Lola Alexander wurde am 20. Juni 1907 in Berlin-Wilmersdorf geboren. Sie hatte eine Zwillingsschwester namens Hansi. Ihre Eltern Robert und Martha Alexander hatten außerdem noch drei Söhne: Bernhard (geb. 1904), René (geb. 1905) und Klaus (geb. 1908). Robert war Kaufmann in der Lederbranche. Während Lolas Kindheit zog die Familie häufig um. Zunächst lebten sie in Wilmersdorf und ab 1912 schließlich in Steglitz. Von 1919 an wohnte die Familie für zehn Jahre in der Grunewaldstr. 18.
Nach ihrem Schulabschluss am Steglitzer Lyzeum II begann Lola und Hansi eine Berufsausbildung im väterlichen Schuhgeschäft. Lola eröffnete im Jahr 1928 ein Geschäft für Knabenkleidung in der Schadenrute 3 (heute Autobahn „Westtangente“), in dem auch ihre Mutter Martha arbeitete.
Kurz zuvor waren Robert und Martha Alexander mit Hansi und vermutlich auch mit Lola in eine Wohnung in der Vionvillestr. 20 umgezogen. Die Straße befand sich in einer neuerbauten, repräsentativen Wohnsiedlung am Rande des Stadtparks Steglitz. Im Berliner Adressbuch wurde der 64-jährige Robert als „Privatier“ geführt und auch der Umzug zeugte von gewissem Wohlstand.
Doch schon 1933/1934 wendete sich das Blatt für die Familie. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten schmälerte sich der finanzielle Spielraum von jüdischen Mitbürgern immer mehr. So musste die Familie wieder eine neue, preisgünstigere Bleibe suchen und fand diese in einer kleineren Erdgeschosswohnung in der Arndtstr. 12 (heute: Gritznerstr. 41). Dort zogen nun Robert und Martha Alexander mit ihren Zwillingstöchtern Hansi und Lola ein.
Im November 1938 wurde Lolas Geschäft in der Pogromnacht zerstört und geplündert. Die finanzielle Situation der Familie wurde zunehmend prekärer. Lola nahm Näharbeiten an und trug Zeitungen aus, um die Familie über Wasser zu halten. Ihre Schwester Hansi arbeitete von April bis Oktober 1938 als „Haustochter“ in einem kleinen Landhotel am Röblinsee an der Mecklenburgischen Seenplatte. Später war sie dann bis April 1941 als „Haustochter“ bei einem jüdischen Ehepaar angestellt.
Ab April 1941 mussten sowohl Lola als auch Hansi Zwangsarbeit leisten. Lola wurde der Flugzeugmotorenbau-Fabrik der Alfred Teves GmbH in Berlin-Wittenau, zugewiesen. Am 24. Juni 1941 starb Robert Alexander an Herzversagen. Kurze Zeit später wurden Hansi, Lola und ihre Mutter Martha gezwungen, ihre Wohnung in Berlin-Steglitz zu verlassen. Sie mussten in eine Zwangswohnung in der Gutzkowstraße in Berlin-Schöneberg ziehen. Diese teilten sie sich mit weiteren jüdischen Untermietern. Die Mutter Martha nahm sich am 24. Juli 1942 mit einer Überdosis Veronal das Leben, um der bevorstehenden Deportation zu entgehen.
Trotz aller Entbehrungen hatte Lola das große Glück, dass ihr ein Fabrikaufseher, Wilhelm Daene, zugewiesen wurde, der Mitglied einer geheimen Widerstandsgruppe war. Im Januar 1943 warnte er sie vor einer Razzia gegen die noch in Berlin verbliebenen jüdischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Er bot ihr ein Versteck in seinem Haus in Konradshöhe an, das am Waldrand an der Havel lag und so vor fremden Blicken geschützt war. Danae sagte zu, auch für Lolas Schwester Hansi Hilfe zu suchen – leider erfolglos. Hansi wurde am 27. Februar 1943 im Rahmen der sogenannten „Fabrikaktion“, einer deutschlandweit koordinierten Razzia gegen jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, verhaftet. Sie wurde umgehend, am 1. März 1943, nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Lola war nach dem Verschwinden ihrer Schwester erschüttert. Die Danaes halfen noch anderen verfolgten Jüdinnen und Juden. So auch Ursula Finke. Lola und Ursula wurden enge Freundinnen. Mit gefälschten Ausweispapieren, die Wilhelm Danae für sie besorgt hatte, fuhren sie täglich von Konradshöhe zur Arbeit in die Leihbücherei-Filialen von Wilhelm Daenes Frau Margarete: Ursula nach Moabit, Lola nach Friedrichshain.
Ein Jahr lang verlief alles reibungslos. Doch im August 1944 wurden sie am Bahnhof Gesundbrunnen von einem jüdischen „Greifer“ erkannt, der für die Gestapo arbeitete. Um einer Verhaftung zu entgehen, warf sich Ursula unter einen einfahrenden Zug. Sie überlebte und wurde in das Jüdische Krankenhaus im Wedding, Iranische Str., gebracht. Lola konnte entkommen und die Daenes warnen.
In den nächsten Monaten musste Lola von einem Versteck zum anderen fliehen, ohne irgendwo länger als ein paar Tage bleiben zu können. Nachdem die Gefahr nachgelassen hatte, erlaubten ihr die Daenes, in die Leihbücherei in Friedrichshain zurückzukehren und dort im Hinterzimmer zu wohnen. Für neugierige Kunden war sie eine „ausgebombte Kriegswitwe“. Einmal pro Woche schickte Lola ein Paket an Ursula im Jüdischen Krankenhaus, das neben Lebensmitteln auch Zigaretten enthielt, die Ursula nutzen konnte, um sie gegen kleine Vergünstigungen einzutauschen.
Als sich die sowjetische Armee von Osten bereits Berlin näherte, versteckte sich Lola im Luftschutzkeller. Sobald es ihr sicher erschien, machte sie sich auf den Weg durch die verwüstete Stadt, durch Straßen voller Leichen, um Ursula im Jüdischen Krankenhaus zu suchen. Ihre Freundin entdeckte sie in einem schrecklichen Zustand im Keller des Krankenhauses, fast verhungert und nur noch 31 Kilogramm schwer. Lola pflegte Ursula gesund und fand eine Wohnung in Lichtenberg. Dort lebten Lola und Ursula zusammen.
Nach dem Kriegsende erfuhr Lola vom Schicksal ihrer Geschwister: Hansi wurde am 01.03.1943, zwei Tage nach ihrer Verhaftung, mit dem Zug nach Auschwitz transportiert und ermordet. Lolas ältester Bruder Bernhard wurde am 26. September 1942 nach Estland (Raasiku) deportiert und nach seiner Ankunft in den nahen Kiefernwäldern erschossen. Lolas Brüder René und Klaus waren mit nichtjüdischen Frauen verheiratet und wurden dadurch vor der Deportation geschützt.
Lola und Ursula blieben bis zu Lolas Tod im Jahr 1965 ein Paar und betrieben eine Schneiderei in Lichtenberg, später in Pankow. Interviews mit den Nichten von Lola und Ursula bestätigen, dass die beiden Frauen mehr als nur Freundinnen waren: Sie waren Lebenspartnerinnen, die in den dunkelsten Zeiten ihre Liebe zueinander fanden.
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