Clara Jacobi geb. Blumenfeld

Verlegeort
Kantstraße 59
Bezirk/Ortsteil
Charlottenburg
Verlegedatum
27. März 2015
Geboren
31. August 1859 in Woldenberg (Brandenburg) / Dobiegniew
Flucht
1939 Holland
Interniert
in Westerbork
Deportation
am 27. April 1943 nach Sobibor
Ermordet
30. April 1943 in Sobibor
Biografie

Clara Jacobi wurde als Clara Blumenfeld am 31. August 1859 in Woldenberg/Neumark im preußischen Kreis Friedeberg in der Provinz Brandenburg (Powiat Strzelecko-Drezdenecki, Polen) geboren. Ihre Eltern waren Salomon Blumenfeld und dessen Ehefrau Johanna Blumenfeld geborene Levy.

Wann und wo Clara ihren späteren Ehemann, den aus Fürstenwalde stammenden Kaufmann Otto Jacobi, kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten 1882 in ihrem Geburtsort. Am 26. September 1885 wurde Clara zum ersten Mal Mutter einer Tochter, der sie den Namen Katharina, genannt Käthe, gaben. Zwei Jahre später wurde ihre zweite Tochter Martha (*1887) ebenfalls in Woldenberg/Neumark geboren. Margarethe (*1889), ihre dritte Tochter, und ihr jüngster Sohn Louis (*1895) kamen in Beeskow in der Nähe von Berlin zur Welt. Wann genau Clara mit ihrer Familie nach Berlin zog, ist nicht bekannt.

Ihre jüngste Tochter Margarethe heiratete mit 33 Jahren am 16. Januar 1923 den Handelsvertreter Eugen Hirschberg in Berlin-Charlottenburg. Am 19. Oktober 1925 wurde deren Sohn Heinz Martin (später Harry genannt) geboren. Clara wurde zum ersten Mal Großmutter.

Ihre älteste Tochter Käthe heiratete mit 46 Jahren am 25. Februar 1932 Leo Salomon in Berlin. Sie wohnten in der Boxhagener Straße 28 in Horst-Wessel-Stadt (heute Berlin-Friedrichshain).

Claras Tochter Martha blieb ledig. Claras jüngster Sohn Louis heiratete am 3. August 1933 die 20jährige Eva Siedner (*6. August 1912). Am 14. September 1934 wurde deren Tochter

Anneliese, auch Amilie genannt, in Berlin geboren und Clara wurde zum zweiten Mal Großmutter. 

In einem Interview der USC Shoa Foundation erzählte Claras Enkel Harry 1998, dass er von 1935 bis 1939 bei seinen Großeltern gewohnt habe und Clara eine hervorragende Köchin gewesen sei.

1937 wanderten ihr Sohn Louis und dessen Familie nach Amsterdam in den Niederlanden aus. Er gründete dort mit seinem Kompagnon W. Grünberg eine Fabrik für Damenwäsche. Anfang 1939 gaben auch Clara und Otto ihre Wohnung in der Kantstraße 59 in Berlin-Charlottenburg auf und wagten mit fast 80 und 83 Jahren einen Neuanfang in Amsterdam. Ihre Töchter Martha und Margarethe zogen zu der ältesten Tochter Käthe in die Boxhagener Straße 28 in Horst-Wessel-Stadt. Ihr Enkel Heinz kam im März 1939 mit einem Kindertransport ebenfalls in die Niederlande, zuerst nach Rotterdam und kurz darauf in ein Kinderheim in Amsterdam.

Als Clara und Otto am 9. März 1939 in Amsterdam ankamen, wohnten sie zusammen mit Louis Familie in der Trompenburgstraat 34. Am 29. April 1940 zogen sie in die Louis Bothastraat 22. 

Nachdem die Nationalsozialisten die Niederlande am 10. Mai 1940 in einem Blitzkrieg besetzten, gelang es Truus Weijsmuller, jüdischen Waisenkindern, darunter auch Claras 15jährigem Enkel Heinz, in letzter Minute die Flucht nach Großbritannien zu ermöglichen. Louis, Eva und Anneliese hatten eine Einreisegenehmigung für die USA. Da Louis aber für seine Eltern keine Papiere bekam und er sie nicht alleine lassen wollte, blieben sie alle in den Niederlanden.

Claras Töchter Martha und Käthe sowie ihr Schwiegersohn Leo Salomon wurden mit dem ersten Deportationszug aus Berlin am 18. Oktober 1941 nach Łódź deportiert. Claras Tochter Margarethe und deren geschiedenen Ehemann Eugen Hirschberg deportierte die Gestapo am 17. November 1941 nach Kauen (Kowno, Litauen) Fort IX, wo sie sie am 25. November 1941 ermordeten. Martha, Käthe und Leo transportierten sie am 8. Mai 1942 von  Łódź in die Vernichtungsstätte Kulmhof (Chelmno, Polen), wo sie in einem Gaswagen ermordet wurden. Von dem Tod ihrer Töchter erhielten Clara und Otto keine Nachricht. Da sie aber fortan nichts mehr von ihnen hörten, waren sie sich sicher, dass sie nicht mehr lebten.

Am 4. Dezember 1942 setzte die SS (Nationalsozialistische Schutzstaffel) Clara und Otto in ihrer Wohnung in Amsterdam fest und internierte sie dann im Durchgangslager Westerbork. Hier feierten sie noch ihre Diamantene Hochzeit (60 Jahre). Von Westerbork wurden sie am 27. April 1943 in das Vernichtungslager Sobibór in der Nähe von Lublin deportiert und dort am 30. April 1943 ermordet. Clara Jacobi geborene Blumenfeld starb mit 83 Jahren. Otto Jacobi starb mit 86 Jahren.

Ihr Sohn Louis, ihre Schwiegertochter Eva und ihre Enkelin Anneliese wurden im Juni 1943 ebenfalls im Durchgangslager Westerbork interniert und am 1. Februar 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Dort wurden sie im sogenannten Sternlager, einem Teillager mit potenziellen „Austauschjuden“, interniert. Als die Britische Armee sich dem Lager näherte, verschleppte die Gestapo am 11. April 1945 2.400 Insassen dieses Lagers aus Bergen-Belsen, darunter Louis und seine Familie, per Zug Richtung Theresienstadt, wo sie aber nie ankamen. Bis zum 23. April 1945 irrte der "verlorene Zug" durch Deutschland, bis seine Insassen in der Nähe von Tröbitz von der Roten Armee befreit wurden. An dem Fleckfieber, das im Zug ausgebrochen war, starben mehr als 500 Menschen. Louis, Eva und Anneliese überlebten und gingen nach der Befreiung zurück nach Amsterdam. Louis war später siebzehn Jahre Präsident der „Liberal Jewish Community of Amsterdam“. Er starb am 29. Oktober 1966 mit 71 Jahren.