- Verlegeort
- Kantstraße 59
- Bezirk/Ortsteil
- Charlottenburg
- Verlegedatum
-
27. März 2015
- Geboren
- 19. Oktober 1925 in Berlin
- Flucht
- 1939 Holland, Kindertransport England
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Überlebt
Harry Martin Jacobi wurde als Heinz Martin Hirschberg am 19. Oktober 1925 in Berlin geboren. Er war das einzige Kind des Handelsvertreters Eugen Hirschberg und dessen Ehefrau Margarethe Hirschberg geborene Jacobi. In den ersten fünf Jahren seines Lebens wohnte er mit seinen Eltern in der Zeppelinstraße in Spandau.
Die Ehe seiner Eltern hielt nur sieben Jahre und wurde am 10. April 1930 geschieden. Danach zog seine Mutter Margarethe mit ihm nach Auerbach im Vogtland. Dort arbeitete sie als Näherin für ihren Bruder Louis, der Inhaber einer Wäschefabrik in Auerbach war. Heinz wurde mit sechs Jahren im April 1932 eingeschult. In der Schule hatte er viele nichtjüdische Freunde. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, nahmen die Diskriminierungen gegen Heinz‘ Familie zu. Als er 1936 auf die Realschule gehen sollte, wurde ihm dieses von dem Bürgermeister in Auerbach verboten, woraufhin seine Mutter entschied, mit Heinz zurück nach Berlin zu gehen. Sie wohnten bei seinen Großeltern in der Kantstraße 59. In Berlin besuchte er die jüdische Theodor-Herzl-Schule am Kaiserdamm.
In einem USC (University Southern California) - Interview erinnerte sich Harry, wie er sich in Großbritannien nannte, dass es im Haus Kantstraße 59 Parterre ein Milchgeschäft gab, dessen Inhaber sehr nett und nie diskriminierend waren. Vom Balkon ihrer Wohnung im dritten Stock sah Heinz einmal Adolf Hitler auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 1936.
Am 22. Oktober 1938 feierte Heinz in Berlin-Halensee im Friedenstempel, der als liberal galt, seine Bar Mizwa. Da seine Mutter keinen besonders großen Wert auf seine religiöse Erziehung gelegt hatte, erwarteten seine Großeltern, die der Synagoge in der Pestalozzistraße angehörten, bei Heinz‘ Bar Mizwa nichts Gutes. Sein Großvater sagte ihm nach den Feierlichkeiten: „Es war nicht so schlecht, wie ich gedacht hatte.“ Als Geschenk bekam er ein Sparbuch mit insgesamt 64 Mark. Von diesem Geld hatte er wenig, denn er musste es kurze Zeit später seinen Eltern geben, weil auch sie für die von den Nazis angerichteten Zerstörungen in der Reichspogromnacht im November des Jahres zahlen mussten. Hierbei wurde der Friedenstempel 18 Tage nach seiner Bar Mizwa zerstört.
Sein Onkel Louis, Bruder seiner Mutter, und dessen Familie waren schon 1937 nach Amsterdam in den Niederlanden geflüchtet. Louis hatte dort mit seinem Kompagnon W. Grünberg eine Fabrik für Damenwäsche gegründet. Anfang 1939 gelang es Louis, seine Eltern, Heinz‘ Großeltern, nach Amsterdam zu holen. Für Heinz hatte Louis eine Bürgschaft unterschrieben, die es ihm ermöglichte, mit einem Kindertransport von Berlin nach Amsterdam auszureisen. Seine Eltern brachten ihn schweren Herzens zum Bahnhof Zoo, wo er sich zuerst von seinem Vater und dann von seiner Mutter verabschiedete, in der Hoffnung sich bald wiederzusehen. Beide sah er nie wieder. Die Gestapo deportierte seine Eltern am 17. November 1941 nach Kauen (Kowno, Litauen) Fort IX, wo sie sie am 25. November 1941 ermordeten.
Der Kindertransport mit Heinz endete in Rotterdam in den Baracken eines Internierungslagers. Nach acht Wochen brachte man ihn und 40 weitere Kinder in ein Kinderheim in Gouda. Aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen infizierte sich Heinz dort mit Diphtherie. Nach einem Krankenhausaufenthalt erholte er sich vollständig, konnte aber nicht mehr in der bereits überfüllten Wohnung seines Onkels wohnen und kam deshalb in ein Waisenhaus in Amsterdam. Gerade als er anfing, sich ein neues Leben aufzubauen, und eine Handelsschule besuchte, besetzten die Nationalsozialisten am 10. Mai 1940 die Niederlande in einem Blitzkrieg. Heinz war in großer Not. Doch er hatte Glück: Die Holländerin Truus Weijsmuller, die zusammen mit ihrem Ehemann schon vorher den jüdischen Kindern im Waisenhaus geholfen hatte, organisierte Busse, um Heinz und die anderen Kinder zum Hafen von Ijmuiden zu bringen. Dort überredete sie den Kapitän des Dampfschiffs Bodegraven, 40 Kinder und einige Erwachsene an Bord zu nehmen und abzufahren. Die Bodegraven war das letzte Schiff, das auslief. Sie geriet unter Maschinengewehrfeuer deutscher Flugzeuge, woraufhin Heinz sich in ein Rettungsboot rettete. Er überlebte die Überfahrt, und das Schiff durfte vier Tage später endlich in Liverpool anlegen.
Truus Wijsmuller-Meijer ermöglichte den Kindern in letzter Minute die Flucht nach Großbritannien. Zwei Stunden später am 15. Mai 1940 kapitulierte die Niederlande. 1966 wurde Truus Wijsmuller-Meijer als eine der „Gerechten unter den Völkern“ geehrt.
Heinz, der in Großbritannien den Namen Harry Martin Jacobi annahm, verbrachte die restlichen Kriegsjahre in Manchester, wo er als Automechaniker arbeitete und in einem Flüchtlingsheim lebte. Als die Jüdische Brigade 1944 in Großbritannien gegründet wurde, meldete sich Harry sofort freiwillig, wurde aber erst gegen Kriegsende einberufen. Die Begründung für den Einsatz nach dem Krieg lautete: „Ihre Eltern lebten in Deutschland. Bei einem Einsatz wären Sie gezwungen gewesen, auch auf sie zu schießen.“ Von 1945 bis 1948 diente er als Fahrer in Belgien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Während dieser Zeit erfuhr Harry, dass seine Großeltern, Eltern, zwei Tanten, sein Onkel und ein Cousin im Holocaust umgekommen waren.
Sein Onkel Louis und dessen Familie überlebten den Holocaust und kehrten nach Amsterdam zurück. 1948 kam Harry dem Wunsch seines Onkels Louis nach und arbeitete für ihn in dessen Fabrik in Amsterdam. Louis spielte eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau der liberalen jüdischen Gemeinde Amsterdams. Im Juli 1949 besuchte Harry als niederländischer Jugenddelegierter die sechste internationale Konferenz der Weltunion für progressives Judentum (WUPJ) in London. Rabbi Leo Baeck beendete damals seine Antrittsrede mit den Worten: „Gott wartet auf uns.“ Harry schrieb diesen Worten die Wende in seinem Leben zu. Mit der Hilfe und Ermutigung von Leo Baeck und der Gründerin des Liberalen Judentums, Lily Montagu, wurde er zum Rabbiner ordiniert. Vor 1957 heiratete er Rose Salomon in der „North London Synagogue“. Harry und Rose Jacobi wurden Eltern von drei Kindern, die sich alle intensiv im liberalen Judentum engagierten. Harry starb am 24. April 2019 mit 93 Jahren.
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