Ruth Schönthal wurde als erstes Kind von Ida und Fritz Schönthal am 27. Juni 1924 in eine jüdische Familie in Hamburg geboren. Schon 1925 zog ihre Familie nach Berlin. Beide Eltern waren sehr musikalisch und Ruth wuchs in einem musikbegeisterten Umfeld auf. Ihr Vater, der beruflich ein Unternehmer war, betätigte sich als enthusiastischer Amateurpianist und -sänger. Er förderte die musikalische Begabung seiner Tochter in Klavier, Musiktheorie und auch Komposition. Bereits mit fünf Jahren wurde Ruth als jüngste Schülerin am Stern‘schen Konservatorium aufgenommen, dessen Nachfolgeinstitut heute an der Universität der Künste angesiedelt ist. Ruth zog mit ihren Eltern und ihrem 1926 geborenen Bruder Peter in eine repräsentative Wohnung in der Oranienburger Straße. Als junges Mädchen war sie ein abgesicherteres Leben in einer wohlhabenden Familie gewohnt.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Leben der Familie Schönthal drastisch. Ruth erlebte den Terror vorbeiziehender Nazi-Schlägertruppen in der Oranienburger Straße, die die Familie immer stärker ängstigten. Wie alle jüdischen Kaufmänner wird auch ihr Vater die wirtschaftlichen Auswirkungen des zunehmenden Antisemitismus zu spüren bekommen haben. 1935 musste Ruth das Stern’sche Konservatorium aufgrund der zunehmenden, antisemitischen Verordnungen verlassen. In Interviews mit der Musikwissenschaftlerin Martina Helmig äußerte sie, dass sie im Oktober desselben Jahres außerdem aus der staatlichen Elisabeth-Schule in der Kochstraße ausgeschlossen wurde. Durch die Förderung ihres Vaters erhielt sie daraufhin Privatunterricht bei damals namhaften Musikern und Musikerinnen, zu denen ein Schüler Arnold Schönbergs zählte.
Der letzte Berliner Wohnort der Familie in der Wielandstr. 18 in Berlin-Charlottenburg steht in Zusammenhang damit, dass Fritz Schönthal seine Geschäfte nach 1933 immer weiter einschränken musste. Ruths Eltern hatten sich offenbar zur Flucht entschieden. Es liegt kein genaues Umzugsjahr vor, auch bleibt unbekannt, ob es ein Zufall war, dass die Schönthals ausgerechnet in dieses Haus zogen, in dem es nicht feindlich zuging:
Am Haus in der Wielandstr. 18 erinnert eine Berliner Gedenktafel an den Hausmeister Otto Jogmin (1894-1989), der jüdischen Bewohnern und Bewohnerinnen couragiert half, indem er ihre Religionszugehörigkeit aus den Hausbüchern strich und einen Kellerdurchbruch für die spontane Flucht bei Durchsuchungen machte. Später wurde er als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Da die Wohnung der Schönthals noch nach ihrer Flucht bis 1939 unter deren Namen geführt wurde, besteht die Möglichkeit, dass der Hausmeister – wie in anderen, nachgewiesenen Fällen – weiteren Verfolgten einen temporären Schutz in der Wohnung vermitteln konnte.
Im Juni 1938 tarnten die Schönthals ihre Flucht aus Deutschland als Urlaubsreise. Ruths Eltern zogen mit ihren Kindern zuerst nach Stockholm zu einem Onkel und dann in eine eigene Wohnung im Großraum der Stadt. Aufgrund ihrer erkennbaren Hochbegabung durfte Ruth an der Stockholmer Musikakademie weiter Klavier und Komposition studieren, obwohl sie die Voraussetzung der schwedischen Staatsbürgerschaft nicht erfüllte. Angesichts der Nähe des nationalsozialistischen Deutschlands versuchte ihr Vater vergeblich, Visa für die U.S.A. zu erlangen. Letztlich erhielt er Ende März 1941 Visa für Mexiko. Eine abenteuerliche und anstrengende, mehrmonatige Reise führte die Familie zunächst mit dem Flugzeug nach Moskau, wo Ruth ein Studium angeboten wurde. Die Familie fuhr dann mit der transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok und darauf mit dem Schiff nach Yokohama. Nach einer mehrwöchigen Wartezeit in Japan ging es per Schiff von Tokio nach Mexiko. Ruths Eltern bauten in Mexiko-Stadt eine Manufaktur für mexikanisches Kunstgewerbe mit angegliedertem Geschäft auf, während Ruth ab 1941 bei dem mexikanischen Komponisten Manuel Ponce studieren konnte. Ruth musste erleben, wie ihr kleiner Bruder Peter zunehmend an den erlittenen Traumata der Entwurzelung und Flucht litt, psychisch schwer erkrankte und 1942 in Mexiko starb.
Im Alter von 19 Jahren gab Ruth Schönthal im Palacio de Bellas Artes ein vielbeachtetes Klavierkonzert mit eigenen Kompositionen, darunter ihr erstes Klavierkonzert. Unter den Zuhörern befand sich der bekannte deutsche Komponist Paul Hindemith, der ebenfalls im Exil lebte. 1946 vermittelte dieser ihr ein Stipendium für ein Studium bei ihm an der Yale University in den USA. Sie war in der Zwischenzeit eine kurze Ehe mit dem Komponisten Oscar Ochoa eingegangen und hatte 1944 ihren Sohne Benjamin geboren. Um diesen kümmerten sich ihre Eltern, als sie zum Studieren in die USA ging. Sie schloss ihr Studium an der Yale School of Music 1948 mit Auszeichnung ab und verdiente ihren Lebensunterhalt zunächst mit dem Komponieren von Werbejingles und populären Liedern.
In zweiter Ehe mit dem bildenden Künstler Paul Seckel gebar sie 1953 und 1958 noch zwei weitere Söhne (Bernhard und Alfred Seckel).
Ruth Schönthal, die fortan auch Schonthal genannt wurde, wurde als Komponistin und Klavierpädagogin international bekannt. Unter anderem wirkte sie auch als Professorin für Komposition und Musiktheorie an der New York University.
Sie schrieb mehr als 130 Werke für verschiedene Besetzungen, auch für die Bühne und den Film, wobei sie ihre Begegnungen mit verschiedenen Kulturen einfließen ließ. Vor allem in den letzten Lebensjahrzehnten finden sich Stücke, die in Zusammenhang mit der Erfahrung von Krieg, Verfolgung und Flucht stehen. Hierzu zählt beispielsweise das Streichquartett Nr. 3 „In memoriam Holocaust“ (1997). Die Berliner Akademie der Künste verwahrt ihren Nachlass. Der Verein „reanimata“ trug dazu bei, dass Ruth Schönthal Zeit ihres Lebens in Deutschland aufgeführt und zu Festivals eingeladen wurde.
Ruth Schönthal starb 10. Juli 2006 in Scarsdale, NY, U.S.A.
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