Fritz Landsberg wurde am 14.05.1880 in Berlin als zweiter Sohn von Prof. Dr. Theodor und Betty Landsberg geboren. Der Vater Theodor leitete als erster ordentlicher Professor zwischen 1880 und 1908 den Lehrstuhl Statik und Brückenbau an der TU Darmstadt und trug neben dem Professorentitel – Theodor zählte zu dieser Zeit als Jude zu den Ausnahmen mit dieser Berufung – den Titel Geheimrat als eine besondere Auszeichnung. Fritz‘ Mutter Betty war Tochter eines wohlsituierten Zigarrenhändlers und Großcousine von Emil Rathenau. Fritz wuchs in dieser wohlhabenden und anerkannten Familie behütet auf und trat beruflich in die Fußstapfen des Vaters.
Nach seinem Ingenieurstudium machte Fritz Landsberg eine steile berufliche Karriere: er wurde 1907 Regierungsbaumeister, leitete von 1912 bis 1914 die Abteilung Hauptwerkstätten der Reichsbahn in Cassel, 1914 das Eisenbahnzentralamt in Berlin, er wurde 1915 zur Eisenbahndirektion Halle versetzt und 1919 ins Reichsverkehrsministerium. Als Beamter bei der Reichsbahn wurde Fritz Landsberg im 1. Weltkrieg nicht dienstverpflichtet. 1921 übernahm er die Leitung des Wärmewirtschaftsbezirks Berlin und als Reichsbahnoberrat 1929 die Fahrzeugunterhaltung der Reichsbahn.
Der Aufstieg von Dr. Fritz Landsberg wurde am 1. Januar 1934 jäh unterbrochen. Nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das die Hitler-Regierung im April 1933 erließ, wurden jüdische Beamte in den Ruhestand versetzt. Fritz Landsberg wurde aus dem langjährigen Dienst bei der Deutschen Reichsbahn und als Dezernent für Rechnungswesen im Reichsbahnzentralamt Berlin entlassen. Aber: im Unterschied zu vielen anderen jüdischen Beamten erhielt er wegen seiner „Verdienste“ ausnahmsweise eine Pension. Er konnte seine Familie weiterhin versorgen. Und diese finanzielle Zuwendung war möglicherweise ein Grund für ihn, trotz wachsender Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland zu bleiben.
Die Verfolgung des Juden Fritz Landsberg ist eng mit seinem Familienleben verbunden. Zunächst durchbrach er das ungeschriebene Gesetz einer Heirat mit seinesgleichen und vermählte sich 1912 mit der Christin Ida Mina Kurz. Diese Verbindung gestattete die Großmutter Julie Neumann nur, weil die Verlobte Ida vor der Hochzeit zum Judentum übertrat. Nach dem Tod der Großmutter Julie Neumann 1916 traten sowohl Ida als auch Fritz Landsberg aus der Jüdischen Gemeinde aus. 1913 und 1916 wurden ihre Kinder Suzanne und Egon geboren. Suzanne verließ die Eltern 1934 und zog nach Italien, um zu studieren und zu promovieren.
Sein wiederkehrendes Bekenntnis zur jüdischen Kultur und seine neue Liebe zu der Jüdin Käthe Sernau veranlassten Fritz Landsberg 1939, sich von seiner ersten Frau Ida scheiden zu lassen. Für Ida Landsberg blieb dieser Schritt unverständlich und schmerzhaft. Die beiden Kinder jedoch erhofften sich durch die Trennung einen gewissen Schutz vor den Schikanen an jüdischen Menschen. Suzanne und Egon waren nach den Nürnberger Gesetzen sogenannte „Halbjuden“ und teilweise von den nazistischen Torturen verschont. Ida Landsberg schrieb rückblickend an eine Freundin Anfang 1940: Nun kamen die Kinder, die verlangten, dass die Scheidung sein sollte, es wäre meine Pflicht, für sie zu sorgen, für sie und den Vater. Fritz Landsberg war sich klar darüber, dass die Trennung von der „Arierin“ Ida ihn stark gefährdet, die Kinder hingegen schützt. Er selbst dachte wohl zunächst an eine Emigration nach Palästina oder nach Bolivien; Pläne, die sich nach Beginn des 2. Weltkrieges am 1.09.1939 kaum noch realisieren ließen. Fluchtwege waren versperrt, zuvor noch aufnahmewillige Länder schlossen ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge.
Fritz Landsberg blieb zwangsläufig in Berlin und heiratete im November 1940 auf dem Standesamt Berlin-Schöneberg die Jüdin Sophie Käthe Sernau.
Käthe Sernau wurde am 22.11.1897 in Halle/Saale als Tochter des Kaufmanns Adolf Sernau, mosaisch und von Henriette Wolfenstein Sernau, ebenfalls mosaisch, geboren. Sie war das jüngste von sechs Kindern der Familie. Beruflich arbeitete sie als Sekretärin bzw. Korrespondentin, auf der Deportationsliste 1943 ist als ihr Beruf der einer Kontoristin vermerkt. Von 1937 bis 1942 war sie in Berlin-Wilmersdorf in der Kaiserallee 31 a (heute Bundesallee) als Hauptmieterin gemeldet. Eltern und zwei Geschwister wohnten und arbeiteten seit längerem in Berlin. Zur Zeit der Eheschließung von Fritz und Käthe waren diese Verwandten bereits verstorben. Ausschlaggebend für die Heirat war wohl der Wunsch von beiden, sich den unter Kriegsbedingungen ausufernden Schikanen der Nazis gemeinsam zu stellen. Fritz` Tochter Suzanne vermutete, dass ihr Vater vor seinem Tod aus diesem Grund noch einmal geheiratet hat.
Bis zur Eheschließung 1940 hielt Fritz Landsberg gelegentlich noch (Fach-)Vorträge, er schickte regelmäßig Geld nach Bern, wo die geschiedene Frau Ida und Tochter Suzanne inzwischen leben. Der Sohn Egon emigrierte 22-jährig im April 1939 nach England. Fritz wähnte sich kurzzeitig unbehelligt. Er lebte laut Volkszählung 1939 in der Landshuter Str. 34 als seinem letzten legalen Wohnort.
Nach der Eheschließung zog Fritz Landsberg zu seiner 2. Ehefrau in die Kaiserallee 31a, ins Gartenhaus. Hier lebte er fortan illegal und mit mehreren gefälschten Personaldokumenten. Die Eheleute wollten einem Abtransport in ein Konzentrationslager entgehen. Nun schickte die geschiedene Frau Ida Landsberg Lebensmittel von Bern nach Berlin. 1941 schrieb Fritz L. an seine Schwägerin Hedwig Landsberg nach Brasilien, dass er sonntags mit seinen Schwestern Else und Therese speist. Aber seine Unsicherheit wuchs, wohl auch wegen der Selbstmorde seiner Schwestern Else und Therese Landsberg am 13. Februar 1942. Die beiden entgingen auf diese Weise ihrer angekündigten Deportation (Stolpersteine in der Heilbronner Str. 22). 1942 wurde Fritz zur Fabrikarbeit zwangsverpflichtet, möglicherweise arbeitete er unter falschem Namen. Aber offenbar in einer kriegswichtigen Tätigkeit, darauf deutet seine relativ späte Deportation.
Wie für andere jüdische Menschen auch wurde die Situation für Fritz Landsberg ausweglos, er konnte ihr nicht mehr entrinnen. Er wurde im Oktober 1943 deportiert und ermordet. Ebenso seine 2. Frau Käthe Landsberg. Im November 1944 schreibt seine geschiedene Frau Ida an die Schwägerin Hedwig Landsberg: Fritz wurde die letzten 2 Jahre immer gehetzt, lebte unter anderem Namen und hat sich durch seinen Pass mit richtigem Namen bei der Festnahme verraten. Ein Dokument des amerikanischen Joint Distribution Komitee und eine „Transportliste“ belegen, dass Käthe Sarah und Fritz Israel Landsberg am 14.10.1943 mit dem 44. Ost-Transport nach Auschwitz deportiert wurden, mit 71 weiteren Berliner Juden. Sie gehörten zu den letzten nach Auschwitz Deportierten. Als Deportationsgrund wird auf der Transportliste „Jude“ angegeben.
In einem Beschluss – gemäß den Sondervorschriften für Verschollenheitsfälle aus Anlass des Krieges 1939-1945 – wurde als Zeitpunkt des Todes von Fritz Landsberg der 31.12.1944 festgestellt; gleiches gilt für die Sekretärin Sofie Käthe Landsberg, geb. Sernau.
Aus Gesprächen mit seiner Tochter Suzanne wissen wir, dass sie sehr lange im Ungewissen über das Schicksal ihres geliebten Vaters war. Erst am Ende der 1990er Jahre klärten sich die Deportation von Fritz Landsberg und seine Ermordung in Auschwitz schließlich auf. Bis dahin ging man von einer Erschießung auf offener Straße im Zuge der Überprüfung seiner Personaldokumente aus. So oder so – seine Versuche, Auschwitz zu entkommen, waren vergeblich. Er und seine Frau Käthe wurden umgebracht, weil sie Juden waren. Es ist angemessen, dass mit den Stolpersteinen an ihr Leben erinnert wird und Käthe und Fritz Landsberg hier einen Erinnerungsort gefunden haben.
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