griechische Allee 13
Bezirk/Ortsteil
Oberschöneweide
Verlegedatum
26. April 2024
Geboren
15. Januar 1874 in Posen / Poznań
Beruf
Buchhalterin
Deportation
am 14. September 1942 von Berlin nach Theresienstadt
Später deportiert
am 16. Mai 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz
Ermordet
in Auschwitz
Biografie

Rosalie Wagner wurde am 15. Januar 1874 als sechstes von acht Kindern in Posen geboren. Ihr Vater Wolff Wagner, geb. 1836 in Kempen/Schlesien, war als Trödler, Eisen-, Produktenhändler und Kaufmann in Posen tätig. Ihre Mutter war Blume Berta Wagner geb. Hartmann, geb.1838. Die Eheleute lebten mit ihren Kindern rund um den Alten Markt. Er wurde im 13. Jahrhundert angelegt und war der wirtschaftliche und politische Mittelpunkt der Stadt.

Rosalie wurde Buchhalterin. Das sie als Tochter überhaupt eine Ausbildung machte, zeugte von einer modernen Weltsicht. 

Sie zog 1896, wie schon ihr Bruder Milius sechs Jahre zuvor, mit 22 Jahren, nach Gleiwitz, ins Kohle- und Stahlrevier. Möglicherweise lernte sie dort ihren späteren Mann Hans Schindler, einen Schlosser aus Orzech/Schlesien, geb.1879, kennen.

1913 starb Rosalies Vater und kurz darauf Hannchen, die älteste Schwester mit nur 52 Jahren im
„Latz ́schen Altersheim“ in der Judenstraße 15 in Posen. Die Mutter Blume löste daraufhin den Haushalt auf und zog im Alter von 75 Jahren nach Berlin, wo bereits alle Kinder außer Milius lebten.
Milius, der älteste Sohn der Wagners, Kaufmann von Posamenten und Lederwaren, hatte in Kattowitz eine Familie mit Rose Aschner gegründet und war Vater von drei Kindern: Willy, Kurt und Meta. Im gleichen Jahr starb seine Ehefrau und er verehelichte sich mit Meta Warschauer. Der gemeinsame Sohn Fritz wurde 1914 in Kattowitz geboren.

Rosalie verließ Gleiwitz 1903 und wohnte bis zu ihrer Heirat bei ihrem Bruder Leo in der Klopstockstraße 30 in Berlin-Tiergarten. Leo war Buchhalter und Kaufmann. In erster Ehe war er mit Rosa Niklas verheiratet, die allerdings 1923 verstarb. Ihr gemeinsamer Sohn Alfred wurde 1900 geboren. Seine zweite Ehe ging er mit Ella Wronker ein.

Nach der Hochzeit am 26. Juni 1903 zog das Ehepaar Rosalie und Hans Schindler nach Schöneweide. 1905 waren sie in der Ohmstraße 4 gemeldet, später in der Frischenstraße 5 (heutige Firlstraße). Dort wuchsen auch Tochter Elfriede, geboren am 19. April 1905, sowie Sohn Fritz, geb. am 13. Mai 1907, heran.

Im Jahr 1915 bezog die vierköpfige Familie in der Rathausstraße 46 eine größere Wohnung. Im Jahr 1937 wurde diese Straße in Griechische Allee umbenannt und neu nummeriert. Daher ist die Adressangabe Griechische Allee 13 die zuletzt gewählte Wohnadresse der Schindlers.

Hans arbeitete viele Jahre als Schlosser. Später vertrieb er möglicherweise als Handelsreisender Radiogeräte.

Ihr Sohn Fritz starb 1920 tragischerweise mit 12 Jahren im Königin-Elisabeth-Hospital in der Treskowallee. Die Ursache ist nicht überliefert.

Zwischen 1926 und 1936 waren Schindlers Inhaber eines Radiogeschäftes an ihrer Wohnadresse. Außerdem existiert für das Jahr 1930 ein Eintrag über eine Radio- und Elektrohandlung in der Rathausstr.3.

Die Geschwister von Rosalie hatten untereinander engen Kontakt und kümmerten sich auch stark um die Mutter, seitdem sie in Berlin lebte. Dabei spielte die Charlottenburger Waitzstr.20, in der Nähe des Kurfürstendamms, eine wichtige Rolle. Hier war Rosalies älteste Schwester Amalie, eine Geschäftsfrau, gemeldet. Blume Wagner zog 1913 bei Amalie ein und verstarb dort 1923 im Alter von 85 Jahren.

Amalie war 1926/7 Geschäftsinhaberin einer Fleischerei in der Dahlmannstr.6. Nach ihrem Tod 1927, zog Schwester Zerline, geb. 1868, in die Waitzstr. 20 ein. Sie war ebenfalls Geschäftsfrau. Ob sie Amaliens Geschäfte weiterführte, ist nicht bekannt. Ein Adresseintrag für die Fleischhandlung fehlt nach 1927.

Die jüngste Wagner-Schwester Selma, geb. 1877, war seit 1921 mit dem Kaufmann Max Cohn aus Schwerin an der Warthe verheiratet. Zum Zeitpunkt seines Todes 1929 wohnten sie bereits ebenfalls bei Zerline.

Rosalies Bruder Milius Wagner zog mit seiner Familie 1930 nach Berlin. Kurzzeitig wohnten sie in der Rathausstr.3, an gleicher Adresse wie die Radio-und Elektrowarenhandlung von Hans. Möglicherweise hatten Hans und Rosalie für die Familie eine Übergangsunterkunft gemietet. Bald darauf zog Milius mit der Familie in die Danziger Straße 41.

Im Jahr 1931 starb Rosalies jüngste Schwester Selma. Die Anzeige machte Meta Wagner, Stenotypistin, und Tochter von Bruder Milius. Sie wohnte nun ebenfalls in der Waitzstr.20. Ab 1939 wohnte Meta dann mit ihrer Tante Zerline in der Friedrichshainer Pasteurstr. 48.

Rosalies Bruder Leo starb 1935. Sein Sohn Alfred, ein Ingenieur und Telegrafeninspektor, heiratete 1929 die nicht-jüdische Charlotte Gillkötter. Er überlebte in Berlin und starb 1970 als Postrat a.D. in Lankwitz.

Rosalies Tochter Elfriede heiratete 1937 den Rauch- und Fellwarenhändler Abram Laznik aus Wilna/Vilnius(Polen). Er war schon seit 1928 in Berlin tätig. Es gibt Adresseinträge ua. für die Wattstr.88 in Oberschöneweide und die Neue Grünstr.32 in der Altstadt Köpenick. Beide wohnten mit ihrem 1938 geborenen Sohn Ralph bei Rosalie und Hans.

Als die Repressionen gegen Juden zunahmen und wahrscheinlich auch Abrams Aufenthaltsrechte und seine Geschäfte als polnischer Staatsbürger stark einschränkten, entschloßen sich die Lazniks 1939/40 zur Rückkehr in Abrams Heimatstadt. Heute wissen wir, dass sie diese Entscheidung mit dem Leben bezahlten. Damals war die politische Entwicklung noch nicht abzusehen.

Für Rosalie und Hans veränderte sich das Leben drastisch. Nicht nur, dass die Kinder geflohen waren, sie wurden 1940 offensichtlich auch dazu gezwungen ihre Wohnung aufzugeben und in die Luisenstraße 10, die heutige Plönzeile 10, umzuziehen. Für den erkrankten Hans bedeutete dieser Streß den frühen Tod. Er starb am 12. Juni 1940 an den Folgen schwerer Diabetes und Kreislaufschwäche im Israelitischen Krankenheim der orthodoxen Synagogengemeinde Adass Jisroel in der Elsässer Str, Berlin-Mitte, und wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee begraben.

Die Schwägerin Ella Wronker starb 1942 mit 66 Jahren im Jüdischen Krankenhaus in Berlin. Sie wird in einer Häftlingsliste aufgeführt. Es wird vermutet, dass es sich um eine „Flucht in den Tod“ handelte.

Rosalie wurde am 14. September 1942 mit dem sog. 2. Alterstransport nach Theresienstadt deportiert.

Ihr Bruder Milius mit Ehefrau Meta sowie ihre Schwester Zerline trafen ca. zwei Wochen später ebenfalls in diesem Ghetto ein.

Dort musste Rosalie den Tod von Zerline am 17. Oktober 1942 sowie Milius Tod am 19. Oktober 1942 miterleiden.

Sie selbst wurde am 16. Mai 1944 zusammen mit ihrer Schwägerin Meta Wagner geb. Warschauer nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. 

Milius Sohn Willy und seine Frau Gertrud wurden 1942 ins Ghetto Litzmannstadt deportiert, wo er starb. Seine Frau wurde später im Vernichtungslager Kulmhof/Chelmo ermordet. Der gemeinsame Sohn Chaim konnte nach Israel fliehen.
Willys Bruder Kurt entkam mit seiner Frau Hilde und dem gemeinsamen Sohn Lutz nach Großbritannien. Möglicherweise hatten sie sich 1943 aus Vorsicht scheiden lassen.
Schwester Meta wurde am 26. September 1942 mit dem 20. Osttransport nach Raasiku(Estland) deportiert. Dort verliert sich ihre Spur.

Fritz, der jüngste Sohn von Milius, entkam 1943 der Deportation nach Auschwitz und überlebte mit seiner Frau Martha Schwarz den Holocaust.. 

Der 1947 geborene Sohn Ralph verlegte 2019 in der Danziger Straße 41 in Berlin-Prenzlauer Berg Stolpersteine für seine Großeltern Meta und Milius Wagner sowie für seine Tante Meta Wagner und seine Großtante Zerline Wagner.